Ansprache des Impfheilands Sebastian Kurz an sein dankbares Volk

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 286


ARMIN THURNHER

27.12.2020

Meine lieben Gläubigen, heute darf ich einmal das Wort direkt an euch richten, denn die Zeit ist gekommen, da ich euch den Game-Changer bringe, verglichen mit dem das Light at the End of the Tunnel ein trübes Talglicht ist und eine schmerzliche Funsel. Denn sehet, ich habe euch den Impfstoff gebracht, der alles neu und anders macht.

Nun werdet ihr sagen, es wäre Zeit, Bilanz zu ziehen und manches kritisch zu sehen. Gut, antworte ich denen, die so reden, ich ziehe Bilanz, aber für Kritik gibt es keinen Grund. Ihr verzagten Zweifler, ich habe es immer gesagt, ihr seid je schon daneben gelegen. Ich aber hatte das Glück, von meinem Freund Bibi Netanjahu, dem weisen, gerechten und ehrsamen Führer des jüdischen Volkes, Vorbild der Jugend und Preis der Gerechten, früh ins Bild gesetzt worden zu sein, dass wir es mit einer ernsten Pandemie zu tun haben. So konnte ich euch warnen und euch mit einem strengen Lockdown vor dem Schlimmsten bewahren.

Ich verkünde euch eine frohe Botschaft
Foto APA © Georg Hochmuth

Ja, werden die Kleingläubigen einwenden, das war keine Kunst, denn in Ischgl habt ihr halb Europa angesteckt, und in Norditalien konntet ihr besichtigen, wie ein Gesundheitssystem am Rande des Zusammenbruchs aussieht.

Denen antworte ich, Ischgl war nicht einmal halb so schlimm, wie unsere Feinde es dargestellt haben. Wir haben dort alles richtig gemacht, niemand meiner schwarzen Freunde ist zurückgetreten. Die New York Times mit ihren seitenlangen Berichten über Ish-gul als Infektionsherd Europas war, wie mein väterlicher Freund und Gönner Donald Trump zu sagen pflegt, nichts als Fake News.

Ich habe mich davon nie beirren lassen und konnte als das Licht Europas leuchten, als euer Corona-Kanzler, der allen anderen zeigt, wie es geht. Mühelos gelang es mir, den Gesundheitsminister in den Schatten zu stellen, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen. Transparente Information über die Pandemie vermochte ich von Anfang an von euch fernzuhalten. Zu viele Zahlen hätten euch nur verwirrt. Jene riefen nach Zahlen. Als ihr täglich mehrere verwirrende Zahlen bekamt, was war da besser? Und was hätte es gebracht, unser Konzept zur Bekämpfung der Pandemie zu veröffentlichen? Ich habe immer gesagt, es gibt keines, das brauchen wir nicht. Wir haben mich. Ich bin das Konzept!

Freunde, stellt euch doch einmal vor, wie es wäre, überließe man den Wissenschaftlern die Kommunikation, es würde euch ein Mann oder eine Frau von minderem Charisma täglich über den Stand der Dinge informieren, wie in Deutschland der Chef des Robert Koch Instituts. Sachlich! Das würde euch nur zu eigenen, schädlichen Gedanken anstacheln und mir wertvolle TV-Minuten stehlen.

Nein, Freunde, in eurem Interesse war es mir wichtig, immer präsent zu sein. Mehr als 50 Pressekonferenzen habe ich selbst angeführt. Als ich in Brüssel die EU mit ihren Budegetplänen ein wenig aufmischte, um eine Schuldenunion zu verhindern, mussten sie in Wien mit der Verkündigung wichtiger Maßnahmen auf meine Rückkehr warten. Ohne mich gilt es nicht, das ist die Regel, an die ich mich stets gehalten habe. Damit konnte ich von allem Wichtigen ablenken und war auf dem besten Weg, Europas Corona-Kanzler zu werden.

Wie? Die Verordnungen? Ich habe immer gesagt, es ist egal, ob Regeln juristisch korrekt verfasst sind. Wir verordnen, bis der Verfassungsgerichtshof kommt! Dann habe ich schon durchgesetzt, was ich wollte. Rechtsstaat? Schon recht.

Deswegen ist es mir auch wichtig, die Bekämpfung der Pandemie nicht als nationale Angelegenheit darzustellen. Die rote – ausgerechnet! – Infektiologin Pamela Rendi-Wagner musste ich draußenhalten, die roten Landeshauptleute, unter uns gesagt, eine Bagage zweiter Klasse, wurden immer spätestmöglich informiert, die lästigen Neos schüttelte ich mir aus dem Pelz, und die Blauen kenne ich bis zur nächsten Koalition sowieso nicht mehr.

Ich, Freunde, bin die Angelegenheit von nationaler Bedeutung, niemand sonst.

Kleine Ausrutscher gab es, wo aber, Freunde gibt es die nicht? Nicht einmal ich war vor ihnen gefeit, wie man bei meinem Besuch im Kleinwalsertal sah, als ich mich maskenlos unter die Menge mischte. Ich gab aber mit meiner Körpersprache meinem inneren Widerstand Ausdruck, während ich mich scheinbar dem Feierwillen der nach mir dürstenden Bevölkerung auslieferte.

