Der Lockdown wirkt: Skigebiete in Wien könnten noch vor Weihnachten öffnen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 260


ARMIN THURNHER

01.12.2020

Virologe Robert Zangerle hat eine satirische Ader; anders könnte man sich den Titel seiner Kolumne kaum erklären (er stammt von ihm). Dies ist der erste von zwei Texten, die sich mit dem Ziel des Lockdowns befassen und klar sagen, was dieses Ziel sein müsste. Ziel dieser Kolumne ist es, ähnlichen Klartext von der Politik zu fordern.    A.T.

»Man kommt aus dem Staunen nicht mehr hinaus. Zuletzt wurden Expertinnen und Experten von verblüfft wirkenden hochkarätigen Journalisten gefragt, wieso denn so überraschend viele Menschen sterben. Die Antwortenden waren oft perplex, was denn damit gemeint sein könnte und haben deshalb oft ausweichend geantwortet. Offensichtlich wird unser (vorübergehender) Status eines „Infektionsweltmeisters“ dermaßen verdrängt, dass sich die logische Folge eines solch schrecklichen Infektionsgeschehens, nämlich diese unfassbaren Rekordwerte an Todesfällen, nur mehr sehr schwer erfassen lässt. Mich hat seit langem irritiert, dass es für das vor unseren Augen sich verstärkende Infektionsgeschehen der letzten Monate eine breite Akzeptanz gab und gibt. Irritierend finde ich auch, dass unklar bleibt, wie im kommenden Winter enorm viel großes Leid nachhaltig vermieden werden könnte. Jedenfalls kaum durch Massentestung und überhaupt nicht mit der Impfung (Effekte erst später, also nach dem Winter, zu erwarten).

Unverändert unklar für die Öffentlichkeit bleibt, wann welche Schritte aus dem Lockdown heraus gesetzt werden. Nie werden konkrete Zahlen angegeben, selbst bei der heftigen und zugleich „surrealen“ (© der italienische Außenminister) Diskussion über eine „frühe“ Öffnung der Skigebiete erfuhren wir nichts Genaues: .„Wenn es die Infektionszahlen zulassen, werden wir uns das Skifahren auch von Bayern nicht nehmen lassen“, erklärte Landeshauptmann Günther Platter in einer Aussendung. Tourismusministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP) dazu in der ZiB2 am 26. November: „Ich habe bereits mehrfach festgehalten, dass ein Wiederöffnen (der Skigebiete, Anm.) immer von den Infektionszahlen abhängen wird, vor allem von der Belastung im Gesundheitssystem“.

Jetzt wissen wir zumindest, dass die Regierung unverändert an der Belegung der Intensivstationen als zentralem Indikator für die Pandemie festhält, der Achillesferse des Gesundheitssystems in der Covid-19 Pandemie. Zum x-ten Mal: Reagieren, wenn die Intensivstationen sich zu füllen beginnen, ist definitiv zu spät! Ganz ähnlich argumentierte Landeshauptmann Günther Platter schon am 30. September bei einer Arge Alp-Tagung in Salzburg: Nur die Zahl der CoV-Neuinfektionen heranzuziehen, sei zu wenig. Man müsse auch die Zahl der Testungen, der Spitals- und Intensivpatienten vor der Verhängung einer Reisewarnung miteinbeziehen.

Herr Platter, wollen Sie unsere Gastlichkeit erweitern, indem Sie Gästen das Recht auf einen Intensivplatz einräumen? Bei welcher Belegung der Intensivbetten wäre das denn möglich? Wurden Verletzungen durch Skiunfälle miteinkalkuliert? Diese führen zwar nur sehr selten direkt auf die Intensivstation, aber beim derzeitigen Behandlungsstandard solcher Verletzungen, wo eine Operation vielfach als Mittel der Wahl gilt, erfordern sie wahrlich funktionstüchtige Aufwachräume. Aufwachräume werden aber im Augenblick gerade in den meisten Skiregionen als räumliche und personelle Reservekapazität für COVID-19 Intensivbetten herangezogen (die Operationstätigkeit ist derzeit ja reduziert!). Werden Schneemangel und/oder eisige Pisten, als Risikofaktor für Verletzungen, als neuer Indikator in die „Ampel“ aufgenommen? Sollen zuerst die elektiven Eingriffe wieder aufgenommen werden oder zuerst die Aufstiegshilfen in Betrieb gehen, oder beides gleichzeitig?

