Downhill-Lockdown: Karneval – Louvre – Schule – Skifoan – TV

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 257


ARMIN THURNHER

28.11.2020

Wir haben wieder Top-Skiathleten. Unser Damenteam wird angeführt von Elisabeth Köstinger, die sich, wie es Hansi Hinterseer einst unübertroffen ausdrückte, so weich durch die Tore schleicht, dass es eine Freid ist. An den glattesten Stellen gibt sie die Ski einfach frei. Vom Oberkörper her ist sie ganz ruhig, wenn sie im Zielraum zeigt, wie gut sie vom ÖSV (Österreichischer Schwanerer-Verband) geschult wurde und auf die übliche Frage, wie sie sich fühlt, unverdrossen sagt: „Auch wir geben Italien nicht vor, wie nächstes Jahr der Karneval auszuschauen hat oder wann in Frankreich der Louvre wieder öffnet, geschweige denn, ob Deutschland die Schulen aufsperren soll oder zusperren soll.“

Person – Frau – Mann – Kamera –TV, das merkte sich Donald Trump. Karneval – Louvre – Schule, ist schon ein sauberes Madel, unsere Elli. Macht in jedem Tor immer Tempo nach vorne.

Auch wenn eine nachhakt wie diese lästige Lorenz-Dittlbacher, die nie im ORF-Sport Manieren lernte, bleibt sie gelassen und sagt: „Also Sie haben speziell mit Seilbahnen ein sehr wichtiges Thema angesprochen, wir haben eine ähnliche Herausforderung auch im öffentlichen Verkehr, erleben das tagtäglich auch im Frühverkehr mit den U-Bahnen, wo tausende Menschen dann auch zur Arbeit kommen und zur Arbeit gehen, auch hier haben die Seilbahnbetreiber bereits Sicherheitskonzepte vorgelegt, es sind vor allem die Ein- und Ausstiegsstellen die neuralgischen Punkte und wir werden alles dafür tun und vor allem die Tourismusbranche selber hat ja größtes Interesse daran, dass die Menschen gesund bleiben, dass sie sich wirklich auch gut erholen und dass sie halt auch wieder etwas Freiraum zurückgewinnen, weil ich glaube, die letzten Monate waren für alle von uns wirklich eine große Herausforderung.“

So geht das. Die Seilbahnbetreiber haben den Wiener Verkehrsbetrieben immer schon sicherheitskonzeptmäßig geholfen, merk’s, Hacker. Im Sommer auf den Gletschern haben wir Europa mit den dichtgedrängten Schlangen der am Lift Anstehenden gezeigt, wie Sicherheitskonzept geht. Après-Ski gibt es keinen, versprochen, Ish-gul war ein Irrweg, wir zeigen den Menschen wieder, was Freiheit bedeutet. Freiheit findet ihr auf einsamen Hängen, nicht beim Zuwidrängen, Leute!

Kompensationszahlungen fordert Riesenslalom-As Gernot Blümel. Eine Woche geschlossene Skigebiete kostet uns zwei Milliarden Euro, und wenn EU-Diktatorin Merkel uns die Sperrung unserer Skigebiete auferlegt, muss sie eben zahlen. Wir haben ja ebenfalls ganz Europa für die Schäden von Ish-gul entschädigt, haben wir nicht? Diesbezüglich sind wir strikte Moralisten, Blümel hat praktische Philosophie studiert und sich mit einer aufsehenerregenden Arbeit über die Nullifizierung des Gedächtnisses habilitiert; mit seinen wagemutigen und wohlkoordinierten Fahrten gegen die EU bringt er uns zurück an die Spitze der Renationalisierungswertung.

Favorit für den Weltcupsieg ist indes immer noch der trotz seiner Jugend bereits routinierte Sebastian Kurz. Die Stärke dieses niederösterreichischen Wieners ist die Bergauffahrt. Er gewinnt Rennen schon beim Aufstieg. Die Seilbahngondel ist genauso wie die Straßenbahn, sagt er, und wenn er wortgleich formuliert wie Köstinger, merkt man, dass das Sommertraining in Kommunikationsgruppen Früchte trägt. Auch er ist von der Balance her unübertroffen, ganz ruhig steht er mittig auf dem Ski, rudert vielleicht noch ein wenig zuviel mit den Armen, aber er arbeitet an dieser einzigen Schwäche. In den überfüllten Waggons der Straßen- und U-Bahnen Zogelsdorfs hat er gelernt, sich durchzusetzen und seine Ellenbogen zu gebrauchen. Diese Fertigkeiten kann er in der Seilbahngondel gut gebrauchen. So ein Skiliftsessel, so eine Gondel sind ja nichts anderes als öffentliche Verkehrsmittel, erklärt der sonst eher einsilbige Spitzenathlet. Und: Wir sind die Partei der großen Freiheit, wir öffnen alle Grenzen, wir lassen alle herein. Diese tranige Merkel und dieser verkniffene Söder schließen immer nur die falschen Routen! Wo bleibt die Bild-Zeitung?

Über allem schwebt Peter Schröcksnadel, der Chef des ÖSV, Besitzer aller Skigebiete, Beherrscher aller Gegengeschäfte, Hüter der heiligen Milka-Kuh und Schmiermittel des journalistischen Devotionalienkitsches, genannt ORF-Sportberichterstattung. Er sagte in der TV-Sendung „Im Zentrum“ den Satz, den sich alle diese falschen Europäer, von Frau Merkel abwärts, hinter den Spiegel stecken können: „Wenn man aufpasst, kann man überall durchkommen, ohne dass man diese Krankheit so schnell aufklaubt.“

Die Hirscher-Lücke schloss sich schneller, als wir es erhoffen dürften. Die neuen Pistenhelden heißen nicht mehr nur Viktor Orbán und Jaroslaw Kaczyński. Inspiriert durch sie siegen wir wieder, im größten Kampf der Gegenwart, im Kampf kleiner Nationen gegen die alles unterdrückende und regulierende EU. Angeführt von Kurz, Köstinger und Blümel holen wir den verlorenen Nationencup zurück. Endlich kann Co-Kommentator Assinger wieder freudig rufen: Da pfeifen die Komantschen! Und vor allem: Auf Europa pfeifen die Komantschen!

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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