Die Kunst des Elfmeterschießens, Rassisten, Tramezzini und Gurken

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 467


ARMIN THURNHER

13.07.2021

Die Euro ist abgehakt; die Bilanzen sind verfasst, unsere Teilhabe am Gefühlsleben der kickenden Millionaires and Billionaires kann wieder anderen Gefühlen weichen. Ehe ich mich wieder dem Kanzler und seinen Paladinen widme, ein Geständnis: Erstmals spürte ich Sympathie mit einer italienischen Mannschaft. Man kann ja sympathisch und unsympathisch Fußball spielen. Man kann sympathisch Fußball spielen und doch gewinnen. Auf einmal konnte ich jene Eigenschaften schätzen, die mir sonst verächtlich erschienen: die Defensivkünste dieser mythischen Innenverteidiger, die so intelligent sind, dass es ihnen reicht, halb so schnell laufen zu können wie ihre Gegner und trotzdem schneller zu sein, dank geistiger Raumkontrolle.

Ältere Menschen nehmen das als beruhigend wahr. Der angesagte Triumph der Jugend scheiterte im Desaster der britischen Elfmeterschützen. Dass die von Trainer Southgate eingewechselten Spieler nicht nur allesamt jung und nicht-weiß waren, sondern ihre Elfmeter verschossen und die „eigenen“ Fans zu Rassismus-Exzessen anregten, gehört zur tragischen Elfmeter-Versagens-Aura, die diesen Trainer umgibt. Und es zeigt die ganze Gemeinheit des menschlichen Viehs. „Unforgivable“, nannte Gary Southgate zu Recht die rassistischen Exzesse. Er nahm die Schuld an der Niederlage auf sich, aber das nützte nichts.

Gianluigi Donnarumma hält den Elfer von Jadon Sancho
Foto: APA/AP/Mike Egerton

Ich schwöre, ich sah das Unheil kommen. Man wechselt nicht einfach Leute ein, damit sie dann frisch zum Elferpunkt schreiten und einnetzen. Es ist nützlich, ein wenig vom Geist des Matchs in den Knochen zu haben, denn beim Schießen eines Elfmeters kommt es einerseits darauf an, das Match zu spüren und es gewinnen zu wollen; andererseits geht es darum, sich ganz aus dem Spiel zu nehmen, abwesend zu sein in jener Form, die es auch beim Tennis braucht, so abwesend, dass nur der Ball und das Tor für einen existieren.

Die Spielchen mit dem Tormann, wie sie zum Beispiel Marcus Rashford versuchte, das Verzögern beim Anlaufen, das Warten auf die Bewegung des Tormanns und das Schieben des Balls ins andere Eck sind meiner bescheidenen Meinung nach psychoterroristischer Luxus. In schwierigen Lagen konzentriere man sich darauf, den Ball hart neben den Pfosten zu platzieren, hoch oder flach, dann kann ihn kein Tormann erwischen. Wer sich auf das Gegenüber einlässt, beginnt das Spiel „was denkt er, dass ich denke“, und dieses Spiel lenkt ab vom Wesentlichen: sich durch nichts davon beirren zu lassen, den Ball ins Tor zu schießen. Das muss man das eine oder andere Mal gemacht haben; man muss auch einmal gescheitert sein, um das zu wissen; insofern hatte der Trainer Mitschuld an der Niederlage. Er hätte es wissen müssen.

Warum ich das weiß? Weil ich vor hundert Jahren auch einige Elfer schießen durfte. Ich hatte im Training ein paarmal ein sogenanntes Elferturnier gewonnen, weil ich es schaffte, den Ball mit dem Innenrist nach Belieben in den damals noch gebräuchlichen Kreuzeckwinkel zu schlenzen. Those were the days. Einmal war es sogar ein kommender Nationalmannschaftstormann, dem ich im Match den Ball ins Kreuzeck platzierte; der Platz war hart, meine Fußballschuhe waren neu, und ich konzertierte mich so stark auf meinen Schlenzer, dass es mich auf den Hintern setzte, von wo aus ich dem Ball nachsehen konnte, wie er über den Handschuh des selbst im Alter von sechzehn Jahren sehr gewandten und sprungkräftigen Goalies hinweg sein Ziel erreichte. Die spärlichen Zuseher wussten nicht, ob sie klatschen oder mich auslachen sollten und taten beides. Wenig später verschoss ich in einem anderen Spiel einen wichtigen Elfer und verlor meine Position als Elferschütze.

