Eine kleine Rede zum Schulschluss, Teil 1: Seid dagegen, riskiert etwas, plant nichts!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 463


ARMIN THURNHER

08.07.2021

Zeit der Schulschlüsse, Zeit der Abschlussreden. So etwas, ich bekenne es, habe ich immer wieder einmal getan. Ich habe vor Studenten und Studentinnen gesprochen, die nun eben keine Studierenden mehr waren, weil gerade zu Graduierten geworden. In diesem Fall handelte es sich um Menschen, die den schönen Beruf der Architektur ausüben sollten, aber vor anderen Berufsgruppen hätte ich nicht anders gesprochen. Die Rede liegt nicht länger als sieben Jahre zurück (ich glaube, es sind sechs). Weil ich sie noch nie publiziert habe (glaube ich), ist nun ihre große Stunde gekommen. Vielleicht interessiert sie ja auch Sie.

»Ich habe,« sprach ich, »heute eine erfreuliche und eine weniger erfreuliche Aufgabe: Die erfreuliche besteht darin, Sie zu ermutigen die weniger erfreuliche darin, Sie vielleicht auch ein bisschen zu ermahnen. Ich werde mich für beides an ein poetisches Vorbild anlehnen. Wie Sie wissen, ist es in den USA Sitte, bei Graduation-Feiern einen mehr oder weniger berühmten Redner einzuladen, der die Absolventen ein letztes Mal auf akademischem Boden adressiert. Ihnen sozusagen ein letztes Wort der Bildung nachruft, ehe die sogenannte wirkliche Welt alles tut, um ihnen jede Erinnerung an Bildung auszutreiben, wenn es denn je eine war, und sie auf ihre eigene Weise wirklich zu bilden.

Joseph Brodsky, 1972

Einer der berühmtesten Reden dieser Art hielt der leider schon verstorbene große russische Dichter Joseph Brodsky. Er sprach 1988 zu Absolventen der University of Michigan und legte ihnen sechs Gebote für ihr kommendes Leben nahe. Daran möchte ich heute erinnern, und versuchen, Ihnen in Anlehnung an Brodskys sechs Gebote meinerseits noch ein paar Gebote draufzupacken. Wenn schon Gebote, finde ich, dann sollten es knapp zehn sein. Wir können uns aber auch auf Anregungen statt Geboten einigen, schließlich sind meine Notizen auf Papier gedruckte Vorläufigkeiten und nicht in Stein gemeißelte Gesetzestafeln. Neun Anregungen also.

Als Lehrer im quasi akademischen Milieu einer Fachhochschule habe ich in den vergangenen Jahren oft gemerkt, dass meine Studentinnen und Studenten mutlos wirkten. Meine geschätzte lehrende Kollegenschaft hatte die jungen Menschen deren Berichten zufolge etwa in folgendem Stil angesprochen: „Was macht ihr überhaupt so zahlreich hier? Was wollt ihr werden? Journalisten? Ihr werdet keine Jobs im Journalismus bekommen! Vergesst es! Macht was anderes.“

Das erzählten mir die jungen Leute und sie sahen mich traurig an.

Ich versuchte dann, die Studentinnen und Studenten aufzurichten und verwies sie zuerst einmal auf mein eigenes Beispiel. Keine Angst, mit diesem Beispiel halte ich Sie nicht lange auf. Ich weiß, sage ich, es gibt wenn überhaupt nur prekäre Stellen im Angebot für sie. Und Stellen, die Sie nicht annehmen wollen. Bei mir und meinen Kollegen war es genauso, als wir vor 38 Jahren (nun sind es 44, Anm.) den Falter gründeten. Ich wollte schreiben, aber wo immer ich den Fuß hinsetzte oder wo ich auch nur hinschaute, es ging nicht.

