Was macht die Seuchenkolumne nach der Seuche?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 404


ARMIN THURNHER

28.04.2021

Sie lese ganz gern die Seuchenkolumne, schrieb die Kollegin Ingrid Brodnig gestern, so gerne man halt eine Seuchenkolumne lesen kann. Der Supervollmond steckte mir ein Licht auf. Da habe ich ein Problem! Was mache ich mit der Seuchenkolumen nach der Seuche?

Ich fürchte, die Antwort ergibt sich von selbst. Nach der Seuche ist vor der Seuche. Und wer glaubt, wir würden Corona los, der täuscht sich. Wir werden damit umgehen lernen, und das akut Lebensbedrohende der Pandemie wird fehlen. Dafür sorgt, wenn nicht die Vernunft, so doch der Impfstoff (es gibt schlimmeren Vernunftersatz).

Die Seuchenhaftigkeit unserer Kultur ist mir aber stark bewusst geworden. Nehmen wir die Seuche, die unsere Kommunikation ergriffen hat, seit wir sie betreiben, unausrottbar wie Geschlechtskrankheiten. Gegen die Kommunikationsseuche gibt es keine Impfung; die Seuchenkolumne ist wahrlich ein schwaches Gegengift. Wünschen hilft da nichts. Dass die Kanzlerpartei eine Art kommunikativen Trumpismus light bevorzugt, ist nicht erstaunlich, aber doch bedrückend. So bedrückend wie der Brexit: Europa ist kein Gegenpol, Europa ist unterwandert, und wir wandern an der Spitze mit, einem schwachen Herzen gleich. Das einzige Beruhigende daran ist die Korruption der Medien durch Geld; die gekauften Boulevardlinge sind so zuverlässig charakterlos, dass sie sofort den Lehnsherrn wechseln, wenn es sich auszuzahlen scheint.

Wenn man kommunikativ dagegenhält, verändert man sich und läuft Gefahr, dem Gegner zu ähnlich zu werden; die FPÖ des Herbert Kickl ist die einzige, die mit der Kurz-ÖVP zumindest verbal mithält. Kickl liebt seinen eigenen fauligen Schmäh so sehr, dass man ihn manchmal dafür mögen muss. Etwa wenn er sagt, die Wahrheitspflicht im Untersuchungsausschuss reiche nicht aus, man müsste bei manchen Leuten Lügendetektoren einsetzen, und Wolfgang Sobotka wäre der erste Kandidat für einen solchen Test.

Episodisch mag das amüsant sein, mit der Zeit läuft es auf die Zerstörung der Öffentlichkeit hinaus. Die Kommunikationsseuche wütet in unserer Demokratie. Wir haben es so weit gebracht, dass ein medial gestützter Putsch die einzige Art zu sein scheint, in der Demokratie an die Macht zu kommen. Die Kurz-ÖVP hat es vorgemacht, in einer Art Kinderputsch, der eine homogene Familie an die Macht brachte, samt dem verhaltensauffälligen Onkel Sobotka. Niemand in der SPÖ – die einzige Alternative, die in Frage kommt – scheint sich überlegen zu wollen, wie so etwas geht. Es scheitert schon, wie früher die ÖVP, an der Schwierigkeit, dass dem Putsch im Staat offenbar die Machtergreifung in der Partei , deren Unterwerfung vorangehen muss. Niemand außer Hans-Peter Doskozil, und an dem ist ein Trotzkist verloren gegangen, so gern spaltet er sich immer wieder von sich selbst ab. Und schon gar nicht gönnt man ihm die Onkelrolle.

Kommunikationsseuche: öffentlich sprechen ohne Propaganda zu betreiben, scheint nicht mehr möglich.

Die Seuche selbst, Corona, hat nicht die Demokratie angegriffen, aber die Nerven. Schon zu Beginn fanden manche nicht die richtige Einschätzung. Ihr cooles Getue („ist ja nur ein Gripperl, statistisch nicht relevant“) wich dann bald einem Überernst der Dinge. Die Neuheit der Seuche machte es nicht leicht, mit ihr umzugehen; seriöse Wissenschaft blieb vorsichtig, das machte die Kommunikation schwierig.

