Der Schuh ist der Mensch

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 397


ARMIN THURNHER

20.04.2021

Manchmal muss ich mich einfach bedanken. Die vielen klugen, feinen, liebevollen Zuschriften! Sorry, ich komme nicht schnell genug dazu, sie zu beantworten. Und dann noch Zeichnungen. Ich muss diese Kolumne so beginnen, damit ich die Zeichnung herzeigen kann, die mich gestern erreichte.

Zeichnung @ Martina Rogenhofer

Danach kann ich mich dem Thema der heutigen Kolumne widmen, das ist… ja, das ist nicht einfach. Es hagelt Themen, sie stehen mir auf den Zehen herum, sie bedrängen mich, es ist wie in einem Vor-Corona-Verkehrsmittel, so rücken sie mir auf die Pelle. Ein schöner Zustand, ich muss sie mir auf einen Zettel schreiben, um nicht das eine oder andere zu vergessen. Sie kommen alle dran, es muss ja nach dem Themenschwall wieder einmal eine Themenflaute geben.

Das Thema, das sich mir heute unentrinnbar aufdrängt, ist der Turnschuh. Er heißt jetzt Sneaker und wurde von allen Kommentatorinnen und Einserkastlbesetzern, die auf sich halten, mehr oder weniger elegant glossiert. Im Kontrast dazu fällt die Uneleganz der meisten Twitter-Meldungen auf, in den Twitter-Rückschauen der Zeitungen, die besonders trendy sein möchten, wirken sie besonders ranzig und ideenarm.

Also gut, der neue Gesundheitsminister hatte bei der Angelobung bei Alexander Van der Bellen keine Krawatte an, und er trug graue Sneaker, Turnschuhe, Laufschuhe, jedenfalls was Bequemes.

Der Schuh, sagte der Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon 1734 in seiner berühmten Antrittsrede in der Academie Française, der Schuh ist der Mensch selbst. Sagte er natürlich nicht, er sagte „Le Style c’est l’homme même“, ein Satz, der dem romantischen Stilbegriff als entscheidender Bezugspunkt diente. Auch Jean Paul bezeichnete den Stil mit deutlichem Bezug auf Buffon als den „zweiten biegsamen Leib des Geistes“; Schopenhauer wieder, der grantigste aller Philosophen, nannte den Stil „die Physiognomie des Geistes.“

Der Schuh ist die Physiognomie der Politik, da ist was dran. Eine schöne Italienerin, die ich kannte, drückte ihre Verachtung für die österreichischen Männer aus, indem sie sagte, sie sehe bei ihnen zuerst auf die Schuhe, da sehe man gleich, mit was für einem ausgelatschten Gesocks man es zu tun habe.

Ich hatte Glück. Es war die Zeit, als ich ein paar Church-Schuhe mein eigen nannte, die ich häufig trug. Ich hatte sie bei einem Ausverkauf auf der Madison-Avenue in New York erworben, wo Männer im besten Alter gestreifte Gilets trugen und eine Atmosphäre von Geschäftigkeit und Vornehmheit zugleich entfalteten, auch noch von Kompetenz, sodass man wieder einmal das Gefühl hatte, so etwas könne es nur in Manhattan geben. Scharf blickte mich mein Verkäufer an, er sah genau, dass ich ein Ausverkaufsgeier und kein „Regular“ war, dann ließ er sich zu einer Anweisung herab: „Never buy your shoes too small!“, ein Satz, den ich fürs Leben brauchen konnte.

Ich grübelte über den Schuh des Doktor Mückstein, verfasste ein, zwei mittelprächtige Limericks darüber, mit denen ich Sie hier verschone. Auf meinem Display erschien die Nachricht, die deutschen Grünen, verfangen in ihrer Endlosharmonieschleife Habeck-Baerbock, hätten das Unvermeidliche getan und Annalena Baerbock zur Kanzlerkandidatin gemacht. Im Ernst: Kanzlerkandidatin. Kanzlerinkandidatin, hätte ich bitte schon angenommen. Egal, als ich vor Tagen hörte, wie Habeck ihr praktisch den Ball auf den Punkt legte, indem er sagte: „Wenn sie als Frau den Anspruch stellt, hat sie natürlich Vorrang“, wusste ich, was es geschlagen hat. Was sollte sie denn sonst tun, als den Anspruch stellen?

Allgemein wird hervorgehoben, wie reibungslos und sachlich kompetent die beiden sind, und wie sehr sie in die Mitte rückten und wie sehr sie alle einigten, das ist alles so unglaublich langweilig und politisch uninteressant, man kann es kaum ausdrücken. Da käst die Milch vor Langeweile, hätte der unvergessene Täglich-Alles-Chefredakteur Peter Bartels formuliert. Machttechnisch aufregend, klar, aber politisch?

Dann fiel er mir ein. Der alte Kotzbrocken mit dem Turnschuh, das war, man kann es angesichts von Habeck-Baerbock kaum glauben, auch ein Grüner. Joschka Fischer, schwarze Lederjacke, wenn man sein Schuhwerk Sneakers genannt hätte, hätte er einem die Fresse poliert wie seine „Putzgruppe“ den Bullen bei den Schlachten um die Frankfurter Startbahn West (und vice versa, Politik war ein gutes Stück weit Fressenpolitur in jenen Zeiten), und zu all dem erschien der Rotzer, frisch gewählt in den Hessischen Landtag, dort in T-Shirt (so weit ging Mückstein nicht!), Jeans und Sneakers, um den Eid anzulegen. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Holger Börner sagte einmal, im Ton bleibend, solche wie Joschka erschlage er bei Bedarf mit einer Dachlatte. Liegt es daran, dass sich die Sozialdemokraten mittlerweile bei Aktienkursen besser auskennen als bei Dachlatten, dass sie keinen Sneaker mehr auf den Teppich kriegen?

Joschka Fischer nahm kein gutes Ende, wir wissen es, die Agenda 2010 hat zumindest den Sozialdemokraten einen tödlichen Stoß versetzt, und er selbst könnte unter heutigen identitätspolitischen Voraussetzungen wohl nicht mehr reüssieren, sagt er kürzlich, also bleibe er Politpensi.

Ganz anders Dr. Mückstein! Dass Werner Kogler einst Lederjacke trug wie Joschka, daran kann sich bei uns Gottseidank keiner mehr erinnern. Irgendwie versuche ich, die politische Substanz der österreichischen Grünen zu fassen zu bekommen. Verstehe nicht, warum da, wie die deutschen Freunde sagen, kein Schuh draus wird. Also gehen wir leichtfüßig zum nächsten Medienfoyer. Blümel erscheint in türkisen Socken. Der Kanzler kommt in Sandalen. Die nächste grüne Ministerin kommt barfuß! Der Schuh ist der Mensch!

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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