Die Legionen meiner Fans wissen auch, dass ich einen anderen Elfer in meinem Amerikaroman beschrieben habe. Es handelt sich zwar um einen Roman, aber diese Szene ist nicht erfunden. Ich schwöre also noch einmal, ich sah es kommen, dass Rashford verschießen würde. Ich sah Jadon Sancho mit den Augen Gianluigi Donnarummas, und als Bukayo Saka zum Punkt ging, wusste ich, es war vorüber. Der fast traurige Ausdruck auf dem Gesicht von Donnarumma, als er auch den Saka-Penalty gehalten hatte, machte mir den Kerl wirklich sympathisch; Ähnliches hatte man bei ihm schon gegen Belgien beobachten können. Keine geballte Faust, kein Triumphgeheul, eher schien er Mitleid mit dem scheiternden Gegner zu empfinden, erst der Jubel der Kameraden schien ihn aufzuwecken. Naja, wer weiß schon, was in diesen Leuten vorgeht.

Ich belohnte mich am Tag danach übrigens mit ein paar Thunfischtramezzini. Da diese Kolumne einst versprach, nicht nur Politk, Poesie, Tiergeschichten und Fußball zu bringen, sondern auch ungesundes Essen, darf ich Ihnen kurz schildern, wie diese Italinità für schlichte Gemüter durchzuführen ist.

Für drei Tramezzini machen sie eine Mayonnaise von einem Eidotter; mit etwas Salz und Zitronensaft abschmecken. Dann öffnen sie eine kleine Dose dieser Firma, die schwört, alle Fische nur einzeln und mit der Leine gefangen zu haben, gießen das Öl ab, drücken den Thunfisch mit einer Gabel klein und mengen ihn unter die Mayo. Sodann schälen sie ein hartgekochtes Ei, schneiden es klein (nicht zu fein „hacken“) und mischen es ebenfalls unter die Mayo. Sodann nehmen sie eines dieser wunderbar ungesunden Dinger, das sich „Italian Soft Sandwich“ oder so nennt und auf jede Art von Rinde und Nährwert stolz verzichtet, bestreichen zwei Stücke dünn mit zimmerwarmer Butter, bestreichen das eine Stück recht üppig mit der Thunfischmasse, legen das zweite Stück darauf und teilen das Ganze mit einem scharfen Messer ohne Druck diagonal, und wenn sie mögen, ein zweitesmal diagonal. Das ergibt vier kleine Tramezzini. Die Thunfischmasse reicht für drei solcher Sandwiches, also zwölf Mini-Tramezzini. Man kann auf dieser Mayobasis naturgemäß alle Arten von Füllungen herstellen, diese aber scheint mir der Klassiker schlechthin und schmeckt nach einer gewonnenen Euro großartig.

Englandfans kontern übrigens mit einem Gurkensandwich. Dafür vom gleichen kranken Brot zwei Scheiben sehr dünn mit Butter bestreichen, eine Gurke schälen, in ganz feine Scheiben schneiden, salzen und zwischen Küchenkrepp entwässern. Die einigermaßen trockenen Gurkenscheiben nicht zu dick auf die eine Brotscheibe legen, die zweite Scheibe darüberlegen und wie die Tramezzini teilen.

Dazu ein passendes Getränk Ihrer Wahl und Sie können gut begleitet über Elfmeter nachdenken. Oder über Rassismus. Oder über das Schicksal. Oder über Eurozentrismus, weil nämlich Argentinien mit Messi erstmals einen wichtigen Titel gewann, den Südamerikapokal, das Pendant zur Euro. Aber das würde andere Rezepte erfordern.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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