Unseriöse Politik simulierte sogleich den Ausnahmezustand. Den es dann doch nicht gab. Unernst und Unausgewogenheit blieben. Menschen, die man als recht vernünftig einschätzte, gaben sich einem Freiheitsberaubungspathos hin, das in Anbetracht der Gefahr einfach unangemessen war. Viele vermögen bis heute nicht, ihre persönliche Lage von der allgemeinen zu trennen. Blöd, wenn es sich um Menschen mit Medienverfügung handelt, die öffentlich kommunizieren.

Auch Ironie kommt im Umgang mit Seuchen nicht so gut, vor allem wenn sie nicht auf Selbstironie basiert und in Wirklichkeit nur die „Gripperl“-Einschätzung, die nicht einmal mit dem besten Willen zur Pseudowissenschaft aufrechtzuerhalten war, mit dem übertriebenen Freiheitsberaubungspathos kombiniert.

Die Demokratie wurde zwar strapaziert, aber nicht außer Kraft gesetzt. Versagen gab es genug, die Einzelfälle häuften sich, von den Tiroler Vertuschern in Ish-Gul bis zum Primat der Seilbahn, von mutwillig geschlossenen Parks bis zum parteipolitischen Missbrauch in der Wienwahl. Charakterdefizite wurde brennglasartig sichtbar (das verzweifelte Um-Sich-Schlagen des Kanzlers, der auch vor europäischem Schaden für das Land nicht zurückscheute und sein Gesicht zeigte, als er den kranken Rudolf Anschober mit einer Pressekonferenz in dessen Abwesenheit angriff – ein menschlicher Tiefpunkt, der unvergessen bleibt). Aber im Ganzen lief es nicht auf Diktatur hinaus, sondern blieb im Rahmen der Verfassung.

Der Impfegoismus ist nur der wirtschaftliche Egoismus in neuem Gesicht; mit dem Nachteil für die Egoisten, dass eine Pandemie, die nicht weltweit besiegt ist, immer wieder zurückkehrt. Das haben Weltgesellschaften so an sich. Der reiche Westen kann Impfstoffe raffen, Patente hüten und sein Rattenrennen um die schnellste Durchimpfung inszenieren, nationale Sicherheit ist dennoch nicht zu haben. Die Pandemie als Lehrstück in Sachen Weltgemeinschaft.

Umgekehrt ist das Wort Pandemizid recht selten aufgetaucht; in Verbindung mit Donald Trump erwog man es da und dort in den USA. In Zusammenhang mit den Herren Narendra Modi und Jair Bolsonaro, man weiß nicht, wer von beiden verrückter ist, schiene es ebenfalls angebracht.

Und dann die Seuche unserer Epoche, der Neoliberalismus. Die Gehirnwäsche, so allumfassend, dass sie kaum einem mehr auffällt. Mehr als ein Gripperl, und doch kommen auf jeden Kritiker tausend Abwiegler. Sie und die vielen kleinen Sub-Seuchen, die wir noch gar nicht erwähnt haben, werden dafür sorgen, dass es an Kolumnen weiterhin nicht fehlt.

Der Supermond schien wundersam und füllte wieder Busch und Tal, als hätte niemand ihm einen hässlichen Namen gegeben, der klingt, als wären auch die Wunder käuflich.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

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Nr. 434 „Moralischer Kapitalismus“. Fußnote zur sehr kurzen Geschichte des Neoliberalismus. (04.06.2021)
Nr. 433 Eine ganz kurze Geschichte des Neoliberalismus, Teil III: es braucht nicht nur Geld und Macht (03.06.2021)
Nr. 432 Eine ganz kurze Geschichte des Neoliberalismus, Teil II: der Wendepunkt (02.06.2021)
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Nr. 425 Die neue Staatsoperette (25.05.2021)
Nr. 424 Der Köstinger-Moment (22.05.2021)


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