Was kommt auf uns zu? Zur Corona-Lage vor der nächsten Regierungsentscheidung

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 350


ARMIN THURNHER

01.03.2021

Die Lage ist unübersichtlich, konstatiert Epidemiologe Robert Zangerle in der heutige Kolumne. Zu befürchten sind ansteckendere Mutationen des Virus, aber wie ansteckend sind sie wirklich? Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben. Zunächst werden die Intensivstationen jedenfalls nicht überlastet sein. Aber die Regierung irrt, wenn sie die Intensivstationen als Hauptkriterium der Pandemiebekämpfung betrachtet.   A.T.

»Diese Kolumne hat seit Anbeginn der Pandemie ein stringentes Konzept zur Eindämmung des Infektionsgeschehens vertreten. Deshalb wurde hier sehr konkret die zunehmende Größe von Veranstaltungen im Sommer, die fehlende Maskenpflicht auch in den Volksschulen und vieles andere als fehlerhaft für die Prävention diskutiert. Aber nur unter solchen Bedingungen hätte sich TRIQ (Testen/Rückverfolgen/Isolieren/Quarantäne) kontinuierlich weiter entwickeln können, um das Niveau Norwegens, Finnlands und mancher asiatischen Länder erreichen zu können. Dort sind 80% Abklärung im Contact tracing eine klare Vorgabe. Gut die Hälfte der positiv Getesteten sollte zum Zeitpunkt des Tests bereits in Quarantäne sein, weil eben bereits durch Contact tracing identifiziert und in Quarantäne „geschickt“. Die Erhebung der letzteren Zahl ist zur Qualitätssicherung von TRIQ unverzichtbar, wird aber nur gelegentlich so en passant in einem Interview erwähnt, aber nie systematisch dokumentiert.

Das wollte ich voraus schicken, damit die folgenden Erörterungen nicht missverstanden werden können. Wenn man über Covid-19 nicht besonders gut informiert war, konnte man über die Heftigkeit der 2.Welle überrascht sein. Aber Grosso Modo war die Überraschung vorgeschoben, ein Nebelwerfen, nicht zuletzt in Form einer Entschuldigung gegenüber den enorm belasteten Beschäftigten in Heimen und Krankenhäusern. Auch wenn das verspätete Handeln beklagt wurde und inzwischen ebenso oft das vorzeitige „Lockern“ der Maßnahmen, kann man doch auch den Standpunkt vertreten, dass die Regierung nicht unbedingt zu spät bzw. vorzeitig gehandelt hat, sondern dass das „späte“ und „vorzeitige“ Handeln eine nicht unlogische Folge dessen ist, dass sie seit dem Frühjahr 2020 die Belegung der Intensivstationen als den zentralen Indikator für die Pandemie ansieht, und nie ernsthaft das Infektionsgeschehen. Erstaunlich, wie dieses „Geschehenlassen“ in der Öffentlichkeit weitgehend akzeptiert und so wenig hinterfragt wurde und wird. Vor Wochen wurde hier noch gefragt, woher diese Akzeptanz kommt. Inzwischen wissen wir, dass sie auf einer kaum aufzudröselnden Gemengelage von Fatalismus, Berechnung und auch Ahnungslosigkeit fußt.

Schon wird der jetzige Zustand mit dem Anstieg der Fallzahlen mit dem Oktober verglichen. Nein, die Intensivstationen werden in den nächsten Wochen keine Bedarfssteigerung sehen wie jene im November. Obwohl die Sterblichkeit der 3. Welle geringer ausfallen könnte (die Vulnerabelsten sind inzwischen besser geschützt, durch Impfung und Testen des Personals), gilt das nicht für die Auslastung der Intensivstationen, denn die 3. Welle wird die 55-75 Jährigen uneingeschränkt treffen. Warum ist es zunächst anders?

Der große Unterschied zum Oktober ist die unterschiedliche Dynamik des Infektionsgeschehens. Damals gab es im Vergleich weniger eindämmende Maßnahmen, jetzt existieren dafür zunehmend ansteckendere Varianten. Jetzt rücken wieder der Reproduktionsfaktor und die damit zusammenhängende Verdoppelungszeit der neuen Infektionen in den Vordergrund. Der effektive Reproduktionsfaktor Reff. Dieser gibt an wie viele andere ein Infizierter durchschnittlich ansteckt, nachdem eindämmende Maßnahmen ergriffen wurden oder ein Teil der Bevölkerung immun ist, während der Basisreproduktionsfaktor R0 angibt, wie viele Menschen ein Infizierter ohne irgendwelche Gegenmaßnahmen ansteckt.

