Corona: Blindflug? Sichtflug bei schlechten Wetterverhältnissen.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 392


ARMIN THURNHER

16.04.2021

Entwarnung? Keine Rede, sagt Epidemiologe Robert Zangerle. Zwar fehlt es nicht an Daten, obwohl die Lage auch hier besser sein könnte; aber es fehlt an konsequenter Interpretation. Was nicht fehlt , sind politische Manöver. Sie ignorieren warnende Beispiele woanders und setzten aufs Spiel, was tatsächlich eintreten könnte: die Wende. A.T.

»Schon lange empfinde ich die Datenlage zur Pandemie in Österreich als ungenügend . Auch nach einem Jahr ist das immer noch so. Bei HIV war europäisches Niveau erst ab 2012 erreicht, damals wurden erstmals Daten der HIV-Kohorten Studie (eine rein private Initiative) an das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) übermittelt. Bei Covid ist das besser, und ist vor allem dem digitalisierten Epidemiologischen Meldesystem (EMS) geschuldet. Österreich kann heilfroh sein, dass es das EMS hat. Um diese nationale Lösung beneiden uns einige Länder. Der Initiator der Schweizer Task Force bat mich vor Monaten, wegen des EMS ein Gespräch Österreich – Schweiz zustande zu bringen. Ich als Pensionist konnte die Bitte nur weiterleiten.

Natürlich hätte die Regierung massiv in den Ausbau des EMS investieren müssen. Da wäre Klotzen statt Kleckern angezeigt gewesen, vor allem in der Zusammenschau mit einer Verbesserung in der Kontaktverfolgung (Contact Tracing). Derzeit ist das Contact-Tracing überlastet, sodass häufig keine Zeit da ist, mit den Infizierten alle Fragen systematisch zu besprechen und mehrere Tage zurückzugehen. Salopp heißt es dann, dass offenbar viele Infizierte sich schlicht nicht daran erinnern, wo sie sich in den letzten Tagen aufgehalten haben. Und das ist epidemiologisch nicht gut, weil dann die so wichtige Quarantänestrategie nicht richtig funktioniert. Dabei hat die Quarantäne per se schon Hürden für das Funktionieren. Ernst Fehr, einer der renommiertesten Ökonomen sieht bei der Quarantäne eine große Gefahr des Trittbrettfahrens . Zur Erinnerung: Isolation ist für Infizierte, Quarantäne für Exponierte .

Würde man jeder einzelnen Ansteckung so nachgehen, als wäre sie der nächste Superspreader-Fall, wäre mehr Wissen über die Verbreitung entstanden und die Pandemie hätte besser kontrolliert werden können. Dafür sind viele Ressourcen und sehr sorgfältiges Arbeiten nötig. Unsere Regierungen (Bund und Länder) haben diese Forderung der Pandemie unzureichend ernst genommen. Der Nationalrat hat im Juli den Paragraph 28 des Epidemiegesetzes geändert, der es erlaubt, dass auch Polizei und Militär zum Contact-Tracing herangezogen werden dürfen. Ich hatte nichts dagegen, dass Polizisten und Soldaten bei der Kontaktsuche „mitwirken“.

Trotzdem habe ich diese Initiative der Bundesregierung als „Im Zweifel Mehr Polizei- als Sozialstaat“ gewertet, weil die dringlich notwendige Verbesserung der Strukturen der öffentlichen Gesundheit (z.B. AGES, Bezirksverwaltungsbehörden, Gesundheitsämter u.a.) in der hitzigen Diskussion um die Befugnisse der Polizei völlig untergegangen ist. Deshalb liegt es mir auf der Zunge, von einem gewissen „Blindflug“ zu sprechen, aber dafür fehlt die Minimalausstattung für den Instrumentenflug (korrekte Bezeichnung für den umgangssprachlichen Blindflug). Wir sind also im Sichtflug im Nebel unterwegs. Das will ich ein bisschen untermauern.

Was sagen Fallzahlen aus? Allein ist ihr Wert sehr begrenzt, entscheidend ist Kombination mit dem effektiven R-Wert, der Positivitätsrate und den Krankenhausaufnahmen. Auch mit den Todesfällen. Der effektive R-Wert wird in Österreich nur auf der Basis von Fällen in Bezug zu den Fällen errechnet, leider nicht auf Krankenhausaufnahmen oder Todesfällen. Die Positivitätsrate ist in Österreich ein vernachlässigter Indikator für das Infektionsgeschehen. Seit Anfang des Jahres schmeißt man einfach alle Indikationen zum Test zusammen: die öffentlichen Screeningtests mit Antigentests („Wödmasta“), die Abklärung von Kontakten und symptomatischen Personen landen im gleichen Topf. Für einen solchen Vorgang haben weder WHO noch ECDC Richtwerte. Diese „neue“ Positivitätsrate sinkt langsam seit dem 22. März und liegt derzeit knapp unter 1% der Gesamtsumme von positiven Antigen- und PCR Tests. Schon zum Verdruss ärgerlich (am 30. Juni bereits gefordert) ist das Fehlen der Positivitätsrate für die verschiedenen Altersgruppen. Haben die 50-70-jährigen eine höhere Dunkelziffer (höhere Positivitätsrate) und belegen deshalb die Intensivstationen so stark?

