Republik ohne Wiener Zeitung – Republik ohne Würde

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 349


ARMIN THURNHER

28.02.2021

.„Und / was solen Edel-Knaben / bey guter Anweisung / derer Zeitungen nicht gebesert seyn?“

Kaspar Stieler, Zeitungs Lust und Nutz (1694)

Wann haben Sie zuletzt die Wiener Zeitung gelesen? Macht nichts. Sie ist kein Massenprogramm, aber eine gut gemachte Qualitätszeitung mit einer jungen, ernsthaften, ambitionierten und intelligenten Redaktion.

Sie haben kürzlich über die Wiener Zeitung gelesen. Der Wiener Zeitung droht die Einstellung. Oder, was dasselbe ist, die Einstellung ihrer gedruckten Ausgabe. Die Wiener Zeitung ist nicht die älteste Zeitung der Welt, aber eine der ältesten. Vor allem ist sie die älteste noch bestehende, gegründet 1703. Unsere Republik der Knaben, die mit leichter Hand Geld an die verächtlichsten Pressorgane vergibt, um ihre Gunst zu kaufen, 180 Million Euro im Jahr allein an Inseratengeld, ist nicht willens, 20 Millionen aufzubringen, die den Bestand der Wiener Zeitung in ihrer jetzigen Form sichern würden.

Screenshot: Kobuk

Das ist eine Bankrotterklärung, die sich nahtlos an die vielen politischen, moralischen und stilistischen Bankrotterklärungen reiht, die wir erleben, seit uns die NVP des Sebastian Kurz in wechselnden Koalitionen regiert. Die Medienpolitik bleibt dabei fest in den Händen des Kanzlers und seiner Beauftragten; Medienpolitik ist jetzt reine Gunstpolitik, Günstlingspolitik nach feudaler Art, welche die Gunst der Medien, also freundliche Berichterstattung mit Millionen an Steuergeld begünstigt und kritische durch Entzug dieser Gelder bestraft. Knabenfeudalismus auf unsere Kosten.

Zeitungen, schrieb ich einmal, es scheint mir eine halbe Ewigkeit her zu sein, Zeitungen sind das gedruckte Selbstbewusstsein eines Landes. Kann man sich ein verkommeneres Bewusstsein als Österreich vorstellen? Überall, wo der Boulevard noch hässlicher und gemeiner ist als unserer, gibt es als Kontrast Zeitungen, die den Namen verdienen. Deutschland hat Bild, aber auch die Süddeutsche und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. England hat die Sun, aber auch den Guardian und die Financial Times. In den USA erscheinen neben New York Post und Daily Mail eben auch die New York Times und das Wall Street Journal. Unsere Gegengewichte sind Leichtgewichte. Zu ihnen gehört auch die Wiener Zeitung. Aber es sind Gegengewichte, immerhin.

Dabei ist dieses Land immer noch ein Zeitungsland. Vermutlich aus Gründen der Rückständigkeit ist sowohl die Zahl der täglich erscheinende Zeitungen als auch die Größe ihres Publikum relativ beträchtlich. Der tägliche Morgensegen erweist sich oft genug als übermächtiger Morgenfluch. Die alte Ressentiment-Gesinnungspresse der Kronen Zeitung bekam Konkurrenz durch die abgründige Gesinnungslosigkeitspresse der Fellners. Sie zählen bei der Politik, die Leichtgewichte zählen nicht. Sie zahlen, wir berichten, und Kurz zahlt alle.

Bis auf die Wiener Zeitung. Sie ist nun durch den Wegfall der Pflichtinserate in ihrer Existenz bedroht.  Journalistengewerkschaft, Presseclub Concordia und Oppositionsparteien protestieren.

Warum müsste die Republik diese Zeitung erhalten?

Nicht, weil eine gedruckte Zeitung als solche ein zivilisatorischer Wert ist. Aber beim Stand der Dinge stellt ihr Erscheinen ein Symbol der Zivilisation dar. Digitalisierung, dieses verblödende Schlagwort, als Appell vorgetragen von Ahnungslosen in Politik und Wirtschaft, begabt mit der peripherischen Sicht von Fiakerpferden und im ökonomisch geradeaus starrenden Auge nichts anderes als Unterstützung steuervermeidender Konzerne und die Abtretung souveränen Denkens an Algorithmen. Digitalisierung ist unvermeidlich, aber sie muss zuerst einmal reflektiert stattfinden.

Solang das Gegenteil der Fall ist, scheinen gedruckte Zeitungen und Zeitschriften deswegen ein Symbol zumindest des Einhalts zu sein, weil sie im Fluss ständiger Aktualisierungen eine andere Möglichkeit zeigen. Ein Gegenbild gegen das ständige Sich-Anpassen an digitale Opportunität, sprich das digitale Arschkriechen, um möglichst viel Aufmerksamkeit in Form von Likes, Followern etctera zu bekommen, was das Publizieren insgesamt opportunistisch vergiftet und unterwandert, weil Publizieren gegen das Publikum, einst der erwünschte Normalfall, nun zum kuriosen Sonderfall zu verkommen droht.

Gegen das opportunistische, für das kritische Prinzip steht die Kultur des redaktionellen Publizierens, und weil sich die beiden Kulturen, digitaler Opportunismus und redaktionelles Publizieren immer mehr mischen, bis zur Unkenntlichkeit der zweiten, kommt der Institution der Redaktion umso mehr Gewicht zu. Die Zeitung ist ein Symbol des redaktionellen Publizierens.

Die Wiener Zeitung ist nicht die älteste Zeitung der Welt, aber eine der ältesten. Und sie ist die älteste noch bestehende. Sie ist ein Denkmal einer Kultur jener Öffentlichkeit, auf der unsere Demokratie beruht, und als solches muss sie erhalten werden. Die Republik hätte die Pflicht, zu verstehen, was sie an ihr hat, auch wenn das Management der Zeitung selbst in verdächtigem Jargon davon spricht, man wolle „Content- und Informationsprovider der Republik Österreich“ sein. Unsinn, macht aber nichts.

Die Wiener Zeitung muss als lebendiges Museum dessen erhalten werden, was Pressförderung zu fördern hätte, wäre sie den Namen wert. Sie könnte als öffentlich-rechtliches Printmedium die öffentlich-rechtliche Idee besser exemplifizieren als Radio und Fernsehen, oder zumindest ebenso gut.

Die Gelder aus Pflichtinseraten, die jetzt wegfallen, müssen also durch andere ersetzt werden. Die Republik soll zeigen, dass sie sich neben ihrer Medienkorruption eine seriöse, nicht primär auf Geschäft ausgerichtete Tageszeitung leisten will. Zehn Prozent Korruptionssteuer auf die von ihr ausgegebenen 180 Millionen Inseratenbestechungsgeld wären nicht zu viel. Die Republik braucht kein Veröffentlichungsorgan. Sie braucht das Gegenteil davon, einen Ort unabhängigen, verantwortungsvollen Publizierens. Ich verlange nicht einmal, dass sie versteht, warum. Sie soll es einfach betrachten wie das Kunsthistorische Museum oder die Oper, unter „Kulturverliebtheit“ ablegen und meinetwegen „I am from Austria“ dazu singen. Wenn sie es nur tut.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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