Eine lärmende Leerstelle namens Sobotka. Neues aus Sobotkinesisch.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 472


ARMIN THURNHER

19.07.2021

Interessieren Sie sich für Themen von gesellschaftlicher Relevanz? Etwa für „Werte/Tod/Euthanasie/Beihilfe zum Selbstmord“? Oder kümmert sie das Los von „Politik/Politisches System/Parlament/Nationalrat“? Sind Sie besorgt über „Gesellschaft/Diskriminierung/Rassismus“ oder nehme Sie Anteil an Fragen von „Religion/Konfessionen/Judentum“? Folgen Sie neuen Entwicklungen auf den Gebieten „Wissenschaft/Sozialwissenschaften/Geschichte/Nationalsozialismus“?

Und möchte sie bei all dem keinen allzu starken Geo-Bezug, sondern eine dezidiert österreichische Duftnote schnuppern?

„Zutiefst eigen“
Foto: APA © Schlager

Dann sind Sie richtig bei unserem Ersten Nationalratspräsidenten, dem unglaublichen Wolfgang Sobotka. Dieser gab am Wochenende der verdienstvollen Nachrichtenagentur APA ein Interview, das diese den genannten Themengruppen zuordnete. Als interessierter Staatsbürger las ich es eilfertig und wurde reich belohnt. Leider konnten die mitgelieferten Fotos den ganzen visuellen, zwischen Louis de Funès und Benito Mussolini schwankenden Liebreiz der Persönlichkeit des Präsidenten nur andeuten. Auch hätte eine wörtliche Transkription des originalen Sobotkinesisch gewiss mehr Freude beim Lesen gebracht; man ahnt, wie schwer der Nachrichtenagentur das Übersetzen fiel. Einzelne wörtliche Zitate lassen den Charme des Originals noch spüren. Zum Beispiel habe Sobotka keine Präferenz, was möglichen Live-Übertragungen der U-Ausschuss-Sitzungen betreffe. Er sagte: „Es ist eine zutiefst eigene Aufgabe der einzelnen Fraktionen, sich damit auseinanderzusetzen und im Geschäftsordnungsausschuss zu einem gemeinsamen Vorschlag zu kommen.“

Es ist eine zutiefst eigene Aufgabe der einzelnen Fraktionen – wie tief schürft das! „Zutiefst eigen“ ist in diesem Zusammenhang zwar überflüssig, hebt aber die tiefe Eigenart und hohe Bedeutungslosigkeit des Sobotkinesischen hervor. Zutiefst eigen ist eher die Entscheidung des Sprechers, den Ausschuss-Vorsitz trotz Befangenheit (juristisch genügt ihr Anschein, damit sie es ist) zu führen. Gerade diesen Samstag hatte sein eigener Verfahrensrichter Wolfgang Pöschl Sobotka öffentlich ausgerichtet, dessen Interpretation, es sei ihm nichts anderes übrig geblieben, als den Vorsitz zu übernehmen, sei falsch.

Nicht zutiefst eigen falsch, sondern einfach falsch. Jederzeit hätte Sobotka die Möglichkeit gehabt, den Vorsitz zurückzulegen. Er tat es nicht, um  seine türkisen Freunde schützen zu können, um den Finanzminister Gernot Blümel 86mal Vergesslichkeit markieren und Kanzler Kurz den Filibuster-Clown abziehen zu lassen. Was für ein, wie sagt man, zutiefst eigener Spaß! Bei den österreichischen Medien kam Sobotka weitgehend damit durch, derart die Demokratie zu frotzeln und dabei ernste Miene aufzusetzen (wenn er nicht gerade hämisch feixte). Seine zutiefst fantastischen und dann gern als „schlampige Formulierungen“ gleich widerrufenen Bekenntnisse, von Gegengeschäft bis Wahrheitspflicht, schadeten ihm nicht.

„Wenn man ein Geschichtsbild korrigieren möchte oder neue Unterlagen hat, ist es notwendig, das dementsprechend zu setzen, ohne den Namen gleich wieder zu entfernen.“ So klingt Sobotkinesisch zum Thema Zeitgeschichte. Es ist notwendig, das dazusetzen, sonst packt einen bei dieser Formulierung Entsetzen. Wie meinen Sobotka? Dementsprechend setzen? Was, wo, wen? „Ich halte es für spannender, wenn man beispielsweise unter den Straßennamen der belasteten Person eine entsprechende Erklärung setzt. Das ist ein ganz wesentlicher Punkt, weil es ein offenes und ehrliches Umgehen mit der Geschichte ist.“

Man hätte auch sagen könne, es ist eine zutiefst eigene Aufgabe der Geschichte. Hauptsache, wesentlicher Punkt. Punkt, werde wesentlich! Und offenes und ehrliches Umgehen der Geschichte. Umgehen ist hier Umgehen, betont auf der zweiten Silbe, an ihrem Umgang sollt ihr die Umgeher erkennen. So muss Sobotka selbstverständlich den Kanzler loben. Zum Umgang tritt der Zugang: Die APA, sprachlich bereits nach kurzem sobotkinesisch infiziert, erklärt: „Wie die Geschichte den Wechsel zur ,Neue ÖVP‘ unter Parteichef und Bundeskanzler Sebastian Kurz sehen wird, müssen für Sobotka die Historiker schlussendlich klären.“

Das soll nicht heißen, Sobotka brauche Historiker, um etwas zu klären. Er ist ja selber einer. „Ich glaube schon, dass der Zugang ein neuer geworden ist. Und vor allem die Haltung. Haben Sie den Kanzler jemals gesehen, dass er entgleist wäre?“ Und weiter: „Ich halte es auch für gut, dass man sich keiner modernen Negativ-Strategien, wie DirtyCampaigning bedient.“ Die Parteifarbe Türkis sei dabei „eine logische Weiterentwicklung, die auch im Außenbild wahrgenommen wird. Auch durch eine neue Farbe“.

Bei manchen Leuten genügt es schon, wenn sie mit vielen Worten nichts sagen wollen. Sie sagen damit alles. Wolfgang Sobotka ist so einer. Eine große lärmende Leerstelle. Allerdings kann man von einem lärmenden Nichts in führender politischer Position verlangen, dass es sich in seinen Formulierungen über Volksschulniveau erhebt: „Haben Sie den Kanzler jemals gesehen, dass er entgleist wäre?“ Ob man damit einen Sprachtest zwecks Erwerb der Staatsbürgerschaft bestünde? Müsste es nicht heißen: „Haben Sie den Kanzler jemals entgleisen sehen?“ Die Antwort wäre ein zweifaches Ja. Ja, man müsste es so sagen, und Ja, den kastanienbraun Gegelten haben wir genauso oft im Schotter wie auf Schiene gesehen.

„Moderne Negativ-Strategien“ ist auch ganz gut. Als mehrfach Kanzler-angepatzter Falter-Herausgeber fühle ich mich mit derlei modernem Zeug durchaus hinreichend bedient.

Ach Sobotka, Ihr Gestammel ist eine logische Weiterentwicklung, die im Innen- und Außenbild wahrgenommen und für zutiefst falsch befunden wird. Ihre Parteifarbe identifizieren sie dabei als Farbe, was in einer Welt erstaunlich ist, in welcher der Hauptzweck solchen politischen Sprechens darin besteht, Weiß für Schwarz zu erklären und Gesprochenes durch Gebrochenes zu ersetzen. Man reiche mir die Küchenrolle.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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