Sonntagsgespräch mit dem klugen Kater, vor dem Essen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 258


ARMIN THURNHER

29.11.2020

Kater: Was machst du hier?

Ich: Was ganz Triviales. Ich koche.

Kater: Interessant, ich warte. Kannst du mir erklären, warum du das machst?

Ich: Blöde Frage.

Kater: Ich erinnere mich daran, dass du mir kürzlich eine Kritik der Käsemakkaroni entwickeln wolltest. Das war aber keine Kritik, nur ein blödes Herumgerede mit Rezept.

Ich: Was wäre deiner Meinung nach Kritik, Kater?

Kater: Das haben wir doch schon besprochen. Da müsste ich nachgerade romantisch werden.

Ich: So à la Tieck, Der gestiefelte Kater, was?

Kater: Ach komm, lass die müden Späße. Nein, ich denke eher an Schlegel.

Ich: An welchen Schlegel, Schlingel? August, Friedrich oder doch Lamm?

Kater: Das macht mich jetzt richtig traurig. Das kannst du besser, Armin. Ich denke naturgemäß an Friedrich, den hast du ja oft genug zitiert.

 

Ich: Kann mich erinnern. Ja, als junger Mann saß ich in der Nationalbibliothek, begeistert, dass man Erstausgaben bestellen konnte, und las Friedrich Schlegels Kritische Fragmente, das ist wahr. Neben mir saß übrigens der Dichter Hermann Schürrer.

Kater: Und was las der? Wie ich dich kenne, hast ihm sicher über die Schulter geschaut.

Ich: Stimmt, sogar über die Schulter gerochen, er duftete recht intensiv. Säuerlich, wie alle großen Trinker. Er las in der Erstausgabe von Edmund Burkes „Reflections on the Revolution in France“ von 1790 und trug eine Miene zur Schau, die sagte, ich zeig’s euch junglinken schnöseligen Marcuselesern!

Kater: Ich bin beeindruckt. Übrigens: „Nichts ist verächtlicher als trauriger Witz“, erinnerst du dich?

Ich: Dunkel. Darf ich mich mitgemeint fühlen?

Kater: Wie du willst. Hatte nicht vor, mich mit dir über Kritik und Revolution zu unterhalten, sondern übers Essen. Wolltest du nicht etwas kochen?

Ich: Zuerst wollte ich mich bei Kollegin Barbara Tóth bedanken, die kürzlich daran erinnerte, dass ich einmal zusammen mit meiner Frau ein Kochbuch schrieb.

Kater: Wie das?

Ich: Wir haben weit über zehn Jahre lang Rezepte im Visa-Magazin (später Card Complete Magazin) veröffentlicht. Dann fing ich auch noch mit diesen Weihnachtsmenüs im Falter an, alles genial zusammengeklaut, wie Werner Meisinger, der bester Essenschreiber des Landes, indiskreterweise aber wahrheitsgemäß festgestellt hat.

Kater: Gut, aber das ergibt noch kein Kochbuch.

Ich: Ich wurde immer wieder gefragt, ob wir diese Rezepte nicht einmal gesammelt herausbringen könnten. ALLE würden das kaufen, ganz sicher. Das hat uns im Verlag dann so gierig gemacht, dass wir uns tatsächlich dazu aufrafften,es zu machen. Hunderttausende Leserinnen und Leser! Ganz lange Zähne!

Kater: Ihr habt einfach die Rezept aus dem Kreditkartenmagazin und dem Falter zusammengestoppelt?

Ich: Wo denkst du hin. Wir sind gleich draufgekommen, dass wir fast alles neu texten und neu fotografieren müssen. Meine Frau Irena Rosc hat intensiv und ausgiebig daran gearbeitet. Wir haben uns echt Mühe gegeben. Die Fotos sind wirklich schön geworden, es ist mehr als ein Kochbuch, es ist so eine Art Kombination aus einem Tagebuch unserer Küche und einem Ideengeber, fast jedes Rezept hat ein oder zwei Unterrezepte und eine Geschichte dazu. Raphael Moser hat es sehr lebendig gestaltet, die Typejockeys haben sogar eine eigene Schrift dafür hergestellt.

Kater: Ah ja, ich komme auch drin vor. Und der Hund, Gott hab ihn selig.

Ich: Ich erinnere mich, als er starb, bist du wochenlang zu seinem Bettchen gegangen und hast die Wand angestarrt.

Kater: Ich dachte, er muss dahinter sein. Reden wir von was anderem. Ihr seid also reich geworden mit diesem Kochbuch.

Ich: Kannst dir denken! All die großen Reden! Ich verrate dir keine Details, weil du ein geschwätziger Kater bist, ich sage nur soviel: Es ist noch erhältlich.

Kater: Manchmal muss man warten können. Walter Benjamin zum Beispiel schreibt, dass er noch um 1900 in Berliner Antiquariaten Stapel der Erstausgabe von Goethes Stella  sah.

Ich: Ich bin nicht Goethe. Immerhin bringt der verehrte Alfred Brendel demnächst ein Buch über Goethe und die Musik heraus.

Kater: Klingt gut, steht auch was übers Essen in Weimar drin?

Ich: Keine Ahnung, Brendel hat mir nur verraten, dass Goethe ein Bass war. Wusstest du das?

Kater: Nein. Mich interessiert mehr, was euch so sicher gemacht hat, dass Leute tatsächlich eure Rezepte gut fanden.

Ich: Weil sie es mir immer wieder sagten. In einem Jahr nach der Jahrtausendwende besuchte ich einen dieser ÖVP-Events, so eine Art Rede an die Nation, einen politischen Kinderfasching für Große, mit politischem Almauftrieb aller Granden und einer Kanzlerrede, pompös inszeniert, als wären wir eine Großmacht wie die USA. Ich ging auf dem Gehsteig zum Konzerthaus, der „Lokeischn“, da sprach mich die Nationalratsabgeordnete Ingrid Wendl an, berühmt als Eiskunstläufern, TV-Sprecherin und Schönheit. Sie wandte mir ihr bezauberndes Antlitz zu und rief begeistert: „Ich habe Sie gelesen! Das war wirklich gut!“ Ich erbleichte und musterte im Kopf geschwind die Themen meiner letzten Seinesgleichen-Kommentare durch, allesamt nicht besonders schüsselfreundlich, da war ich mir sicher. Hatte ich etwas falsch gemacht? Ehe ich mich fassen konnte, sagte Frau Wendl strahlend: „Ich hab’s gekocht, und es ist prima geworden!“

Kater: Nette Geschichte. Aber jetzt koch bitte endlich was. Es wird sicher prima. Ich habe Hunger. Was machst du denn?

Ich: Was Fettes, Lustiges. Wird dir schmecken. Das Rezept geht sich jetzt nicht mehr aus. Tragen wir vielleicht demnächst nach.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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