Kurz muss zurück! Endlos ziehen sich die Hanger-Games.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 440


ARMIN THURNHER

11.06.2021

„Die Monster sind zurück“ (Hans Rauscher). „America ist zurück“ (Joe Biden). Ich setze mich nicht durch. Macht nichts, ich nehme es nicht persönlich. Die deutsche Übersetzung für „America is back“ wäre „Amerika ist wieder da“. Spürt keiner mehr, was gesagt wird, wenn „zurück“ gesagt wird? Rufen sie es einmal laut einem Gegenüber zu, und Sie werden sehen, da funktioniert es noch, als Aufforderung, sich zu bewegen. Zurück ist keine Orts-, es ist eine Bewegungsbestimmung. Anders als „hinten“, das der Österreicher und neuerdings auch die Österreicherin so gern vermeidet, dass sie jedes nur erdenkliche sprachlogische Opfer bringen, um es zu vermeiden, wie Karl Kraus bemerkte, der dem Rückwärtigen eine seiner sprachlichen Erörterungen widmete.

Statt hinten sagen wir lieber rückwärts, nicht merkend, dass rückwärts die Bewegung nach hinten bezeichnet, hinten aber den Ort, an dem sich etwas befindet. Man kann sagen, unser Sprachempfinden ist im Hinten daheim, ohne dabei zu erröten. Gleiches gilt für unsere politische Lage.

Zurück zum zurück. Wir fahren zurück, dann sind wir dort, wo wir herkamen. Oder andere fahren, dann bleiben wir zurück; auch das bezeichnet eine Bewegung, nur eben die der anderen, die sich von uns wegbewegen. Wer das nicht kapiert, ist sprachlich zurückgeblieben, was man so gewiss nicht formulieren darf, aus einem Grund, der mir wurscht ist, was seinerseits als klimaschädliche Formulierung zu seiner Zeit gebrandmarkt werden wird. Obwohl ich nur biologisch produzierte Wurscht konsumiere. Selbst in meinen Phrasen bin ich peinlich auf ökologische Sauberkeit bedacht.

Aber nun sind wir zurück, das markiert die Spitze einer Formulierungskunst, die sich mit Gendersternchen umkränzt und an sich vor allem ihre gute Meinung von sich schätzt. Wir leben in Zeiten, da schlecht formuliert und unwitzig gedacht wird. Das vielleicht Kränkendste an Figuren wie Andreas Hanger ist ihre absolute Witzlosigkeit. Man kann uns anlügen, hinters Licht führen, ausbluffen oder mit dem Schmäh nehmen, alles gut und recht. Aber einfach das zu machen, was man für ein unverdrossenes Gesicht hält und uns dann mit dem Gegenteil der Wahrheit zu verdrießen, das ist nicht nur zu wenig, das lässt einen irritiert zurück.

Foto @ Volkspartei Amstetten

So schlecht belogen zu werden, ist eine Unhöflichkeit, die wir nicht verdient haben. Wenn man uns schon bescheißt, möchten wir auf ein Minimum an Esprit Anspruch erheben. Herbert Kickl zum Beispiel gewinnt unser Herz, weil er es wenigstens versucht. Kürzlich sagte er, die Nazikeule, die man gegen Seinesgleichen schwinge, sei stumpf geworden. Wir wissen, was er meinte; die Keulenschwinger hätten sich erschöpft, ihre Schwünge seien ermattet, ein dürftiges Nazikeulengeschwinge sei das, unter dem er, der neue Mínimo Líder, einfach durchmarschiere.

Leider hat er nicht mit uns Krimikonsumenten gerechnet, die besonders bei jenen vifen Laborantinnen aufmerken, die gern berichten, jemand sei mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen worden, etwa mit einer Keule. Bist Keulen?, möchte man mit Ernst Jandl dem Kickl zurufen. Hat man je von einer scharfen oder einer geschliffenen Keule gehört? Nein, aber der Mann gilt als scharfzügig, obwohl er mit der Sprache einen Heidenverdruss hat; aber wie gesagt, er bemüht sich wenigstens um Witz und Zügigkeit. Der Dreisilber „Kurz muss weg“ hat Rhythmus, Klang und Gehalt. „Kickl muss weg“ klingt nicht ganz so gut (wenn das „l“ nicht wär!), hat aber ebenso viel Berechtigung.

Die Trostlosigkeit der Türkisen wurzelt in ihrer Spracharmut. Das ist vermutlich Methode. Irgend jemand in Amerika hat entdeckt, dass Sprachwitz den direkten Zugang zur Volksseele verhindert, und nun vermeidet es das Team um Kurz um jeden Preis, witzig zu sein. Der Verdacht, dass sie sich dabei leicht tun, weil sie nicht witzig sind, nur patzig, verdichtet sich, aber was weiß man schon genau.

Das frustrierte Publikum macht es besser. Wenn ich auf Twitter meine zweifelhaften Reime zum Besten gebe – 361 Reimpaare allein dem Sobotka vorgeworfen! Wäre ich der Wirkungstyp, ich müsste verzweifeln, bin ich aber nicht, tue ich nicht, es ist reine gereimte Selbstverteidigung gegen den Angriff der Dumpfbolde, gegen die türkise Walze der Witzlosigkeit, gegen die Trostlosigkeit ihrer Message-Control, gegen Hanger, den Phrasenhammer, und wenn ich die Damen der Regierung sprachlich qualifiziere, singt mir der Chor der ÖVP-Frauen ein feministisches Ständchen. Ich weiß es zu schätzen, aber es gibt trotzdem woanders mehr Grund zur Freude (das war die längste Parenthese, die ich je verfasst habe!) – wenn ich also auf Twitter meine zweifelhaften Reime zum Besten gebe, reimt ein halbes Dutzend inspirierter Damen und Herren mit und verstärkt mit poetischer Kraft jenes sanfte Gesetz, das jenen angereimten Giftzwerg beharrlich und leise in die Knie und zum Rücktritt zwingt, und einer der Mitreimenden, ein mir nicht persönlich bekannter Herr namens Fritz Kreid machte kürzlich meinen Tag, wie man bei uns in Amerika sagt. Er fand das Wort „Hanger-Games“.

Das trifft es doch wunderbar. Sie unterhalten und hungern uns aus in einem, diese Regierung, wir die Opfer, sie undurchsichtig und mächtig und aus völlig unerfindlichen Gründen an der Macht. Ich glaube, ich spule noch einmal zurück zu dem Zeitpunkt, als Blümel sagt: Mitterlehner spielt keine Rolle mehr. Oder ich spule vor, an die Stelle, wo Kurz sagt: Blümel spielt keine Rolle mehr. Finde ich je die Stelle wieder, wo Kurz sagt: Ich bin zurück! Oder wache ich endlich auf?

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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