Des Kanzlers Einladung zum Hasard. Zur aktuellen Corona-Lage

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 323


ARMIN THURNHER

02.02.2021

Die gestrige Pressekonferenz der Regierungsspitze ruft bei Epidemiologen Robert Zangerle Entsetzen hervor. Entweder die Einschätzungen stimmen nicht, oder die angekündigten Maßnahmen sind verantwortungslos. Und sonst? Viel Ungewissheit bei der Datenlage, naturgemäß.  A.T.

»Österreich ist vor allem durch den Jux-und-Tollerei-Abbruch des 2. Lockdowns am 7. Dezember in die Bredouille geraten. Der dadurch entstandene Vertrauensbruch zeitigt schwere Folgen (dass der Lockdown auch massiv verspätet eingesetzt wurde, lassen wir jetzt beiseite). Von diesem Fehlhandeln abzulenken, war gestern die Hauptanstrengung unserer Verantwortlichen. Bundeskanzler Sebastian Kurz verkündete die gute Nachricht, dass der Lockdown Wirkung gezeigt hat, und die schlechte Nachricht, dass die Mutationen sozusagen ein Stück weit den Erfolg unseres Lockdowns auffressen. „Das bedeutet zusammengefasst, während die klassische Virusvariante im Sinken ist, steigen die Mutationen an, und das führt im Ergebnis dazu, dass wir mittlerweile in einer Seitwärtsbewegung angelangt sind“, so wortwörtlich Bundeskanzler Kurz.

Angenommen, die vom Bundeskanzler verkündete Einschätzung würde so stimmen, dann wäre JEDER Öffnungsschritt für alle, Jung und Alt, eine unverantwortliche Zumutung, in jeglicher Hinsicht, ein Hasard für die Gesundheit, und für die Wirtschaft natürlich genauso. Niemand in Europa würde bei vergleichbaren Fallzahlen, deren Gleichbleiben ansteckenderen Varianten geschuldet sei, jetzt irgendeine Lockerung vornehmen. NIEMAND! Bundeskanzler Kurz instrumentalisiert die Variante B.1.1.7, um von der katastrophalen Corona Politik abzulenken und/oder plant er bereits den nächsten harten Lockdown. Was weiß ich.

Minister Rudolf Anschober und Vizerektor Oswald Wagner wiederholten Kurz’ Aussage sinngemäß. Wagner verstieg sich dann in nebulose Zahlen zur Ausbreitung der ansteckenderen Variante B.1.1.7 in Wien: vor zwei Wochen lag man bei 10-20%, in der letzten Woche bei 20-30% und am Wochenende schon bei 40%. Weil er dies ohne Angabe zum Nenner machte, blieb im Dunkeln, ob das nun 40% von den sequenzierten Virusproben sind, 40% geschätzt über Abwasserproben oder ob tatsächlich 40% aller positiv Getesteten die Variante tragen. Träfe letzteres zu (was ich mit meinem „partiellen“ Wissen so nicht annehme), dann wären, analog zu Genf  am 1. März 80% der Infektionen in Wien durch B.1.1.7 verursacht. Ich halte jedenfalls solches Ausspucken von undefinierten Zahlen ohne nähere Angaben und ohne Möglichkeit, sie irgendwie durch andere Quellen überprüfen zu können, für verantwortungslos. So leistet man ungewollt (?) der vernebelnden Argumentation der Seitwärtsbewegung Unterstützung.

Post hoc: Um Mitternacht las ich dann eine Zusammenfassung von Andreas Bergthaler auf Twitter, wo die Daten aus dem Westen sehr unvollständig (Salzburg!!, aber auch Tirol und Vorarlberg) waren, sodass das angegebene Ost-Westgefälle nicht wirklich stimmig erschien. Vielleicht ein Bias aufgrund von Daten des Burgenlandes (möglicherweise habe ich gestern den Einfluss der Einschleppung von Großbritannien nach Bratislava unterschätzt). Andererseits sind die Wien-Daten anders dargestellt, als es Vizerektor Wagner behauptete, obwohl sie aus der gleichen Quelle (Berichterstattung an die Regierung) stammen. Er fasst es so zusammen. „Die absoluten Zahlen steigen bisher nicht in Österreich. Jedoch verdrängen die Varianten kontinuierlich die herkömmlichen Viren. Das lässt vermuten, dass der bisherige Lockdown zwar funktioniert, aber nicht effektiv genug für Varianten mit erhöhter Infektiosität ist“. Eine Stunde später fügt Bergthaler erklärend dazu: „PS: Die Prozentsätze beziehen sich jeweils auf die gezogenen Stichproben.“