In dieser Grafik des Swiss Data Science Center (SDSC) wird der gerundete („smoothed“) Wert für die täglich Zahl der neuen Infektionen für den 17. Oktober mit 1559 und für den 16. Februar mit 1546 annähernd gleich angegeben. Der große Unterschied bestand an diesen beiden Tagen im Reff: 1,45 vs. 1,13. Das klingt klitzeklein, ist es aber überhaupt nicht. Der Unterschied liegt auch nicht im „Exponentiellen“, das ja prinzipiell gegen jede Intuition ist, sondern in den unterschiedlichen Verdoppelungszeiten der neuen Infektionen. Erinnern sie sich noch an das Frühjahr 2020, da war das von Mitte März bis Mitte April der wichtigste Wert, der den Reproduktionswert widerspiegelt:

Während also Mitte Oktober die Verdoppelungszeit eine gute Woche betrug, war sie im Februar deutlich länger als einen Monat. Hat der Reproduktionsfaktor nach dem SDSC bereits am 3. Februar den Wert von 1 übersprungen, so war dies nach der AGES kontinuierlich erst ab dem 11. Februar der Fall. Dementsprechend „langsam“ geht der jetzige Anstieg vor sich. In den letzten 3 Wochen (vom 7.2. bis 28.2.) stieg der gerundete Wert für die tägliche Zahl der neuen Infektionen von 1339 auf 2114, entsprechend einer Steigerung von 58%. Fast gleich die Steigerung der 7-Tagesinzidenz von 104,8 auf 159 (52%).

Das Gesagte weist auf die zwei Voraussetzungen für erfolgreiches “Lockern” von Maßnahmen hin: ein niedriger Wert des Reproduktionsfaktors und ein niedrige Inzidenz (Zahl an neuen Infektionen). Ersteres, weil nur so ein gewisser Spielraum in der Ausbreitung nach dem „Lockern“ von Maßnahmen gegeben ist; Letzteres, weil die Inzidenz dann irgendwie im „Niveau“ bleibt. Steigende Fallzahlen, gar auf einem relativen hohen Niveau und ein Reproduktionsfaktor über 1, der gar noch steigt, sind also Bedingungen, wo ein “Lockern” von Maßnahmen unbedingt kompensiert werden muss. Das Testen alleine wird es nicht sein können, „der Effekt des erhöhten Testgeschehens sollte jedoch nicht überschätzt werden“  so die Corona Kommission. Schätzungen ergaben, dass maximal 10-15% der aktuell entdeckten Fälle darauf zurückgeführt werden können. Es ist davon auszugehen, dass die „Lockerungen“ ab 8. Februar und die weitere Verbreitung von Virusvarianten die positiven Effekte eines vermehrten Testens mehr als aufheben.

Wie viel ansteckender ist nun wirklich die Virusvariante B.1.1.7 im Vergleich zu den „bisherigen“ Varianten? Dazu gibt es nur vorläufige Antworten. Schätzungen gehen von 30-70% aus, in Österreich wurden gerade 27% gemessen.

Es muss davon ausgegangen werden, dass in nächster Zeit Reff auf 1,22 ansteigt. Das ist der zwischen Kalenderwoche 5 und 7 gemessene Wert für Reff für Virusvarianten mit der Mutation N501Y (an der Stelle 501 im Spike-Protein wird die Aminosäure Asparagin (N) mit Tyrosin (Y) ersetzt. Zu diesen 1,22 könnte man rein hypothetisch z.B. die Öffnung der Innenräume der Gastronomie zählen, da wäre man dann auf alle Fälle bei 1,45 und hätte somit eine Verkürzung der Verdoppelungszeiten der neuen Infektionen von derzeit bis zu 28 Tage (regional unterschiedlich!) auf 7 Tage:

Der genaue Zeitraum für „nächste Zeit“ kann derzeit nicht angegeben werden, meine Schätzung liegt in den nächsten 1-3 Wochen, vor einem Monat stand hier „im Laufe des März“. Dieser Zeitpunkt spiegelt dann die volle Dominanz von B.1.1.7 wider (über 80%). Das ist im Augenblick noch nicht der Fall (mögliche Ausnahme Burgenland). Wie stark ist die Verbreitung der Virusvarianten? Am 26. Februar hat die AGES die diesbezüglichen Daten neu und mit einer einzelnen Tabelle sehr einfach dargestellt. Und gleichzeitig elegant die Repräsentativität umschifft, weil sie schlicht den Anteil der N501Y positiven Fälle an den gezielt auf N501Y getesteten Fällen (PCR-basiert oder sequenziert) präsentierte. Kein Wort darüber, wie viele Fälle das an den Gesamtfällen sind.