Ich kann das alles nicht beantworten, aber ich möchte wiederholt ein ganz konkretes und definiertes Ziel nennen, und zwar die Reduktion der Fallzahlen, unabhängig von der Auslastung der Intensivbetten, auf 50 neue Infektionen pro 100 000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen („7-Tages Inzidenz“). Das entspräche 645 neuen Infektionen täglich. Ein solches Ziel ist attraktiv, nicht weil Bundeskanzler Kurz es in der Pressestunde nannte, sich dann aber nicht sicher war, ob es im heurigen Winter erreichbar wäre, und auch nicht (allein) wegen Reiswarnungen aus Deutschland und den Beneluxländern. Es wäre vor allem attraktiv, weil 50/100.000 auch die Grenze bildet, jenseits derer TRIQ ins Stottern käme. Zuletzt wurde das Amtsgeheimnis um die Zahl der Contact Tracer gelüftet, 4000 wurden genannt . Mit dieser Zahl können laut Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom, um die 600 neuen Infektionen pro Tag dauerhaft mit Qualität bewältigt werden.

Der Arbeitsaufwand für TRIQ bemisst sich an der Zahl der Kontakte, die während eines „Lockdown“ per Definition eingeschränkt sind, dieses Mal aber weniger als im Frühling (was ist ein Lockdown? ), und sie werden (sollten!) auch in der „behutsamen“ (Elisabeth Köstinger) Lockerungsphase drastisch reduziert bleiben, sodass zumindest vorübergehend auch deutlich mehr neue Infektionen von den Contact Tracern bewältigt werden könnten.

Das gilt aber offenbar nicht für die bei den geplanten „Massentestungen“ erwarteten Fälle. Minister Rudolf Anschober sicherte nämlich zu, dass „bei den Massentests aus administrativen Gründen kein Contact-Tracing durchgeführt werden müsse“. Die jeweiligen Landesräte waren daraufhin beruhigt, ohne über die rechtliche Lage zu reflektieren (gilt das Dörfler’sche Axiom). Es mag als vermeintliche Henne oder Ei Frage anmuten, ob TRIQ ins Stottern kam, weil die Fallzahlen stiegen, oder die Fallzahlen stiegen, weil TRIQ stotterte. „Wäre das Tracing etwa ab September nach asiatischem Vorbild effektiver verlaufen, wäre der Fallzahlen-Anstieg hierzulande um 60 Prozent geringer ausgefallen, haben Niki Popper und Kollegen (Teil des Prognosekonsortiums) kürzlich errechnet.“ 

Wieso wird nicht das finnische Vorbild strapaziert, wo im Schnitt 80% der positiv Getesteten rückverfolgbar sind? In Österreich wurde dieser Wert nur an vereinzelten Tagen im Mai und Juni erreicht, in der Seuchenkolumne als grün in der Ampel gefordert, während die Ampelkommission hier vage blieb, abgesehen von der „lockeren“ Berücksichtigung in der Adjustierung der Fallzahlen. Die Adjustierung der Fallzahlen, die den jeweiligen Beginn einer „Welle“ systematisch schönfärben muss, fehlte in der letzten Sitzung der Ampelkommission , wie es hier schon seit langem gefordert wurde.

Niki Popper weiter: „Testen, Tracen, Isolieren“ müsse nach dem zweiten Herunterfahren einer klaren, nachhaltigen Strategie folgen und verbindlich und schnell funktionieren. Wie soll das funktionieren, solange in der Ampel alles der „Resourcenauslastung“ untergeordnet bleibt, sodass die Inkaufnahme erhöhter Fallzahlen inhärent ein anwachsendes Versagen von TRIQ nach sich zieht. Diese Folgen unseres Ampelsystems werden sträflichst ausgeblendet. So können einerseits die aberwitzige Wortmeldung im September, dass es sich um einen Labortsunami  handelt, und andererseits die Idee, dass generell weniger getestet werden sollte, im Nachhinein als hilflose Denkfehler bei der Bewältigung der aufkommenden TRIQ Krise gesehen werden. In der Kolumne vertrat ich (blauäugig?) immer einen anderen Ansatz: Zahlen tief halten, dann kann TRIQ funktionieren und die Wirtschaft kann sich dann auch besser erholen.