Es wäre viel hilfreicher, zusätzlich die Zahl der täglichen Aufnahmen in die Krankenhäuser zu erfassen, als nur die „Belegung“ zu dokumentieren. So würde man schnell sehen, was am Gerede dran ist, dass sich im Augenblick die Belagsdauer auf der Intensivstation verlängert hat („Jüngere halten besser durch“). Mit der Zahl der neuen täglichen Aufnahmen könnte zusätzlich der Reproduktionsfaktor berechnet werden.

Schon klar, dies ist ein Blick noch weiter zurück. Der Reproduktionsfaktor blickt, selbst wenn er auf Fällen basiert, etwa eine Woche zurück, bei Krankenhausaufenthalten kämen ein (bis zwei) Wochen hinterher und bei Todesfällen gute drei Wochen dazu. Auf bestimmte Tage in der Vergangenheit bezogen kann man damit aber die R-Werte der unterschiedlichen Faktoren vergleichen und man gewänne dadurch Prozessqualität. Solche Zahlen liegen jedoch nicht in der erforderlichen Qualität vor; weder das Epidemiologische Meldesystem (EMS), noch die Informationen aus den Abrechnungs- oder Krankenhausinformationsystemen (KIS) können sie liefern. Hier bremsten die Bundesländer, sodass als Folge sich das „Prognosekonsortium“ extrem schwer tut, Schwankungsbreiten, selbst für die nächsten 14 Tage, schmal zu halten.  

Dort, wo die Daten unzureichend sind, gibt es schnell einen Basar von Meinungen, nicht nur in der Politik, sondern auch bei den Experten, alles andere als hilfreich in der Pandemiebekämpfung. So wird im Augenblick die starke Belegung der Intensivstationen mit der aggressiven Rolle der „britischen“ Variante B.1.1.7 in Zusammenhang gebracht. Da kann schon ein Körnchen Wahrheit drin stecken. Noch mehr steckt hinter der jetzigen Krise jedoch das extrem lange Zögern zu handeln, noch ganz geprägt von den rosigen Ankündigungen am 1. Februar . Die Entwicklung („Dynamik“) war seit Ende Februar klar, sie wurde in der Kolumne klar benannt und ging im Vergleich zum November, wie angekündigt, „gemächlich“ (lange Verdoppelungszeiten) vor sich, aber ohne Gegenmaßnahmen halt unaufhörlich.

Das Verhältnis Fallzahlen, Belegung Normalpflegestationen, Belegung Intensivstationen und Todesfälle sind in der 3. Welle, wie erwartet anders, sie gehen nichtmehr parallel.

Der Anstieg der Todesfälle ist weniger stark, hier zeigen die Impfungen bei den Ältesten und den Bewohner der Pflegeheime Wirkung. Ich halte diesen Einfluss auch für den etwa gleich langsamen Anstieg an der Belegung der Normalpflegebetten für hauptverantwortlich. Ältere Menschen werden, wenn sie krank werden, eher ins Krankenhaus aufgenommen als jüngere. Ältere, gar gebrechliche Menschen kommen aber nur selten auf die Intensivstation, fast immer im Einverständnis aller Beteiligten. Der Anstieg der Belegung von Intensivbetten war steiler als bei den Normalpflegebetten, aber lange nicht so wie im November und es scheint, dass jetzt ein Plafond erreicht wird.

Der Rückgang an Covid-Erkrankten in der älteren Bevölkerung kann am Schweizer Covid Dashboard gut beobachtet werden. Hier sind die täglichen Aufnahmen der verschiedenen Altersgruppen ins Krankenhaus abgebildet und der jeweilige der Altersgruppen an den Aufnahmen wegen Covid (rechts). Solche Zahlen in Österreich?

Ich hoffe, dass Sie der beiden folgenden Grafiken nicht überdrüssig sind, weil in keinem Bundesland eine entspannte Situation auf den Intensivstationen zu beobachten ist. Vorarlberg holt kräftig auf und in Kärnten gelten Intensivpatienten mit einem CT-Wert über 30 in der PCR nicht mehr als Corona-Patienten (unter Einschluss dieser Patienten kommt auch Kärnten auf 15-16% Belegung). Das Problem besonders von Wien wird die anhaltende hohe Belegung der Intensivstationen sein.

Eine anhaltende Belegung der Intensivstationen über 20% der Gesamtbetten sehe ich unverändert als kritisch an, deshalb hier erneut die rote strichlierte Linie bei 20% und 10%. Eine dauerhafte Belegung über 10% durch Patienten mit Covid ist bereits ein ernstes Signal, das besondere Wachsamkeit erfordert.

