Ein Störrischer, mit Blick auf die Sterne

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 385


ARMIN THURNHER

07.04.2021

Schon wieder ein Nachruf. Karl Katzinger, Künstler, Filmemacher, Autor, Veranstalter, Reisender, Sensencoach und in den frühen Jahren gelegentlicher Mitarbeiter und regelmäßiger Handverkäufer des Falter, ist im Alter von 67 Jahren gestorben. Eine Elegie.

Karl Katzinger aka John Tylo

Karl Katzinger

Karl, von Anfang an warst du anders. Ragtest heraus aus der Menge.
Hoch und schlank an Gestalt, nirgends ein Gramm von Fett.
Schon als nackte Erscheinung warst du Protest gegen den Wohlfühl-
Kapitalismus. Gekleidet hast du dich wie ein Held eines
alten Westerns, so schien’s mir. Im Rückblick kommt es mir
vor, als wärst du immer ein wenig verwittert gewesen. Ich
traf dich in Wien. In den ersten Jahren des Falter warst du der
beste Verkäufer, du lebtest davon, vierhundert Stück in der
Woche, das brachte sonst niemand. Du nanntest dich Carlos. Carlos
Katzinger, das klang gefährlich, wie du vielleicht andern vorkamst;
mir aber nie. Wir mochten uns auf eine Art, da genügt schon der
Blick. Wie junge Adler einander anblicken mögen,
keiner ähnlich dem anderen, aber als Adler gleichfühlend
doch. Zumindest vom Willen getragen, den Spatzen und Tauben nicht
ähnlich zu werden. Ich weiß noch, wir saßen im Blauensteiner, beim
Bier, ich fragte, wie hältst du das durch, wohl wissend wie’s ist,
böswillig Indolenten den Falter anzupreisen
in den Lokalen. Ich konnt’ es nicht mehr, nach nur einem Jährchen.
Grinsend zucktest du mit der Achsel. Hast du sie einge-
schüchtert, die Bobos? Uns war’s egal, mit deinen verkauften
Exemplaren als Einnahme war stets zu rechnen. Was du sonst
tatest? Pharmazie „studiertest“ du, ein paar Semester.
Dann warst du weg, samt junger Frau und neugeborenem
Kind, auf Honeymoon. In Somalia! Somalia passte zu
dir. War nie ein Honiglecken am Horn von Afrika,
eher Frontier, schien angemessen einem verspäteten
Cowboy. In Wahrheit warst du Künstler, setztest dich aus und
machtest ein Buch draus, ich hab’s noch, man kann es noch kaufen,
karg, kompromisslos, schwarzweiß, unverlogen, wie du. Ein
wenig überbelichtet vielleicht. Manchmal brachtest du
uns einen Text von trocknem Humor. Die Satire „Entlaufener
Stier aus Engerwitzdorf/Tragwein“, die schaffte es unter die
besten Falter-Texte aus drei Jahrzehnten. Zum Cowboyhut
neu kam dein Name: John Tylo. Der herrschte in der Garage
Harrachsthal, Mühlviertel, das war dein Stammsitz, Katzinger Valley.
Alternative Kultur in der Einschicht: Mutig warst du auch
hier, und scheutest nicht den Konflikt mit dem örtlichen Engschädel
Bürgermeister, und bliebst der einsame Kämpfer auf deiner
Ranch, mit Obstbaum und Humusklo, Frau und vier Kindern, von denen
nichts ich zu sagen weiß, zu meiner Schande. Sah dich nach
Jahren wieder. Arche Noah Samenbörse,
Jahrmarkt für Grünes, da standest du da, mit Hut und Vater.
Sensen verkauftest du, schöne Sensenbäume aus Holz, und
Dengelböcke dazu und Kurse, das Sensenmähen zu
lernen. Das konnte ich zwar, doch wir brachten Notizen davon im
Falter. Zwischendurch schriebst du mir Postkarten aus fernen
Ländern, typographisch und literarisch vom Feinsten;
immer der Unterton: Noch bin ich da, entspannt euch nicht.
Wenn ich wo las, in Linz oder Freistadt, warst du oft da,
unverkennbar dein Hut, der Anblick der dunklen Gestalt eine
Freude, wenngleich die Mitteilungen, die du hattest, düsterer
wurden. Der Engschädel macht’ die Garage dir sauer, aber
du ließest’s dich nicht verdrießen, unbeugsam bis zuletzt,
badend im Fichtenschaffel im Freien, mit Blick auf die Sterne,
Adlerblick, Humusklo und Geschmack des einfachen Lebens.
Trotzig gegen Überfluss, Verschwendung, Zerstörung,
Hässlichkeit, Plumpheit, Uneleganz und Gier. Für die Welt der
störrischen, einfachen Leute, Zementsackwerfer in Khartoum,
Rapper am Nil, im Sudan, Selbstversorger im Mühlviertel.

Krebs stand am Ende, ließ grad zwei karge Monate dir. Und
sicher hast du dem Sensenmann noch gezeigt, wie man dengelt.
See you, John Tylo, Carlos, oben, in der großen Garage!

Informationen über das Werk von Karl Katzinger findet man hier.

Filme von Karl Katzinger kann man auf Dorf-TV sehen; sie wurden auch schon im MAK gezeigt; man könnte sie durchaus einmal gesammelt auf einem Festival spielen.

Im Standard schrieb Karl Katzinger über seinen Wohnraum in Harrachsthal einen Text.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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