Warum Sie den Autor Egon Christian Leitner lesen sollten.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 401


ARMIN THURNHER

24.04.2021

Gestern war Welttag des Buches. Das Buch vor mir ist dick und schwer und hat ein Lesebändchen, das ihm der wagemutige Verleger Lojze Wieser gegönnt hat. In seinem Verlag ist auch der Vorläufer erschienen, der Sozialstaatsroman „Des Menschen Herz“ (drei Bände).

Der Autor Egon Christian Leitner, geboren 1961 in Graz, wo er auch lebt, studierter Soziologe und Philosoph, ist ein ganz besonderer Autor. Er ist einer von denen, deren Werk auf den ersten Blick so wahnwitzig erscheint, dass sich die meisten davon gleich abschrecken lassen. Das sollten sie nicht tun.

Es ist völlig egal, welchen Kriterien ein Werk genügt, oder ob es zwischen allen möglichen Kategorien durchfällt. Dieses fällt übrigens durch, nicht weil es zu arm, sondern weil es zu reich ist. Es ist ein großes Werk.

Hier schreibt eine reiche Seele, ein kluger Autor, der angesichts des Wahnsinns, dem er sich aussetzt und den er aufzeichnet, nicht verrückt wird, nicht zynisch wird, aber auch nicht formelhaft unlesbar wie so manches linke Zeug. „Ich zähle jetzt bis 3 und dann ist Frieden“ ist der vierte und angeblich letzte Teil des Sozialstaatsromans, der kein Roman im herkömmlichen Sinn ist, zumindest fehlt es ihm am Personal, andererseits aber gar nicht, weil die Hauptperson die Gesellschaft ist. Der größere, der untere, der ärmere Teil der Gesellschaft. Obwohl in den ersten Teilen durchaus das Schicksal einer Person erzählt wird, des geschundenen Knaben Uwe, der erst gequält wird und dann, als Erwachsener nicht helfen darf. Aber: „mein Sozialstaatsroman bislang hat 1200 Seiten und berichtet nämlich von zirka 1200 Menschen. Der 4. Teil wird zirka 700 Seiten haben und berichtet von wohl 700 Menschen“ (es sind 924 Seiten geworden), sagt Leitner.

 

Tatsächlich, das ist alles, was Leitner als Gebrauchsanleitung und Rechenschaftsbericht anbietet: die Grafik „Doppelpause“ des steirischen Künstlers Wolfgang Temmel

Man kann also behaupten, Leitner schreibt Gesellschaftsromane. Das ist auch insofern wahr, als er ein Anhänger des verstorbenen französischen Philosophen Pierre Bourdieu ist, dessen Lebenswerk darin besteht, die Gesellschaft so zu beschreiben. Er tat dies im Team, in großangelegten Studien und in vielen Publikationen, deren berühmte „Die feinen Unterschiede“ heißt und sich mit sozialem Kapital befasst, also mit dem, worin Menschen sich voneinander abzuheben versuchen. Über Bourdieu hat Leitner zwei Bücher geschrieben.

Im Nachwort zum neuen Buch erzählt er, dass die Bruchmeister in antiken Bergwerken, selber Zwangsarbeiter, Philosophen genannt wurden. Sie kannten die Gefahren am besten und wussten andere vor ihnen zu schützen. „Sie retteten Leben, indem sie wichtige Stellen, Linien, Verläufe und Zusammenhänge flugs erkannten und mitteilten.“ Bruchmeister als Lebensretter oder umgekehrt, das ist eine Rolle, die dem Autor Leitner gefällt, auch wenn er sich dezent zurückhält und hinter einem tastenden, fragenden, vorsichtigen Stil versteckt. Auftrumpfen ist seine Sache nicht.

Das heißt nicht, dass er Drastisches scheut. Frösche zu Beispiel springen aus dem heißen Wasser, wenn man sie zu kochen versucht. Wärmt man das Wasser langsam auf, bleiben sie drin und werden gesotten, wobei sie langsam die Leiter hinaufsteigen. Das sei eine österreichische Erklärung von Bourdieus feinen Unterschieden, wie man uns mit Aufstiegswillen einkocht, schreibt Leitner.

Sein Buch teilt sich in Interventionen und Tagebucheintragungen ein, die jedoch zeitlich unbestimmt bleiben, nur mit „Tag, Monat, Jahr“ gezeichnet sind. Ein Bergwerk an Beobachtungen, Sprüchen, Einsichten, Fragen. „Ich will wissen, ob Leibniz ein guter Mensch war. Nichts sonst interessiert mich.“ Ist natürlich nicht wahr, diesen Autor interessiert sonst auch alles. Ich widerstehe der Versuchung, aufzuzählen.

Das Buch erinnert mich ein wenig an Hugo Balls Denktagebuch „Die Flucht aus der Zeit“.

Auch Leitner versucht die Flucht aus einer Zeit, die er zum Untergang in Unmenschlichkeit verdammt sieht. Er hat eine Rettung: es ist der Sozialstaat. Das beste, das uns widerfahren ist. Ein Sozialstaatsvolksbegehren muss wieder her. Werner Vogt und vor allem Adolf Holl gehören zu Leitners Hausheiligen. Vogt, dessen großartige Autobiografie „Mein Arztroman“ ihn inspiriert, wie er sagt, und Adolf Holl, den er persönlich kannte, mit dem er ein Gesprächsbuch veröffentlichte (wie auch mit Vogt) und von dem er im Nachwort berichtet, wie viel und wie wenig er ihm verdankt.

Holl hatte ein Gespür für besondere Autoren, die nicht ihrem Rang entsprechend wahrgenommen werden. Viele Belege für das Nichtwahrgenommenwerden liefert Leitner selber im Buch. Andererseits las er beim Bachmannpreis 2020 auf Einladung Klaus Kastbergers und gewann den Kelag-Preis. Auch davon erzählt er im Buch, er ist ja selbst einer der Hunderten von Hauptakteuren.

Wie schreibt Leitner? So: „Der springende Punkt nämlich, wissen Sie, was das ist? Das ist das Herz des Vogels im Ei. Das pulsierende Kükenherz, das ist der springende Punkt. Irgendwie der Inbegriff des Lebens. Der kommt von Aristoteles her. Also von vor 2400 Jahren. Aristoteles hat Hühnereier systematisch geöffnet und dadurch die Entwicklung des Embryos kapiert. Und dass die Entwicklung des Individuum die verkürzte Entwicklung der Familie ist, der es zwangsläufig angehört. Der springende Punkt ist das pulsierende Leben. Zerbrechlich zugleich wie nur was. Dass da ein Wesen lebt, das ist der springende Punkt.“

Oder so: „Bonhoeffer: Mitten in der Bewältigung des Alltags jenseitig sein. Darum geht es. Mir nie. (Jetzt habe ich gelogen. Mir geht’s immer nur darum.)“

Das ist einfach schön, und das Buch ist voll von solchen Passagen und von einer zärtlichen Fürsorglichkeit für schwächere Mitmenschen.

Ein „pataphysisches Register“ (ja, Leitner ist gebildet, Pataphysik ist die absurde Wissenschaft des Autors Alfred Jarry) erschließt diesen reichen Steinbruch, in der richtigen Vermutung, dass ihn niemand von vorn bis hinten lesen wird. Das Lesebändchen erweist sich hier als Arbeitsgerät, nicht als Luxus. Die angekündigte Bibliothek ist derweil noch nicht online.

Lesen Sie dieses Buch, es wird Ihr Schaden nicht sein!

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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Nr. 425 Die neue Staatsoperette (25.05.2021)
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