Tennis ist Psychoterror. Versuch über Dominic Thiem

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 251


ARMIN THURNHER

23.11.2020

Am vergangenen Wochenende und in den Tagen davor habe ich Dominic Thiem durch das ATP-Finals-Turnier in London begleitet. Die besten Tennisspieler der Welt treffen dort aufeinander, als Nummer Drei der Welt war auch der Österreicher Thiem dabei. Er verlor das Finale, wie im vergangenen Jahr, aber seit er heuer das Grand-Slam-Turnier in New York gewann, ist das nicht mehr so schlimm. Er ist die Nummer Drei der Welt, er verlor gegen einen Gegner in Hochform, den Russen Daniil Medvedev, dessen Tennis nicht so schön ist wie Thiems, aber nicht weniger raffiniert und mutig.

Foto APA AFP © Glyn Kirk

Er trug zwar ein kariertes Pyjamahemd, was ihm als russischem Bären zustand, lieferte aber sonst kaum Tadelnswertes ab, außer dass er das einzige Break, das er hinnehmen musste, mit Doppelfehler verlor und dass er seinen Sieg so gleichmütig zur Kenntnis nahm, dass es Kommentatoren und Fans verblüffte. Sekunden später drückte er schon auf dem Smartphone herum, als bestelle er gerade eine Pizza. Der Kontrast dieses Ultracoolen zu sich selbst hätte nicht größer sein können: Man kennt den Russen als Häferl, der sein Temperament nicht im Zaum hat, permanent mault, ausflippt und Schläger zertrümmert. Niederlagen machen ihn heiß, Siege anscheinend kühl.

Dominic Thiem ist seit Thomas Muster der erste Österreicher, der ein Grand Slam Turnier gewann. Anders als Muster war er noch nicht Nummer Eins der Weltrangliste, aber das kommt noch. Er ist der einzige außer dem Briten Andy Murray, der die sogenannten Legenden Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic schon jeweils fünfmal geschlagen hat. Er besiegte, wie auch sein Gegner Medvedev, in diesem Turnier Nadal und Djokovic, die Nummer Eins und Zwei der Welt. Medvedev, die Vier, packte dazu halt auch noch Thiem, die Nummer Drei.

Foto APA AFP © Glyn Kirk

Thiem ist das Idealbild des Tennisspielers, er kann einfach alles. Und er kann noch mehr, er kann den Schlag, den es nicht gibt, den unerwarteten. Manchen erwartet man schon von ihm, seine Backhand longline, den schwersten Schlag, wie jeder Amateurspieler weiß, die flach übers Netz fegt und vorbei am in die andere Seite getriebenen oder am Netz stehenden verdutzen Gegner vorbei mit 150 km/h hinten im Eck einschlägt.

Thiem kann auch einen hoch aufspringenden langen Ball im Sprung attackieren und eine Vorhand longline daraus machen, die unretournierbar hart an der Linie einschlägt.

Er beherrscht das Netzspiel, in der Vergangenheit war das nicht immer so. Gegen Djokovic verschlug er am Netz keinen einzigen Ball. Einzige Schwäche sind die kurzen Bälle, die zum Punkt bereit übers Netz schweben und die er leicht erläuft. Die schiebt er zwar am Gegner vorbei, aber allzu oft löffelt er sie ins Out. Das ist keine Frage des Ballgefühls, das hat Thiem im Übermaß, sondern eher der Nerven. Einer dieser Punkte kostete ihn das siebte Game im zweiten Satz und vielleicht das Match.

Andererseits: gerade deshalb bewundern wir ihn, weil er in kniffligen Situationen nicht den Sicherheitsschlag wählt, sondern draufgeht. Jeder Tennisspieler weiß um den inneren Hemmmechanismus, der einem in den Arm fährt und reflexartig Risiko vermindern will; Thiem nannte das die Schlümpfe im Arm. Er kümmert sich nicht um sie, und dadurch gelingt ihm oft das Unwahrscheinliche, der Punkt gegen jede Hoffnung, der perfekt geschlagene Punkt, den sonst keiner kann.

Bei ihm kommt das ästhetische Moment dazu. Thiems Schläge sind, anders als die seiner Konkurrenten, schön. Niemand, mit Ausnahme Roger Federers, spielt derart fließend, elegant, ja, richtig. Die einhändige Rückhand ist dafür ein Sinnbild, die Volleys und mittlerweile auch der Aufschlag. Selbst in größter Bedrängnis kommt Thiem immer einem Idealbild von Tennisstil nahe.

Nadal wirkt gedrungen-erzwungen, auch bei genialen Bällen; er ist immer Schwerarbeiter. Verbissen, beutelkratzend, gesichtsbetastend, zwangsneurotisch. Wie Djokovic, der den Ball beim Aufschlag bis zum Abwinken aufpäppelt. Seine Schläge sind zwar ansehnlicher als die Nadals, aber sein Spiel mutet unangenehm ökonomisch an; weniger auf eigene Stärke setzend als die Schwäche des Gegners ausnützend, vipernartig zuschnapped.

Zwangsneurotisch ist bei Thiem fast nichts, außer dass er den Ball vor dem Aufschlag einmal mit dem Schlägerrahmen aufpäppelt und dass die schwarze Seite des Rahmens immer oben ist. Medvedev kann zwar alles, aber seine Schläge haben etwas Bärenbabyhaftes, das Racket schwingt er wie eine Schneeeschaufel, mit der er Bälle derschlägt wie Pilnacek Prozesse.

Thiem ist laufstark und schnell, er hat Kondition wie nur irgendeiner, er hat den Mut zum Unvorhergesehenen. Er ist kühn und elegant. Federer ist das auch; