Kleine Rede zum Schulschluss, Teil II: Von der Poesie lernen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 464


ARMIN THURNHER

09.07.2021

Teil II

Zeit der Schulschlüsse, Zeit der Abschlussreden. So etwas, ich bekenne es, habe ich immer wieder einmal getan. Ich habe vor Studenten und Studentinnen gesprochen, die nun eben keine Studierenden mehr waren, weil gerade zu Graduierten geworden. In diesem Fall handelte es sich um Menschen, die den schönen Beruf der Architektur ausüben sollten, aber vor anderen Berufsgruppen hätte ich nicht anders gesprochen. Die Rede liegt nicht länger als sieben Jahre zurück (ich glaube, es sind sechs), und sie bezog sich auf eine berühmte Schulschlussrede des Poeten und Nobelpreisträgers Joseph Brodsky. Weil ich sie noch nie publiziert habe (glaube ich), ist nun ihre große Stunde gekommen. Vielleicht interessiert sie ja auch Sie. Hier Teil II und Schluss der Rede (vielleicht sehen mir die, welche gestern eine Zweiteilung kritisierten, mir diese nun nach).

Joseph Brodsky, 1988

Brodskys erstes Gebot, bei uns wäre es schon das Vierte, lautete: Verbessere deine sprachliche Ausdrucksfähigkeit!

Sprachliche Ausdrucksfähigkeit – was heißt das im Blick auch auf Ihren Beruf, die Architektur? Das scheint mir eine zentrale Frage. Natürlich sollten Sie sie zuerst wörtlich nehmen, Sprache ist nun einmal das Medium der Kommunikation zwischen uns. Als Sprachmystiker möchte ich sagen, wir dürfen nicht sie beherrschen, es ist besser, uns von ihr beherrschen zu lassen.

Wie alle Dinge verbessert sich Sprache nicht durch ein Kommando, das man über sie ausübt, sondern dadurch, dass man ihre Gesetze und ihre Funktionsweise studiert. Studieren kann in diesem Fall nur heißen: Eintauchen durch Lesen, Deklamieren, Schreiben. Mit anderen Worten, sich zur Sprache in Beziehung zu setzen. Sich auf die Sprache einzulassen, sie sprechend ihre Gesetze zu entdecken, ihrer Schönheit zu folgen.

Sprache lebt und wächst und ändert sich mit denen, die sie sprechen und die sie spricht. Also setzt man sich mit Sprache immer auch dem Sozialen aus. Das geht nicht ohne Spannungen ab, vor allem, wenn man manche gesellschaftlich sich durchsetzenden Neuerungen als nicht schön empfindet, wie den Verlust des Genitivs, des Reflexivpronomens oder so. Dann muss man sich mit Hilfe der Sprache gegen die Indienstnahme von Sprache wehren.

Auch als Architekten kommen Sie um Sprache nicht herum. Sie stehen unter dem Dauerfeuer der Werbesprache, Fachjargon aller Arten verlockt sie, und der Aufmerksamkeitswettbewerb scheint von Ihnen vor allem eine laute Sprache zu fordern.

Sie werden eintauchen in die Sprache ihres eigenen Fachs, in die Sprache der Bauten der Gegenwart, neuer, aufregender Materialien, und in die gesamte gebaute Weltkultur, auf den sich jeder Bau bezieht, ob es will oder nicht. Die Vorstellung kann einen ganz schön nervös machen, dass alle je gebauten Gebäude noch stehen würden, finden Sie nicht?

Das nur nebenbei. Was könnte es zum Beispiel heißen, sich zur Sprache der Architektur in Beziehung zu setzen? Wohl nicht nur, die großen Zeichen zu bestaunen. Denn auch die Sprache der Architektur ist eine soziale Sprache. Immer drückt sie gesellschaftliche Verhältnisse aus, und immer schlummert in ihr die Möglichkeit einer neuen, unentdeckten Schönheit. Oder wie es der Romantiker Eichendorff sagte:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Was das Zauberwort der Architektur ist, weiß selbstverständlich niemand. Aber man ahnt, dass etwas auch in allen Dingen schläft, dass es sich also lohnt, in alle Beziehungen hineinzulauschen, in das, was der Gegenwart vorherging vorherging und mehr noch in jene Beziehungen, die diese Gegenwart stiftet, also in das, was sie planen und bauen werden. Das meine ich überhaupt nicht pädagogisch. Im Gegenteil, Architekten, Gestalter, die die Welt bessern, können einem sehr lästig fallen. Sie schreiben mir vor, wie ich dusche, schlafe, esse. Parkgestalter sehen einen Weg dort vor, wo kein Mensch gehen will, was die Spuren im Rasen dann bewiesen. Nur weil ein geometrisches Muster beim Entwerfen verlockte.

So schnell, wie die machistischen Zeichen einer sogenannten starken Architektur ihren Zauber verlieren, kann man sie gar nicht anschauen. Sie ragen aus einer Epoche zu uns herüber, als avantgardistische Architektur an den Rand gedrängt war und sich durchsetzen musste, gewalttätig-demonstrativ. Der Übergang vom machtvollen Protest zur schieren gebauten Ausübung von Macht in den Zentren des Finanzkapitals und der globalen Konzerne lässt sich nicht übersehen.

Ich träume von einer leise widerständigen Architektur, weder Magd noch Herrin, sondern Partnerin. Die sich nicht bei sozialen Zusammenhängen anbiedert, aber diese auch nicht ignoriert. Wie lange werden wir noch Hochhäuser bekommen, deren Sockel unwirtlich sind und die Stadt unbewohnbar machen? Können wir uns leisten, das Zauberwort nicht zu hören, das in den Straßen und Plätzen vor sich hin schläft, und das nicht lautet: „Staune mich an!“ oder „Kauf mich!“? Es ist auch nicht ein biederes „Fühle dich wohl!“, eher schon ein „Sei zu Hause!“. Ein solches Behaustsein, ein solches Heimatgefühl muss nicht ohne Irritationen auskommen, aber es muss immer bestrebt sein, das Zauberwort zu hören, das ewig unhörbare. Die schönste Musik ertönt am Übergang zur Stille.

Ich hoffe, das klingt Ihnen weder zu phantastisch und abgehoben. Aber Sie sehen, unsere Ausdrucksfähigkeit ist etwas, an dem wir niemals aufhören dürfen zu arbeiten. Hier folge ich Brodsky bedingungslos. Und die Verhältnisse, der Kommerz, der Wettbewerb und Aufmerksamkeit, der Markt, die Auftraggeber, die Kunden, schlicht alles ist darauf eingestellt, unsere Ausdrucksfähigkeit abzustumpfen. Wir müssen wachbleiben, uns wachhalten.

Ich komme zur fünften Anregung. Der Dichter riet seinem Publikum, den Eltern und Verwandten gegenüber nicht allzu rebellisch und kritisch zu sein; ein Rat, der in heutigen Kuschelgenerationen eher sinnlos anmutet. Vielleicht sollte man ihn dahingehend adaptieren, zu seinen Autoritäten eine konstruktiv-kritische Beziehung herzustellen. Weder unbefragte Anbetung, noch bedingungslose Nachahmung führen zum Ziel. Mir tut meine im Zweifel rebellische Haltung heute manchmal leid.

Weiters empfahl Brodsky, sich nicht auf Politiker zu verlassen. Diese sechste Anregung kann man rückhaltlos unterstreichen, und auch wieder nicht. Denn dem Abstieg der Politik können und sollen wir nicht taten- und ratlos zusehen; er bezeichnet den Abstieg einer Kunst des Gemeinwesens, die keine geeigneten Repräsentanten mehr findet und deswegen gegen die im Aufstieg begriffenen Hetzer auf verlorenem Posten zu stehen scheint.

Aber nur, solange wir uns nicht selbst politisch betätigen, das heißt solange wir nicht versuchen, unsere Meinung zu artikulieren, so gut wir können und uns dazu auch so kompetent informieren, wie wir es eben können. Die medialen Möglichkeiten waren noch nie so groß, und doch begnügen sich die meisten mit dem Brausepulver der Gratiszeitungen, den Seifenblasen des Privatfernsehens oder dem schleichenden Gift der Social Media. Eine funktionierende Zivilgesellschaft ist unsere einzige Rettung, und sie funktioniert nur, wenn sie Leute wie Sie in dieser Gesellschaft sich und kompetent informieren, sich artikulieren und engagieren.

Die nächste Anregung Brodskys, es ist schon unsere siebente, lautet: Hüten Sie sich, sich den Status eines Opfers zuzuschreiben! Das lasse ich zustimmend und kommentarlos so stehen.

Als achte Anregung empfiehlt Brodskyb– lang vor der Erfindung des ökologischen Fußabdrucks – einen bescheidenen Lebensstil, durchaus mit globalem Blick auf eine weltweite Balance der Ungerechtigkeit: Wer hier hat, nimmt dort einem anderen etwas weg. Diese Einsicht könnte auch auf die Sprache ihrer Architektur einen gewissen Einfluss haben. Auch wenn in unseren neoliberalen Jahrzehnten ein gewisser steiflippiger Typus in Mode gekommen ist, der sich darin gefällt, Mitleid und Empathie mit Moralisieren gleichzusetzen und damit jede Art von Mitgefühl abzuqualifizieren. Weniger ist oft mehr – wie oft stellt sich ein moralischer Grundatz auch als ästhetisch brauchbar heraus, vor allem, wenn man sich frei dafür entschiedet.

Brodskys sechstes Gebot – und mithin meine neunte und letzte Anregung – lautet, man muss verzeihen können.

Verzeihen Sie mir also, wenn ich sie mit dem behelligt habe, was eine junge Generation am Anfang ihres Berufslebens von einer alten am allerwenigsten brauchen kann: mit guten Ratschlägen.

Nehmen sie dafür meine besten Wünsche für ihre glänzende Zukunft entgegen!

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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