Ich würde das Gestrige wiederholen und es so zusammenfassen: Wir können den Anteil der Variante B.1.1.7 an den gesamten Infektionen derzeit gar nicht benennen . In manchen der „neuen Corona Labors“ wird – pandemisch hemdsärmelig – mit PCR gearbeitet, um Ergebnisse über die Varianten vor der lege artis Sequenzierung zu erhalten. Das ist zweifellos richtig, andererseits ist es besonders wichtig und dringlich, jetzt einheitliche Protokolle für ergänzende PCR-Analysen zu verwenden, um die neuen Varianten qualifiziert und korrekt schneller erfassen zu können, wie hier dargestellt https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2021.01.28.21250486v1.full.pdf .

Die vom Bundeskanzler geäußerte Seitwärtsbewegung sah man aber bereits deutlich VOR dem substantiellen Auftauchen von B.1.1.7 und sie ist dem vorzeitigen Abbruch des zweiten „Lockdowns“ zuzuordnen.

Schauen wir die Bundesländerkurven an, so fällt in den letzten Tagen in Vorarlberg (blaue Kurve) eine breite Spitze auf, die schlicht Folge von Fehlern bei der Eingabe (Antigentests!) ist, während die kleinere Spitze so um den 10. Dezember herum durch mehr positive Tests während der Massentestungen verursacht wurde (diskret auch für Tirol zu sehen – rote Kurve). Die größeren Buckel bei Salzburg und Kärnten sind ungeklärt. Können wir diesen Fallzahlen überhaupt trauen? Eigentlich geht man in so einem Fall her und schaut sich die Positivitätsraten, also den Prozentsatz der positiven Tests an. Die Positivitätsrate ist ein sehr guter Indikator für die allgemeine Verbreitung in der Bevölkerung, spiegelt aber auch die Teststrategie wider. Oft schwierig, das auseinanderzudröseln. Selbst wenn sich an der Teststrategie nichts geändert hätte, so kann sich doch schleichend das „Testverhalten“ ändern. Passiert ist beides, weil inzwischen klammheimlich auch alle öffentlichen Screeeningtests (z.B. „Tirol testet“) zur Beurteilung herangezogen wurden. Für einen solchen Vorgang haben weder WHO noch ECDC Richtwerte. Ich würde als Vorgabe meinen, dass beim derzeitigen Infektionsgeschehen dieser Wert unter 1 liegen müsste, zuletzt betrug er 1,9%.

Die Krankenhausbelegung hinkt dem Infektionsgeschehen typischerweise ein (bis zwei) Wochen hinterher. Deshalb die Verzögerung im Rückgang gegenüber der Sieben-Tages-Inzidenz, bei der Normalpflege seit 24. November, bei der Intensivpflege seit 2. Dezember zu beobachten. In den gut drei bzw. zwei Wochen seither war der Rückgang im Vergleich zu den Fallzahlen jedoch deutlich geringer.

Das korrekt zu interpretieren, ist schier unmöglich. Da spielt die Dauer der Aufenthalte eine wesentliche Rolle, die sich je nach Alter und Vorerkrankungen ändern kann. Um solchen Variationen zu entgehen, wäre die Verwendung der täglichen Aufnahmezahlen auf Normal- oder Intensivpflege unverzichtbar. Dann könnte auch zur Prozesssicherung der Reproduktionsfaktor damit bestimmt werden, das wäre allemal tauglicher als Simulationen mit wackligen Fallzahlen. Solche Zahlen liegen jedoch nicht in der erforderlichen Qualität vor; weder das Epidemiologische Meldesystem (EMS), noch die Informationen aus den Abrechnungs- oder Krankenhausinformationsystemen (KIS) können sie liefern. Hier bremsten die Bundesländer, sodass als Folge das „Prognosekonsortium“ sich extrem schwertut, Schwankungsbreiten, selbst für die nächsten 14 Tage, schmal zu halten.

Wenn man sich die Krankenhausbelegung nach dem Knick um den 22. Dezember anschaut, sieht man ein Zusammenlaufen der Belegungszahlen in den einzelnen Bundesländern, zuletzt mit der relativ höchsten Belegung in Niederösterreich und Wien, am tiefsten in Vorarlberg. In der Belegung von Intensivbetten pro 100000 Einwohner kann man das auch beobachten, abgesehen von den Ausreißern nach oben, Wien (Belag dauerhaft um rund 100 Intensivplätze) und nach unten, Kärnten. Das spiegelt jedoch weder die Fallzahlen des letzten Monats (Verhältnis entgegengesetzt) noch die Altersstruktur wider.