Minister Rudolf Anschober hat am 26. Februar in der Pressekonferenz stolz erklärt, wir seien das einzige Land Europa, welches alle positiven Proben auf die Mutationen der Varianten untersucht. Das behauptet auch die AGES: „Alle positiven Proben werden mittels einer eigenen speziellen PCR-Untersuchung (Vorscreening) auf eventuell vorhandene Mutationen in der Virus-RNA untersucht, die auf das Vorliegen der britischen oder südafrikanischen Variante des Corona-Virus hinweisen.“ Diese Vollmundigkeit überrascht mich, hätte ich mir doch in Analogie zur Grippe ein Sentinella-System mit Testung von zufällig („randomisiert“) gezogenen Routine-Positiv-Proben auch vorstellen können. Als ob alle Labors brav alle positiven Proben an die AGES verschicken oder die Proben mit zusätzlicher PCR selber analysieren und die Ergebnisse der Ages zur Verfügung stellen oder ob manche aufgrund der Probenverarbeitung im Nachhinein einfach technisch nicht in der Lage sind, Einzelproben zur Verfügung zu haben.

Ich habe mir die Mühe gemacht und für die Testungen in der letzten Jännerwoche die (nicht mehr zugänglichen) Daten vom 16. Februar angeschaut. Dort sah man in der Rubrik Verdachtsfälle die Anzahl der Proben, die mittels spezieller Screening-PCR auf Mutationen getestet werden, und diese Zahl war bei weitem kleiner als die Fälle gesamt. Also keine Rede davon, dass alle positiven Testproben auf Mutationen untersucht würden! Die Angaben in der jetzigen Tabelle für diese Woche decken sich in der Mehrheit der Bundesländer mit den alten Daten, sodass der Verdacht, dass es leichte Über-Repräsentativität (Cluster, optimiertes Contact tracing von Verdachtsfällen mit „Mutationen“) gibt, bestätigt wird. Ist im Prinzip auch wurscht, weil eh schnell B.1.1.7 dominieren wird. Ich möchte nur davor warnen, den Einfluss der Varianten auf das jetzige Infektionsgeschehen zu überschätzen, weil das einer Unterschätzung der vollen Dominanz dieser Varianten in Tagen bis Wochen entsprechen könnte.

Tirol: In der Darstellung des Reproduktionsfaktors in der Grafik fällt Tirol auf, weil „vorangegangene Varianten“ den gleichen Reproduktionsfaktor ergeben wie die Varianten mit einer N501Y Mutation. Die Corona-Kommission und das Prognosekonsortium argumentieren im Prinzip „weil das Tirol gut macht“. Kann schon sein, aber kann es nicht auch sein, dass die „südafrikanische Variante“ B.1.351 doch nicht ansteckender ist, hier  und hier und deshalb leichter eingrenzbar? Es ist jetzt die Gelegenheit schlechthin, diese Frage zu beantworten. Wenn die Tiroler und Tirolerinnen doch ein wenig weniger bärbeißig wären! Man könnte auch eine Idee von Florian Krammer aufgreifen und Impfstoffe im Zillertal kombinieren.

Für den Ausgang des heutigen Corona Gipfels wissen wir nicht, wie das Zusammentreffen von Teilnehmern, die die Meinung vertreten, dass die jetzige Auslastung in den Krankenhäusern doch dies und das zuließe, mit den Vertretern einer vorsichtigeren Linie ausfallen wird. Ganz überrascht bin ich von den Empfehlungen der Corona Kommission, die zum Schluss kommt, dass „der angestrebte Regelbetrieb der Spitäler ab einer ICU-Auslastung von etwa 10% (= ca. 200 belegten Betten) wiederhergestellt werden (kann)“. Wieso zeigt dann aber die Corona Ampel erst ab einer Belegung 33% auf rot?

Zum Abschluss noch ein paar „Lücken“, die entweder gar nicht oder nicht flächendeckend umgesetzt sind:

  • Pädagoginnen und Pädagogen in Kindergärten künftig regelmäßig und flächendeckend zu testen.
  • Systematische Testung während der Quarantäne (Beginn, Tag 5 und Ende der Quarantäne) bei allen!
  • Kinder unter 10 Jahren: K1 = K1 und nicht K2! Dafür Aufhebung der Quarantäne durch negativen Test am Tag 5.
  • Maskenpflicht auch in der Volksschule«   R. Z.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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