Es ist eben alles eine Frage der Kommunikation, liebe Freundinnen und Freunde. Mein Message-Salon süßt mir die bittersten Botschaften so kunstvoll, dass sie euch runtergehen wie Buttercreme, sei es die geschlossene Balkanroute, der Coronatote, den jeder kennen wird, die klare Linie, bei der wir bleiben, die schrecklichen Bilder, die uns nicht kalt lassen oder die Verhinderung der Schuldenunion. Message-Control erspart einem alles. Ich brauchte mir nicht den Kopf zu zerbrechen, als alle serösen Fachleute vorhersagten, nach dem sorglosen Sommer werde die Pandemie wieder ausbrechen. Wozu sollte ich tüfteln, wie wir mit der Frage der Kindergärten und Schulen umgehen, wie wir unsere Alten schützen? Ich habe meinen Message-Salon, der mich und meine Sprache groomt!

Und ich habe meine Jünger. Meine Ministerinnen und Minister, die wie Sprechautomaten, und ich meine das nicht negativ, getreulich wiedergeben, was der Message-Salon und ich ihnen vorgeben. Gefolgschaft bedeutet folgen, nicht eigenes Köpfchen kultivieren! Das ist extrem schön.

Auch der Grüne Koalitionspartner enttäuscht mich nicht. Die sind nicht blöd, die wissen, dass ich sie in Geiselhaft halte und benehmen sich entsprechend. Ich teste ihre Schmerzgrenzen und habe sie noch lange nicht erreicht, Lesbos und das Transparenzgesetz seien mein Zeuge!

Manche meiner böswilligen Kritiker behaupten, ich hätte die Menschen nicht nur schrecken, sondern sie vor allem informieren und vom richtigen Verhalten zu überzeugen sollen. Diese haben keine Ahnung, wie Machiavellismus funktioniert. Die Österreicherinnen und Österreicher sind autoritär und sehnen sich nach einem starken Arm, also nach meinem. Kommunikation will nicht Information, sondern Gefühlsabrichtung. Schau auf dich, schau auf mich, der Babylelefant, die gefüllten Taschen der Boulevardmedienbetreiber, darum geht es bei Kommunikation. Und dass der ORF mir breiten Raum gibt, wenn ich es will.

Man muss ja nicht alle schlechten Nachrichten gleich groß aufblasen. Die falschen Warmherzigen mit ihrem Lesbos-Kinderkitsch haben sogar die Bischöfe unrund gemacht. Da kommt mir die Impfung gerade recht. Dass die Türkisen, ja sogar ich persönlich in diesem verrückt aus dem Ruder laufenden Ibiza-Ausschuss wegen Korruption angepatzt werden, konnten wir mit Hilfe des treuen Hausknechts Sobotka abbiegen. Auch dabei hat die Seuche nicht geschadet.

Weiters hilft mir, heute kann ich es euch sagen, ab und zu ein Schuss Willkür: überfallsartige Grenzkontrollen, überteuerte und sinnlose Massentestungen, Öffnungen und Schließungen ohne Maß und Ziel. Und jetzt: das große Showimpfen. Lasst es uns nie vergessen, es geht nicht um Gesundheit, es geht um Herrschaft, Freunde. Und ums Geschäft meiner Freunde. Wer mich haben will, muss mich erdulden. Es ist, ihr wisst es, zu eurem Besten.

Es war nicht immer leicht. Im langen Wiener Wahlkampf musste ich vor allem darauf achten, dass die roten Bäume nicht in den Himmel wachsen. Was danach kam, haben bösartige Virologen das „konzeptlose Köchelkonzept“ genannt, aber was sollte ich tun, eingespannt zwischen die Interesse meiner Financiers aus der Wirtschaft und meine eigenen Interessen? Da kann man nicht auf läppische Dinge wie Volksgesundheit achten, da muss man die richtige Balance zwischen zu späten und sinnlosen Maßnahmen finden, und glauben Sie mir, ich habe sie gefunden. Nartare nesesse est!

Corona-Übersterblichkeit einiger Länder im Vergleich im Vergleich zum Vorjahr
Grafik @ Our World in Data

Verhältnismäßig dreimal so viel Tote wie Deutschland? Das stimmt so nicht, das stimmte nur für einen gewissen Zeitpunkt. Es sind nur doppelt so viele Tote. Das ist mein persönlicher Erfolg als oberster Seuchenkämpfer. Das muss euch, Freunde, erst einmal einer vorhüpfen, dass er mit einer derart verheerenden Bilanz aus der Pandemie herauskommt und als der strahlende Impfmessias vor euch erscheint, wie ich euch heute.

Aber ich habe es getan, ich tue es, und ich werde es wieder tun, denn mein sind die Medien, der Tunnel ist noch lang und ich bin euer Licht und eure Finsternis, ganz wie es mir gefällt. Ich bin euer Game-Changer, ihr seid mein Game. Ich werde euch das Geimpfte schließen wie die Balkanroute. Es wird mich extrem gefreut haben. Wir werden es immer gesagt haben. Von nun an bis in alle Ewigkeit. Amen.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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