Im ganzen letzten Monat hatte Wien deutlich niedrigere Fallzahlen bei den 45-75-Jährigen (typische Altersstruktur der durch Covid belegten Intensivbetten). Was jetzt? Stimmen die Fallzahlen nicht oder ist der Zugang zu den Intensivstationen unterschiedlich? Oder, und dafür gibt es Argumente, ist die Erfassung der Belegung der Intensivbetten „suboptimal“, weil zu wenig auf die Fachgesellschaften gehört wurde, wie das geschehen hätte sollen? Da steht noch viel Arbeit an, hier Erhellendes zu entdecken, zugegeben epidemiologisch kein leichtes Unterfangen, ich schildere es einfach.

Was ist jetzt das Problem? Die Fallzahlen sind zu hoch und zwar immer noch so hoch, dass TRIQ

(Testen/Rückverfolgen/Isolieren/Quarantäne) nicht ausreichend gut funktionieren kann. Genau aus diesem Grund sind weniger als 50 neue Infektionen pro 100 000 (entsprechend 645 neuen

Diagnosen täglich) auch unbedingt notwendig, und nicht als Definition eines Idealziels, das, wenn erreicht, die totale Öffnung erlaubt, wie das Bundeskanzler Kurz am 1. Februar formuliert hat. Das ist ärgerlich, weil dieser Infektionsstand das Grundgerüst, die Voraussetzung bilden muss!

Die mangelnde Empfindlichkeit („Sensitivität“) der Antigentests bei Asymptomatischen wird schlecht kommuniziert. Mehr davon in den nächsten Tagen. Ich werde auf Projekte in Schulen und Heimen eingehen, die mit gepoolter PCR ohne Abstriche in Nase/Rachen, auch ohne Gurgeln auskommen, und nicht teurer sind!

Gerade eben nimmt der Anteil der neuen britischen Variante B.1.1.7 zu (laut Andreas Bergthaler vom CeMM nur anteilsmäßig und nicht absolut), im Laufe des März wird sie in ganz Österreich zur vorherrschenden Variante werden. In Tirol gibt es eine besondere Lage, dort ist B.1.351 (Südafrikanische Variante) häufiger (Europas Hotspot) als B.1.1.7 (aber auch die wird auf 10 Prozent geschätzt, deshalb kein so eindeutiges Ost-West Gefälle). Mein Verdacht ist, dass sich auch in Tirol B.1.1.7 durchsetzen wird, weil ansteckender, aber möglicherweise langsamer. B.1.351 schützt wenig vor Reinfektionen und könnte, vor allem mit weiteren Mutationen (wenn man das Virus nicht energisch gut kontrolliert) die Wirkung der Impfstoffe schwächen (noch schaut es ganz gut aus).

Wenn die Ausbreitung von B.1.1.7 vorherrschend wird, steigt auch der Reproduktionsfaktor. Das genaue Ausmaß von Reff unter nicht-pharmazeutischen Interventionen („Maßnahmen“) ist nicht präzise definiert. Im Augenblick liegt Reff bei 0,94. Wenn B.1.1.7 überhand nimmt, wird der Wert bei gleichbleibendem (!) Infektionsgeschehen auf über 1 ansteigen und das bei den jetzigen Infektionszahlen.

In der Grafik sehen wir oben Reff seit 8. November (bis 0,8 reichend) und unten während der ersten Welle zwischen Ende März und Ende April (bis 0,6 reichend). Berechnungen aus Dänemark ergaben, dass der Reff deutlich unter 0,95 (0,7-0,8) sein muss, um beim Vorherrschen der neuen Variante und dem dann zu erwartenden Anstieg von Reff über 1 extrem hohe Fallzahlen in den kommenden Wochen (März) zu verhindern.

ECDC warnt eindringlich vor dem Risiko der neuen Varianten und macht Vorschläge, unter anderem die Verschärfung der Regeln für die Quarantäne, die unbedingte Reduktion der nicht-notwendigen Mobilität (Skifahren), und warnt auch vor Lockerung der NPIs. Ich höre jetzt auf zu sudern und leite die Kolumne endlich meinem Seuchenheiligen Armin Thurnher weiter. Danke für die Geduld, auch an Niki Romani.«  R. Z.

Distance, hands, masks, be considerate!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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