Erfreute Zeit. Eine Blasphemie wie früher.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 429


ARMIN THURNHER

29.05.2021

Es ist nicht der 3. Februar, es ist der 29. Mai, jener Monat, an dem mir die wunderbare Zeile aus einem Gedicht von Karl Kraus im Kopf herumgeht: „Ich dreh mich um, schon blüht der Flieder.“ Der rotflammende Zierapfel vor dem Haus verfällt zu grüner Asche, die Kastanienkerzen leuchten in einer Pracht und Zahl, die kein barocker Luster übertreffen könnte, und jetzt schäumt der von Proust gepriesene Weißdorn auf, über den der Dichter Michael Hamburger verdrossen sagt, er verströme nicht „Süße, / Vielmehr starke Fäule“, aber durch Zucht rotblühend gemacht, „taugt er/ Für Park oder Graten“, und ich darf berichten, dass neben dem Weißdorn, der bei uns wohl zurückmutiert ist und als weißblühender Baum uns mit kurzer, mächtig bienendurchsummter Schönheit erfreut, auch rosablühende Exemplare sind vorhanden, verkrüppelt, unter der Trockenheit leidend, aber in der Feuchtigkeit und Kühle des heurigen Mai aufblühend, eine Angstblüte vielleicht, aber egal, wir nehmen den Mai, wie er kommt und lassen ihn uns nicht nehmen.

Ja, wir sind erfreut, aber nicht „wie früher“, sondern einfach so. Auch die Regierung ist in einem fort erfreut, man weiß nicht wieso, wahrscheinlich, weil es sie ist. Jedenfalls gibt sie sich erfreut oder wird von willigen journalistischen Spießgesellen als „erfreut“ dargestellt, was in uns das Gefühl hervorrufen soll, sie sei erfreulich. Bei mir tritt das gegenteilige Gefühl ein, und wenn dieses eintritt – herein, Gefühl, ich kenne dich, du bist wie früher, da mochte ich die Regierung auch schon nicht, diese aber mag ich weniger als andere, gerade weil sie ihre Gefühlspolitik so zentral anlegt wie keine früher.

Außerdem fiel mir eine Bachkantate ein. Es ist Blasphemie, diese lichte Kantate zu parodieren, gesungen zur Feier Mariens und bestehend aus Gedichten eines anonymen Barockdichters, aus Bibel-Texten und einem Lutherchoral. Wie blasphemisch aber ist es, von dieser Regeirung ständig Normalität, neue und alte, gepredigt zu bekommen und dabei sehen zu müssen, wie sie Bier predigt und Mineralwasser trinkt?

Wie sie naturnahe Landwirtschaft predigt und die industrialisierte Großbauernlandwirtschaft fördert? Ich will hier nicht den Eindruck erwecken, ich würde mich dem allgemeinen Verlogenheitsfestival anschließen und als Sünder gegen die Sünde predigen. Aber kann es Sünde sein, falschen Predigern ihre Verlogenheit vorzuhalten?

Es hieß, Festivals seien abgesagt. Was aber war mit diesem unglaublichen Mühle-auf-Mühle-zu-Festival, das Kurz und seine Truppe uns zweimal die Woche vorführten, er als Oberepidemiologe der Nation, als Held aller Arztromane (warum ist er nicht im weißen Kittel aufgetreten?), als generalstabsmäßiger Lockerer und Festiger, als Friseur und Frisierter, als Groom und Gegroomter, als General Locker und General Streng, als Musterschüler und Oberlehrer, als Gesundheitsminister und Gesundheitsministerquäler, als Impfweltmeister und Impfspitzenreiter. Die Rangordnungen, die er anführte, wurden zwar immer schwammiger, aber verglichen mit Bulgarien, unserem Herzensprojekt-Impfland, liegen wir sicher noch an der Spitze.

Wenn ich vor all dem nicht in die Natur oder zum Balkenmäher flüchten kann und vor den Bildschirm gebannt bin, steht mir zur Entspannung nur die Blasphemie zur Verfügung. Hier ist sie.

BWV 83
Erfreute Zeit im neuen Bunde

    1. Aria Alt (Köstinger)

Corno I/II, Oboe I/II, Violino solo, Violino I/II, Viola, Continuo

Erfreute Zeit im neuen Bunde,
Da der türkise Glaube uns erhält.
Wie freudig wird zur rechten Stunde
Das Ministerium, der Job bestellt!

    1. Aria Bass (Schall- und Rauchenberg)

Violino I/II, Viola, Continuo

Herr, nun lässest du deinen Diener in Friede fahren, wie du gesaget hast.
Was uns als Menschen schrecklich scheint,
Ist uns ein Eingang zu dem Leben.
Es ist der Tod
Ein Ende dieser Zeit und Not,
Ein Pfand, so uns Herr Kurz gegeben
Zum Zeichen, dass er’s herzlich meint
Und uns will nach vollbrachtem Ringen
Zum Frieden bringen.
Und weil Sebastian nun
Der Augen Trost, des Herzens Labsal ist,
Was Wunder, dass ein Herz des Todes Furcht vergisst!
Es kann den erfreuten Ausspruch tun:
denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen,
welchen du bereitet hast für allen Völker der EU.
Und Bibis Israel dazu.

    1. Aria Tenor (Sebastian Kurz)

Violino solo, Violino I/II, Viola, Continuo

Eile, Herz, voll Freudigkeit
Vors ew’ge Plexiglas zu treten
Ihr sollt meinen Trost empfangen
Und Barmherzigkeit erlangen,
Ja, bei maskenvoller Zeit,
Sollt stark am Geist, ihr kräftig beten.

    1. Recitativo Tenor (Sebastian Kurz)

Continuo
Ja, merkt dein Glaube noch viel Finsternis,
Ich Heiland kann der Zweifel Schatten trennen;
Ja, wenn des Grabes Nacht
Die letzte Stunde schrecklich macht,
So wirst du doch gewiss
Sein helles Licht im Tode selbst erkennen.

    1. Choral der bezahlten österreichischen Öffentlichkeit

Corno I e Oboe I e Violino I col Soprano, Oboe II e Violino II coll‘ Alto, Viola col Tenore, Continuo
Es ist das Heil und selig Licht
Für die Heiden,
Zu erleuchten, die dich kennen nicht,
Und zu weiden.
Denen die vorzieh’n, dich zu meiden
Für ewig sei
entzogen alle Wonne,
Preis, Ehre, Freud
das Leuchten deiner Sonne.

(Verwandlung. Es erscheint das Licht am Ende des Tunnels und leuchtet uns in einen Sommer wie früher)

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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