Ein paar Trostworte an mein Publikum. Weil es mir so nett schreibt.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 393


ARMIN THURNHER

15.04.2021

Gestern schrieb mir ein netter Kollege Freundliches über meinen Anschober-Text. Dann setzte er hinzu: „Bei der Gelegenheit möchte ich aber auch sagen, dass ich deine Schelten von Kurz, Sobotka und Co mittlerweile nur noch überblättere. Ich kann es nicht mehr hören. Du hast ja recht, aber es hilft nichts, immer wieder auf sie wortreich hinzudreschen.

Ich würde von dir lieber wieder anderes lesen: was über Musik, Gedichte, das Leben abseits von der unsäglichen österreichischen Innenpolitik und Corona. Wäre das möglich? So als Trostlektüre am morgen…“

Der Freundliche traf einen wunden Punkt. Die Seuchenkolumne soll ja mehr sein als eine Politkolumne, sie soll eine Wundertüte sein und ein kleiner Arzneikasten. Enthält wissenschaftliche Diagnosen von Epidemiologen Robert Zangerle, aber auch Lyrik und Tiergeschichten, die der geschätzte Kollege unterschlug, denn die Katerdialoge mag er auch nicht. Aber Politik spielt schon eine Hauptrolle, denn nicht nur in Österreich ist sie zu einer Seuche geworden, die man wie alle Pandemien nicht dadurch kuriert, dass man einfach von etwas anderem redet.

Über Musik steht hier, ich gebe es zu, nicht genug, weil ich vor ihr aus dilettantischer Liebe am meisten zurückschrecke. Gerade lese ich, es kommt demnächst ein Buch mit Igor Levit heraus, den ich vor kurzem mit dem Elb-Philharmonieorchester unter dessen neuen Chefdirigenten Alan Gilbert das Klavierkonzert von Schostakowitsch spielen hörte, unglaublich virtuos und gebührend melancholisch wie auch angemessen brachial, mit dieser Levit-Lässigkeit über den manuellen Schwierigkeiten levitierend, die einen nach Fehlern fast lechzen lässt, aber nur fast. Man staunt über die zwei fetten Fingerringe, die ihn beim Spielen offenbar nicht daran hindern, alle Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. Und es war sehr lustig zu hören, wie die beiden Interpreten, die danach wunderbar einträchtig miteinander musizierten, bei ihren einführenden Worten einander widersprachen.

Der eine fand das Werk melancholisch, der andere doch eher todtraurig, der eine eher schalkhaft, der andere voller Granaten, ein Werk, das alle Vorschriften und Erwartungen in die Luft sprenge.

Und dann sprachen sie über die Rolle der Trompete. Merkwürdig, aber großartig, dass in einem Klavierkonzert die Trompete die Hauptrolle spielt, darin waren sie sich einig. Am Anfang trete sie auf und am Schluss nehme sie dem Klavier sozusagen das Wort aus dem Mund und beende die Sache, während der Pianist die Hände in den Schoß lege. Und zwischendurch schweige sie. Es sei, als wolle am Ende der Trompeter aufstehen und rufen, he, ich bin auch noch da.

Warum das lustig war? Weil es stimmte und zugleich überhaupt nicht stimmte. Die Trompete ist die ganze Zeit beschäftigt und immer präsent, und natürlich spielt sie am Schluss eine wichtige und ungewöhnliche Rolle, aber das Klavier tut das mit seinem Akkordgehämmer genauso. Und natürlich spielt es die Hauptrolle, nicht die Trompete.

Ja, wenn die Musik spricht, ist es etwas anderes, als wenn wir über Musik sprechen. Lustig ist das, weil wir das Bedürfnis haben es zu tun, und weil wir, schon während wir es tun wissen, dass wir es nicht können. Musik spricht eine eigene Sprache, und sie lässt die Wörter über sich immer unangemessen erscheinen.

Dieses Gespür für die Unangemessenheit der eigenen Worte fehlt zum Beispiel in der politischen Arena weitgehend. Freiheit ist hier wie dort der Leitbegriff, aber von Freiheit zu reden ist zu wenig. Man muss sich befreien, um frei zu sein. In der politischen Sprache bedeutet das, um auf den Eingangseinwand einzugehen, meine fortgesetzte Kritik gehe einem auf die Nerven, weil meine Kritik nicht genau genug ist.

Das meiste, was sich für politisches Sprechen hält, ist Propaganda, und sie hat auch auf die politische Analyse abgefärbt. Als ich gestern auf Twitter spielerisch fragte: „Gibt es eine Maßeinheit für politische Blödheit? Es gibt so viel davon, man muss beginnen, sie zu quantifizieren,“ antwortete das Publikum wie aus der Pistole geschossen in Maßeinheiten wie 1 Strache, 1 Blümel oder 1 Kurz. Sehr lustig, aber ich hatte bei meiner Frage nicht an politische Akteure gedacht, sondern an politische Journalisten.