Wann ist es realistisch, die 7-Tages Inzidenz von 50/100 000 zu erreichen? Schauen wir die Daten an, so sehen wir, dass wir noch ein beträchtliches Stück davon entfernt sind.

Die Fallzahlen sind in den letzten 14 Tagen von 6631 auf 4404 deutlich gesunken, was aber nicht ganz der in der Kolumne geforderten/prognostizierten Halbierung entspricht. Allerdings wirkt der Lockdown bei dieser Analyse erst seit 13 Tagen und es ist mit einem Einpendeln des Reproduktionsfaktors von 0,80 und damit der Halbwertszeit von 14 Tagen noch vor dem 6. Dezember zu rechnen. Dementsprechend wird der heutige Reproduktionsfaktor mit 0,81 prognostiziert, die pure Berechnung ist immer aber ein Blick zurück und stammt zuletzt vom 23.11. Der zum offiziellen Prognosekonsortium gehörende Complexity Science Hub ging von 1000-2000 neuen Fällen pro Tag Anfang Dezember aus, was einer Halbwertszeit von lediglich 7 Tagen und einem Reproduktionsfaktor von 0,6 entsprochen hätte, das war dann doch ein wenig zu ambitioniert. Um die Entwicklung der nächsten Wochen zu veranschaulichen, hilft ein Blick auf einen Teil der Grafik von Christian Althaus, die den Zusammenhang zwischen der Zeit, in welcher sich die Anzahl Neuinfektionen von SARS-CoV-2 halbiert und der Reproduktionszahl zeigt. Bei Beibehalten des jetzigen Infektionsgeschehens wären wir etwa nach drei Halbwertszeiten ( = 6 Wochen), also Mitte Jänner, unter 50 neuen Infektionen pro Tag angelangt.

In den Regionen Österreichs läuft das Infektionsgeschehen heterogener ab, als es diese Zahlen vermuten ließen. Vorarlberg hat als einziges Bundesland seine Zahlen bereits innerhalb von 14 Tagen halbiert (ihre Reproduktionsraten sanken also unter 0,8), Vorarlberg hat neben Wien die niedrigste Positivitätsrate (Verhältnis der positiven zu allen bis dahin durchgeführten Coronatests). Sie liegt um die 10% (morgen mehr über die Bundesländer).

Die große Schwierigkeit, den Kurs mit den angepeilten Halbwertszeiten/Reproduktionsfaktor fortzuführen, entsteht durch die Rücknahme („Lockerungen“) von Maßnahmen. Die Massentestungen werden einen sehr geringen, wenn nicht überhaupt vernachlässigbaren Effekt auf das Geschehen haben. „Behutsam“ zu „lockern“, hieße eins nach dem anderen, etwa erst Schule dann Handel, alle zwei Wochen. Selbst wenn endlich ernster gemeinte „Hygienekonzepte“ wirksam würden. Es droht eine Lawine von kontroversen Vorschlägen zu Reihung der „Lockerungsschritte“ über uns hinweg zu rollen. Was käme als Nächstes dran?

Die massiven Warnungen der WHO und European Centre for Disease Prevention and Control ECDC bezüglich des stark erhöhten Übertragungsrisikos durch gehäufte und intensive Kontakten zu Weihnachten und Silvester/Neujahr könnten fast als Drohung einer Amtshaftungsklage missverstanden werden.

Einige Regionen könnten die Zahl der neuen Infektionen auf 50 pro 100 000 schneller schaffen (Vorarlberg lassen wir weg, man könnte „uns“ einen Conflict of Interest unterstellen), weshalb eine Öffnung der Skigebiete Wiens gerade noch vor Weihnachten möglich werden könnte. Einschränkend müsste in den Gondeln eine „Zwei-Haushaltsregel“ gelten, schwarze Pisten müssten wegen Verletzungsgefahr gesperrt bleiben. Insbesondere jedoch müsste die Bevölkerung damit einverstanden sein, dass Skiverletzte in der Versorgung Vorrang vor geplanten Operationen, wie etwa dem Einsetzen von Hüft- und Knieprothesen haben. Mehr hier und morgen.«  R.Z.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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