Aus frühen Jahren, mit frühen Haaren

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 414


ARMIN THURNHER

11.05.2021

Als mich kürzlich die freundliche Julia Fellerer von der ORF-Sendung Kuturmontag zum Thema Festwochen befragte, wusste ich gleich, was es geschlagen hatte. Es ging um das Stück Stoned Vienna, das ich gemeinsam mit Heinz R. Unger geschrieben hatte und das Dieter Haspel mit dem Ensemble des Cafétheater bei den Wiener Festwochen 1970, bei der Arena 70 im damals so genannten Zwanz’ger Haus, dem Museum des 20. Jahrhunderts aufführte. Die Aufführung war ein Überraschungserfolg, und da in der Sendung davon naturgemäß nicht viel zu sehen und zu hören sein war, könnte ich mir vorstellen, hier auch einmal darüber berichten.

Armin Thurnher als junger Theaterautor, 1970, in einer Reportage von ORF 1

Derweil aber benütze ich die Gelegenheit, die Geschichte zu erzählen, wie ich zu diesem Theater kam. Die habe ich nämlich, das fiel mir bei der Anfrage der Frau Fellerer ein, schon einmal aufgeschrieben, und sie geht so:

»Ich gebe alles zu. Jawohl, auch ich war Haspelianer, zwar nicht allzu lange, aber doch in – auch mich – prägenden Zeiten. Den Mai 1968 hatte ich, einer glücklichen biographischen Fügung zufolge, in New York City verbracht (der erste Teil meines autobiografischen Romans darüber ist mittlerweile erschienen). Nach zwölf Monaten in dieser Metropole, in die ich als 18jähriger gekommen war, fand ich im Herbst dieses schönen Jahres nach Wien, wo ich tatsächlich einige Studien aufnahm.

Aber die Atmosphäre war nicht wirklich danach. Revolte zitterte in der Luft, manchmal erbebte sogar die Straße, und der Besuch von lehrerbildenden Veranstaltungen reichte nicht aus, das Leben eines neugierigen Provinzlers, der ich, meinem Metropolenjahr zum Trotz, doch geblieben war, mit hinreichenden Zielen zu erfüllen.

Nach Untergrund stand mir und meinesgleichen der Sinn, wozu sonst waren wir in die Hauptstadt gekommen, als jene Höhlen zu finden, aus denen die ganz andere Gesellschaft und deren Protagonisten kriechen sollten? Aber die verdunkelten Headshops fehlten in Wien ebenso wie ordentliche Rockmusik und genügend brauchbare Drogen. Die Orte, an denen das angesagte, avancierte Zeitgefühl zu haben war, konnte man an den Fingern seiner Hände abzählen. Es gab da ein paar Cafés und Nachtlokale, kaum Galerien, wenige Theater.

Einer dieser seltenen Orte schien mir das Cafétheater zu sein. Man konnte der Zeit insgesamt eine gewisse Theatralik nicht absprechen. Politik, Aktion und Theater gehörten irgendwie zusammen. Die Aktionisten hatten ihre große Zeit; ihre berühmte Aktion im Hörsaal 1 läßt sich als Theater interpretieren, und sie war durchaus theatralisch gemeint – anschließend sollten nicht etwa das Parlament oder der ORF, sondern das Burgtheater besetzt werden. Auf den Straßen spielten die Demonstranten Theater, die avancierten Protestformen waren theatralisch (Kommune 1 in Berlin, Bread and Puppet-Theater in den USA).

Im Wiener Audimax traten bei einer Diskussion mit Professoren plötzlich aus dem Publikum mit Perücken und Talaren kostümierte Schauspieler der „Komödianten“ auf die Bühne und verspotteten die verdutzten Originale. Theater paßte also in die Zeit, hatte noch nicht den liebenswert-antiquierten Touch, den es heute, bei fortgeschrittener Technisierung der Kommunikation, aufweist. Das rotzigste Theater in Wien machte das Cafétheater.