Der verstorbene ORF-General Gerd Bacher hatte einen Zensur-Ukas herausgegeben, also wurde die Aufnahme eines von mir geschriebenen Lieds in einem ORF-Studio wieder gestoppt. Und die Zeitungen brauchte man nur zu lesen, um zu wissen, da wollte man nicht dabei sein, selbst wenn die einen gewollt hätten… Aber sie wollten mich eh nicht. Der mächtige Hans Dichand, Herausgeber der Kronen Zeitung, sagte des öfteren über mich: „Sehr guter Journalist. Leider Kommunist“. Somit war klar, ich konnte in diesem Land publizistisch nichts mehr werden.

Aber, wie es im Märchen heißt: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall…“ Also erzähle ich Ihnen kurz, nur ganz kurz das Märchen vom Falter. Der war anfangs nichts als eine Idee von ein paar Leuten, Spinnern könnte man in Anbetracht der Umstände ruhig sagen, die Zeitung machen wollten, aber mit keinem medialen Angebot zufrieden waren. Im Unterschied zu meinen Studenten und schon gar zu Ihnen hier hatten meine Kollegen und ich nicht einmal ansatzweise eine fachliche Ausbildung. Wir hatten buchstäblich von nichts eine Ahnung, deswegen brachten wir uns alles mühsam selber bei – wir waren totale Autodidakten und nahmen unsere Motivation aus unserer ziemlich totalen Opposition zur Gesellschaft.

Totale Opposition zur Gesellschaft empfehle ich Ihnen somit nicht. Ich lege sie Ihnen nur nahe. Eine wohlüberlegte, kräftige und entschlossene Opposition zur Gesellschaft hat noch nie geschadet.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich soll sie auf Ihren Einstieg ins Berufsleben einstimmen, und den planen viele von Ihnen vermutlich als Selbständige. Darin besteht immerhin ein großer Unterschied zu mir. Vor 40 Jahren plante ich nämlich überhaupt nichts. Wenige von uns, die wir im sogenannten Kollektiv in den späten 1970er Jahren am Werk waren, planten irgendetwas. Im Gegenteil: Wir waren bereit, ziemlich einiges auf eine Karte zu setzen, mit völlig ungewissem Ausgang. Zum Beispiel beschlossen wir, unseren kompletten Kapitalmangel dadurch wettzumachen, dass wir alle für zwei Jahre darauf verzichteten, irgendeine Bezahlung zu nehmen. Und unsere Ahnungslosigkeit kompensierten wir durch Enthusiasmus. „Etwas Besseres als den Tod findest du überall…“, und wir haben es gefunden.

Die Zeiten waren andere, gewiss. Aber besteht das Gute im Leben nicht gerade aus Dingen, die wir aus Zeiten retten, die anders waren? Ich sage nicht, dass Gratisarbeit die Lösung aller Probleme ist. Aber ein wenig Mut zum Risiko braucht es schon, denke ich mir, wenn ich die verzagten Gesänge der prospektiven Prekaristen höre. Und Risiko beinhaltet auch Verzicht – und zwar nicht den Verzicht von anderen, sondern zuerst den eigenen. Das sage ich auch meinem studentischen Publikum.

Tatsächlich schwangen sich einige dieser Studenten dann dazu auf, selbst kleine Unternehmen zu gründen. Sie haben Schwierigkeiten– was sollten sie sonst haben? Und sie hatten Geldprobleme – wieso sollten sie plötzlich Geld im Überfluss haben? Sie beuten sich selbst aus – aber sie machen das, was sie wollen. Und wenn man nur über ein einziges Jahr seines Lebens sagen kann, man habe gemacht, was man will, dann ist das schon was.

Jetzt habe ich Ihnen schon drei Gebote untergejubelt – ich rekapituliere:

  1. Lege dich mit den Tendenzen deiner Zeit an,
  2. Habe Mut zum Risiko und
  3. Plane nichts (für Architekten ein frivoler Rat, wie ich zugeben muss)!

Und ich bin noch nicht einmal zu den sechs Geboten Josef Brodskys gekommen, die ich für Sie ein wenig adaptieren wollte.«

Morgen folgt hier Teil II

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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