Sind Sie übrigens vorher zusammengezuckt, als geschossen wurde? Aus der Pistole? Das Bild ruft den Startschuss beim Wettrennen auf, ist aber unangemessen, weil das Publikum, so wäre zu hoffen, auf den Fragesteller nicht mit Pistolen schießt. Phrasenempfindlichkeit zu steigern, gehört zu den Aufgaben der Kolumne. Und, wenn wir schon von Freiheit reden, auch die Widersetzlichkeit gegen die Wünsche des Publikums.

In diesem Sinn verstehe ich den gegen mich erhobenen Einwand so, dass es sich bei dem, was ich versuche, um umgedrehte Propaganda handeln könne. Dem Kurzismus kann man nicht mit Antikurzismus, also umgedrehtem Kurzismus antworten. Für das Schlimmste halte ich aber, sich dem eigenen Publikum anzubiedern. Dieser Ranschmeißerton, mit dem viele politische Erklärungen und Kritiken daherkommen, diese vorweggedachte politische Rudelbildung, womöglich noch unter einem identitätspolitischen Mäntelchen, mit der manche da schreiben, die mag ich nicht.

Gleichauf kommt die Sucht, sich selbst als quasi-neutrale Instanz zu stilisieren, indem man seine Kritik scheinbar gerecht verteilt. Türkiser Postenschacher? Ja, aber auch die Grünen und erst die Roten… Sie machen’s alle, sie sind alle gleich. Sind sie nicht. Dieser scheinbare Neutralismus zeigt den durchschlagenden Erfolg der siegreichen Einheitspartei. Das Selbstbewusstsein der meisten Kritiker, die sich für distanzierte Instanzen halte, ist pure, kaum verdeckt auftretende Ideologie.

Leicht indigniert schrieb mir eine Leserin, die mir des öfteren Lob für das zuruft, was der Kollege an mir tadelt, wenn ich noch einmal über Pizza schriebe, würde sie ihr Abo kündigen. Dafür brauche sie mich nicht, ich solle dem Kanzler auf den Nackten geben, und zwar regelmäßig und kräftig. Sie formulierte es anders, meinte es aber so.

Gleichsam im Sinn von Brecht, in solchen Zeiten sei es ein Verbrechen über Bäume zu sprechen (gleich schickt mir einer das Fried-Gedicht, in dem er, Brecht antwortend, öko-politisch über Bäume spricht), schrieb sie mir: Nicht solange wir in so spannenden Zeiten leben!

Das mir, der ich ohnehin mit jeder Kolumne unzufrieden bin, mit denen, die keinen kümmern, und mit den beifallüberhäuften erst recht. Ich bin nur in einem ganz sicher, dass nämlich politische Kritik erneuert werden muss, und ich bin fest dazu entschlossen, es zu versuchen. Dabei muss man zuerst sich selbst mit Misstrauen begegnen.

Ich bin übrigens nicht der einzige, der das versucht, bei weitem nicht. Demnächst stelle ich ihnen ein sehr dickes Buch eines sehr ernsthaften Menschen vor, der Gesellschaftskritik heute auf sehr originelle Weise neu vorträgt.

Familie Reh, wieder im Garten
Foto @ Irena Rosc

Zwischendurch sehe ich aus dem Fenster und bemerke freudig Familie Reh unter der bald aufblühenden Japankirsche. Die Bachstelzen bauen Nest, die Falken sind geschlüpft. Die Eltern jagen in einem fort und bringen ihnen Nahrung. Der Sporn auf dem Turm, zu dem hinauf ich täglich meinen Hals verdrehe, wird bald wieder besetzt sein vom Fürsten der Vögel, dem stoischen Killer, dem – die Sonne im Rücken – nichts entgeht, was sich unter ihm bewegt. Wenn er wieder dort sitzt, werde ich ihn mit einem Gedicht begrüßen, das er ungefähr so gut versteht wie unsereiner die Sprache der Trompete bei Schostakowitsch.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

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Nr. 442 Schwarze Krawatten (14.06.2021)
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Nr. 438 Republik der Heuchler (09.06.2021)
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Nr. 432 Eine ganz kurze Geschichte des Neoliberalismus, Teil II: der Wendepunkt (02.06.2021)
Nr. 431 Eine ganz kurze Geschichte des Neoliberalismus (01.06.2021)
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Nr. 425 Die neue Staatsoperette (25.05.2021)
Nr. 424 Der Köstinger-Moment (22.05.2021)


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