Durch einen Freund, der Theaterwissenschaft studierte, war ich irgendwann im Winter 68 oder im Frühjahr 69 ins Café Einfalt geraten, wo das Theater unter anderem darin bestand, dem Publikum dessen Unmenschlichkeit mit folgendem kleinen Experiment nachzuweisen: Man fesselte einen Freiwilligen aus dem Publikum am Hals an einen Pfosten und ließ ihn hängen, bis er im Gesicht blau anlief. Natürlich kümmerte sich kein Zuschauer weiter um den armen Menschen, der schließlich von Schauspielern befreit werden musste, um nicht zu ersticken. Daraufhin wurde in gleicher Weise ein Kaninchen aufgehängt. Es dauerte keine zwanzig Sekunden, bis einige Empörte aufsprangen und den armen weißfelligen Nager – er hieß übrigens Ocwirk – von seiner Qual erlösten. Der Mensch ist schlecht. Quod erat demonstrandum.

Derselbe Freund nahm mich im Herbst zu Proben von Shakespeares „Maß für Maß“ mit. Die Proben fanden an einem gleichfalls interessanten Ort statt, nämlich im Forum Günther Nennings, wo sich nicht nur dessen Redaktion und Wohnung befanden , sondern auch allen möglichen studentenbewegten Haufen Unterschlupf gewährt wurde, etwa einer antiautoritären Kindergruppe und eben auch dem Cafétheater.

Das Ensemble muss ein wenig unterbesetzt gewesen sein. Jedenfalls bat mich Regisseur Haspel, in einer Szene „vorübergehend“ das Volk zu mimen. Meinetwegen, sagte ich, wenn ich nur keinen Text sprechen muss. Das nächste, an das ich mich erinnere, ist, dass ich mich als Edelmann damit anfreundete, ein paar Sätze aufzusagen. Kaum war mir dies gelungen, fand ich mich als Darsteller des Claudio, einer Hauptrolle, wieder.

Das Avancement, soviel blieb mir auch damals nicht verborgen, war nicht meinem Talent, sondern dem Personalmangel geschuldet. Aber ich wusste mir zu helfen. Da ich mit dem Bearbeiter des Stücks, Wilhelm Pevny, befreundet war, machte ich allabendlich meinen Einfluss geltend, sodass die Rolle des Claudio schließlich mehr pantomimische als deklamatorische Fähigkeiten verlangte.

Noch vor der Premiere stand mein Entschluss fest. Dieser erste Höhepunkt würde auch den Abschluss meiner Schauspielerkarriere bilden. Dass während der Proben zu „Maß für Maß“ Autor, Regisseur und Ensemble in drei Tagen ein Protest-Stück gegen das damals gerade im Messepalast stattfindende Jugend-Konsum-Festival „Twen-Shop“ schrieben, inszenierten und gegen den – allerdings ziemlich lahmen – Widerstand der Polizei am Ort des Geschehens auch spielten, machte zwar Spaß, änderte aber nichts an meinem Entschluss.

„Maß für Maß“ ging auf Österreich-Tournee und brachte so ein Stück hauptstädtischer, avantgardistischer Protest-Kultur in die Provinz, was zu den seltsamsten Szenen führte. „Anschließend Diskussion“, ohne dieses Beiwort hätte es damals nicht einmal ein Fußballspiel gegeben, wäre Sport in der Linken nicht sowieso verboten gewesen. In Linz wurde also nach der Vorstellung diskutiert. Als die Angestellten das Theater zusperrten, folgten uns die Zuschauer in die Bahnhofshalle, um die Diskussion fortzusetzen. Und zwar bei Schneefall und Minusgraden. Natürlich gab das viel Spaß, ratlose Polizisten und alles, was dazugehört, also hauptsächlich viel Diskussion.

Die Tournee endete in Rainer Werner Fassbinders „antiteater“ in München. Wir durften in der Fassbinder’schen Kommune wohnend zugegen sein, wo alles noch ein bisschen avantgardistischer und härter zuging als in Wien. Die Türen waren natürlich alle ausgehängt, die Dreiblätter größer, der Stoff besser, die Musik psychodelischer, die Menschen irgendwie entschlossener. Inmitten des Chaos saß unbeirrt der schlechtrasierte Meister, in einem Band Stalin (aus der schweinsledernen 22bändigen Ausgabe) lesend.