Die Entscheidung des Wiener Bürgermeister Michael Ludwig, die strengen Maßnahmen länger durchzuziehen war überfällig, aber auch eine sehr gute Entscheidung, weil sich die Menschen darauf einstellen können. Es ist so auch leichter, das Problem zu verstehen und dementsprechend zu handeln. Hatte schon Kummer, kürzer dauernde Maßnahmen kommentieren zu müssen. Es werden noch schmerzhafte Wochen über den 2. Mai hinaus werden.

Während noch im November 2020 rund einer von hundert COVID-19-Fällen auf die Intensivstation aufgenommen wurde, hat sich diese Rate in den letzten Wochen nahezu verdoppelt, auch nach so genannter Altersstandardisierung. Das wird klar auf die „britische“ Variante B.1.1.7 zurückgeführt. Diese  Beobachtungen  korrespondieren  mit  identischen Ergebnissen einer großen englischen Studie. Die Sterblichkeit, einmal auf der Intensivstation aufgenommen, scheint aber zwischen der B.1.1.7 und den bisherigen Varianten nicht zu differieren. Die Studie aus Dänemark, wo erstmals die erhöhte Krankenhausaufnahmen durch B.1.1.7 beschrieben wurde, zeigte keine Unterschiede  zwischen B.1.1.7 und vorigen Varianten, die Autoren weisen aber darauf hin, dass die Fallzahlen noch zu gering sind, hier endgültige Schlussfolgerungen zu ziehen. Dort waren bei B.1.1.7 13 von 128 aufgenommenen Patienten auf der Intensivstation (10,5%), gegenüber 115 von 1090 (10,5%) Patienten mit Infektion mit vorigen Varianten.

„Die Zahl der genesenen und geimpften Menschen in Österreich steigt. Laut den Experten könnten bereits 20 bis 35 Prozent der Bevölkerung dadurch immunisiert sein. Das „beginnt einen messbaren Effekt auf die Infektionsdynamik zu nehmen“, so die Analyse der Fachleute. Wohlgemerkt, die Fachleute sagen nicht „Effekte sind messbar“, nein, „sie beginnen gerade, messbar zu werden“. Dies ist jedoch noch viel zu wenig, um einen neuerlichen Anstieg an Neuinfektionen durch Öffnungsschritte zu verhindern. Wir befinden uns im Sichtflug bei schlechten Wetterverhältnissen! Jedenfalls ist es sehr missverständlich formuliert, und wird auch von vielen Kreisen dankend missverstanden, vor allem dann, wenn dies zum Anlass genommen wird, für das Einführen oder Zurücknehmen von Öffnungsschritten oder das Gegenteil (verstärkte Maßnahmen) festgelegte Kriterien, entweder zu ignorieren oder über den Haufen zu werfen.

Burgenland spielt besonders eindrucksvoll mit dem Feuer. Ob dessen Unterstützer wissen, dass das Konsequenzen für Nicht-Covid Patienten haben wird? In abgeschwächter Form gilt das selbst für Vorarlberg. Die mögen sich einmal den viel vorsichtigeren Lockerungsplan der britischen Regierung anschauen, man muss sich ja nicht gleich die diktatorischen Inselstaaten Dänemark, Norwegen oder Finnland als Vorbild nehmen. In England sind viel mehr Personen geimpft. Zudem konnte man dort während der letzten Monate mit sehr strengen Maßnahmen die Fallzahlen auf ein tiefes Niveau bringen. Deshalb dürfen auch da beispielsweise die gastronomische Betriebe draußen wieder öffnen.

Dieses vorschnelle Herbeireden eines Wendepunkts durch Impfungen irritiert, weil es dazu eben wirklichen Anschauungsunterricht gibt. Im inzwischen erfolgreichen Israel gab es im Februar nach Lockerungen einen neuerlichen Anstieg, der Ende Februar mit einem sehr kurzen Lockdown beantwortet wurde. Österreich wird in der 2. Maihälfte den Stand von Israel vom Februar erreichen. Israel wird am kommenden Sonntag die Maskenpflicht im Freien aufheben. In Innenräumen bleiben die bisherigen Anweisungen und die Maskenpflicht jedoch bestehen. Mit dem heutigen Tag haben dort 57% der Bevölkerung bereits beide Impfdosen des mRNA Impfstoffes erhalten. Wir sollten also aufpassen, dass wir uns mit den weitreichenden Lockerungen den Sommer nicht verspielen. So kurz vor dem wirklichen Wendepunkt! Denn der kommt sicher! Abschrecken sollte das Beispiel Chile, das seine Exit Strategie zu sehr auf die Impfung setzte und jetzt in der größten Welle steht, obwohl 40% der Bevölkerung ihre erste Impfung erhielten. Ausreden für falsche Schritte kommen nach und nach abhanden. Da können auch noch so elegante politische Manöver nicht darüber hinwegtäuschen.«    R. Z.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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