Für unsere Kinder: Hirngymnastik mit Nikolaus und anderen Heiligen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 255


ARMIN THURNHER

26.11.2020

„Wir werden die Regeln so ändern, dass der Nikolaus unter Einhaltung der Corona-Regeln auch dieses Jahr den Kindern eine Freude bereiten kann.“ Dieser Satz, gelassen ausgesprochen vom Bundeskanzler der Republik Österreich, Sebastian Kurz, in Reaktion auf eine Schlagzeile der Kronen Zeitung, war zwar gestern schon bekannt und löste hier auch eine ganze Kolumne aus, in seiner ganzen Schönheit und Logik ging er mir aber erst jetzt auf, sodass ich heute noch einmal auf ihn reagieren muss, nein reagieren darf.

Der Kern des Satzes lautet: wir werden die Regeln ändern, indem wir sie beibehalten. Er ist ein Beispiel höherer Wahrheit, vielleicht aber auch schwindelnder Lügenhaftigkeit oder bloß des bodenlosen Schwindels, der einen befällt, wenn man des Herrn Bundeskanzlers Unschuldsmiene betrachtet, mit der er etwas vorgeblich Schlichtes vorbringt, bei dem einem, bedenkt man es länger als eine halbe Sekunde, der Verstand verloren gehen kann, wenn man zugleich versucht, ihn anzuschauen und mitzudenken.

Gegen diesen Kanzler und seine Messenger-Boys ist Alice in Wonderland ein Rechenbuch für die 1. Klasse Volksschule. Wir machen Regeln, die anders sind als die Regeln, die wir gemacht haben, aber es sind die gleichen Regeln. Wir halten uns an alle Regeln, ohne sie zu beachten. Unsere Missachtung der Regeln ist die neue Regel, die niemand missachten darf. Wir machen die Regel wie wir wollen, aber in Wahrheit machen wir natürlich nur die Regeln, wie ihr sie wollt.

Foto: APA © Barbara Gindl

Kinder, seht ihr diesen Nikolo? Das bin ich, und an mir sollt ihr eure Freude haben. Ich habe euch einen neuen Nikolo gemacht, damit ihr den alten behalten könnt. Das ist ein neuer Nikolo, aber es ist der alte Nikolo. Er folgt neuen Nikoloregeln, aber er hält sich an alle bestehenden Nikoloregeln. Er ist der regelrecht unregelmäßige Nikolo.

Er bereite euch Freude, aber auch wieder nicht, weil ich es bin, der euch Freude bereitet, indem ich die Regel ändere und sie zugleich beibehalte. Ihr bekommt dadurch einen altneuen Nikolo, der keiner Regel folgt, außer der, die euch bekannt ist, und wieder auch nicht. Denn sowie ihr glaubt, eine Regel zu kennen, habe ich sie schon geändert, und indem ihr sie anschaut, ist sie nicht mehr dieselbe, aber eben doch, wenn ich will. Passt genau auf, welcher ihr folgt!

Schaut mich genau an, Kinder und merkt euch mich. Meine neue Regel lautet, ich werde da sein solange ihr da seid, und solange ich die Regel mache, ist es die Regel, dass ihr mich wählt. Kommt ihr auf eine andere Idee, ändere ich die Regel, aber so, dass die erste Regel bestehen bleibt.

Und ihr von der Kronen Zeitung, und ihr, Schafsgesichter vom ORF, macht jetzt daraus eine Schlagzeile und einen schönen Bericht, in dem nur ich vorkomme, aber in dem nur der Nikolaus sichtbar ist!

Wie kann man sich gegen solches Hirnverdrehen wehren? Wie bekommt man es wieder aus dem Kopf? Dazu bedarf es verschiedener Gegengifte, Nonsense hilft gegen Nonsense. Ich habe Tante Elfi, eine Hobbylyrikern, in die ich mich auf Zuruf (auf eigenen, meistens) verwandle. Sie dichtet dann zweifelhafte Verslein, gerne Limericks, aber auch Kinderreime und sonstiges Spottzeug. Heute habe ich das Gefühl, zur Reinigung vom Nikolo-am-Ende-des-Tunnels-Zauber sollte ich als Medizin ein paar von Elfis Sachen bringen, die ihr herausrutschten, wenn sie sich besonders über einen politmedialen Kracher des Bundeskanzlers freute. Die meisten wurde auf Twitter veröffentlicht (und ja, fürchtet euch, es gibt noch mehr).

Schon am 28. Dezember 2019, während der Koalitionsverhandlungen, hatte Tante Elfi gewarnt:

Tierleid

Rudi Anschober hat ’nen Retriever
hundertmal in den Railjet ihn hiev’ er
Doch am Ende der Chose
war für’n Hund tote Hose:
Er verrenkt beim Kurz-Kuscheln den Kiefer

Am 3. März 2020, ich war Skifahren, ging es noch weniger um Corona (obwohl Ish-gul schon köchelte), sondern um das andere öffentlichkeitswirksame Thema, Flüchtlinge. Sollte man nicht Kinder aus Moria? Die Tante widmete den Protagonisten der Farce drei Durchwinklieder in Limerickform.