Immerhin bestätigten mir Fassbinder und seine Schauspieler, daß mein die Bühnenkarriere betreffender Entschluss richtig gewesen war. Nach der Vorstellung befragt, wie es ihnen gefallen habe, sagten sie, gar nicht. Wer denn der beste Schauspieler gewesen sei? Sie zeigten auf mich. Der da, sagten sie. Der hat’s wenigstens gar nicht versucht. So kehrten wir zufrieden nach Wien zurück. Das Cafétheater und Dieter Haspel brachten mich dann noch dazu, Gedichte, Liedtexte, ein Stück und zwei Bühnenmusiken zu schreiben, vor allem aber ließen sie mich noch viele, viele bunte Geschichten erleben. Und eines Tages, wenn ich nicht gestorben bin, werde ich sie alle erzählen.«

Leicht gekürzt erschienen in der Publikation „Ein Vierteljahrhundert Aufmüpfigkeit“ anlässlich der 25-Jahres-Feier des Ensemble Theaters im Jahr 1992. Herausgeber: Fritz Wendl. Redaktion: Christine Bauer, Wolfgang Huber-Lang und Fritz Wendl.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

Nr. 634 Fastenkur, mon amour. Wenn nicht in Indien, dann halt hier. (24.01.2022)
Nr. 633 Grillparzer, die Kindergruppe und ich. Und Fasten. (22.01.2022)
Nr. 632 Impfwicht und Impfpflicht. Ein Stimmungsbild aus dem Parlament. (21.01.2022)
Nr. 631 Fragwürdigkeitsfragment. Und eine Erinnerung an heiterere Seuchen. (20.01.2022)
Nr. 630 Ist es jetzt eh egal, ob man Corona bekommt? Faites vos jeux? Nein, sagt der Epidemiologe. (19.01.2022)
Nr. 629 Blue Monday? Martin Luther King Day! (18.01.2022)
Nr. 628 Novak Djokovic, Impfpflicht und Anstandspflicht (17.01.2022)
Nr. 627 Anspruchslosigkeit als souveräne Geste, und andere österreichische Merkwürdigkeiten. (15.01.2022)
Nr. 626 du + ich = Kitsch hoch zwei. (14.01.2022)
Nr. 625 Medienpolitik ist wurscht. Jetzt kommt die NÖMP. (13.01.2022)
Nr. 624 Mehr Positives! Über Twitter und Gimpel. (12.01.2022)
Nr. 623 Novak Djokovic, die Impfpflicht und die Anscheißer (11.01.2022)
Nr. 622 Ein kleines paradox-patriotisches Wunder (10.01.2022)
Nr. 621 Jetzt droht die Aktion Scharf: längst geltende Regeln sollen gelten! (08.01.2022)
Nr. 620 Aufschlag Jesus. Der Fall Djokovic als moderne Tragödie. (07.01.2022)
Nr. 619 Der paradoxe Patriotismus. Eine Grabung. (06.01.2022)
Nr. 618 Krieg den Nichtshinkriegern, Friede den Hinkriegern! (05.01.2022)
Nr. 617 Kennen Sie das „intellektuelle Darknet“? Ein Beitrag zum Thema Öffentlichkeit. (04.01.2022)
Nr. 616 Auf das Beste hoffen, für das Schlimmste planen (03.01.2022)
Nr. 615 Unerfülltes, Angekündigtes und andere Vorsätze. Und das Neujahrsgedicht. (01.01.2022)
Nr. 614a Alles Seuche, oder was? Ein Neujahrswunsch. (31.12.2021)
Nr. 614 Sebastian Kurz, der Kohleholer des Medienkillers (31.12.2021)


Alle bisher erschienenen Kolumnen finden Sie hier.
Die bisher erschienenen Gastbeiträge des Epidemiologen Robert Zangerle finden Sie hier.