I. Durchwinklied des Basti

Dieses schreckliche Bild vom Ertrinken!
Ja, was glaum denn die Grünen, die Linken?
Mit der Humanität,
da erpresst ma uns ned!
Mir wern niemanden niemals durchwinken!

II. Durchwinklied des Nehammer

Dem Kogler sagt’ ab ich, Nehammer.
weil kompletto da festg’schrieben sammer.
Keine Migrationswelle
schwellt da auf die Schnelle,
und durchwinken niemals mehr tammer!

III. Winklied des Kogler

Ich bin Vice-Chancellor, heiß’ Kogler Werner
und holt’ ein paar Flüchtlinge gern her.
Doch privat mein ich’s nur,
da der Message-Boss stur
sagt: winken kannst denen von fern her!

Am 27. Mai ging es darum, in Brüssel die EU zu spalten und einen auf sparsam und schnittig zu machen.

Kanzlers neue EU-Spendierhosen

Es war einst ein Kanzler, Sebastian.
Stets rief er: Die Hosen, geht’s, lasst sie an!
Lasst sie nicht runter!
Wer zahlt, der geht unter!
Doch selbst hat er Hosen ja fast nie an.

Manchmal reagierte die Tante auch nur auf den medialen Message-Wahnsinn, der auf sie eintrommelt. Am 1. Juni stellte sie sich einen kleinen Dialog im Kabinett vor.

Geheimes aus dem Kabinette

Zur Edtstadler sprach der Sebastian:
Deine Ohrringe schoaf und fantastisch san!
Magst sie mir borgen?
Für Brüssel, morgen?
Sonst zieh ich an Fez mit an Quasti an!

Ende Juli hatte sich das Corona-Blatt gewendet. Alles schien prächtig, kein Grund zur Sorge. Außer: Gesundheitsminister Rudolf Anschober von der Splitterpartei „Die Grünen“ maßte sich an, den Kanzlerian an Popularität zu übertreffen. Zugleich brüstete sich dessen geistiger Ziehvater Donald Trump in den USA damit, einen Intelligenztest glänzend bestanden zu haben, weil er sich die Wortfolge „Person, Frau, Mann, Kamera, TV“ stundenlang merken konnte. Kurz wiederum befahl seinen Wiener Vasallen, mit einer Verlautbarungspressekonferenz zu warten, bis er selbst, aus Brüssel zurückgekehrt, die Botschaft verkünden konnte.

Corona-Warnlied

Bist du Unter, bist du Ober,
bist du Kurz, bist du Anschober,
hast eine Labrador-Geduld
oder bist an allem schuld?

Rudi, Rudi, pass gut auf,
geht die Beliebtheit weit hinauf!
Wennst net aufpasst, kommt Edtstadl
mit dem Ohrring, und beißt Wadl.

Des Kanzlers Eros-Präferenz:
er steht auf Pressekonferenz.
Es ist ein innerlicher Drang,
er hat den Ankündigungszwang.

Er muss hinaus vor die Reporter
und ist in Brüssel, nicht am Ort er,
haben die anderen Warteschuld
bis er höchstselbst tritt vor ans Pult,

gegroomt, gerad, gesund und munter
spricht er, nachdem die Maske runter:
„Grüß Gott! Erste Person, dann Frau,
Mann, Kamera. ICH BIN TV!“

Dann kam der Nikolo, und Tante Elfi war wieder nicht zu halten. Diesmal orientierte sie sich an dem berühmten Lied „A a a, der Fremde der ist da“ aus den Letzten Tagen der Menschheit, und brachte voller Vorfreude auf die entzogenen Freuden und voll regelsüchtigem Regelbruch ein Kinderlied.

Lichter-Gedichterl

Ha Ha Ha
Im Tunnel alle da?
Seht ihr das Lichterl? Ja!

Huh huh hu
Erst sperr ma alles zu
Dann auf, und draußt bist du.

Hi Hi Hi
Jetzt ist Pandemie
Das Virus kriegt mich nie!

Ho Ho Ho
Wie sind wir Medien froh
Der Basti kommt als Nikolo!

Yo Yo Yo
Wir feiern mit Cliquot.
Als Krampus geht der Ho!

He he he
Das ist echt kein Schmäh.
Kinder, bald fällt Schnee!

Yuck Yuck Yuck
Virus aus dem Sack.
Gib der Propaganda Lack!

So, liebe Kinder, damit ist Schluss für heute. Ich hoffe, ich konnte euch ein wenig aufheitern und den Nikolo-Bastian wieder aus euren Köpfen drehen. Einstweilen gedenken wir voll Andacht Frank Stronachs und dessen gesunden Menschenverstandes. Frank formulierte: Wer das Gold hat, macht die Regel. Heute heißt es: Wer regelt, macht die Regel. Oder: Wer am Regler sitzt, macht die Regel. Oder auch: Mehr Regel schlägt weniger Regel. Versuchen Sie trotzdem, Ihren Verstand zu behalten!

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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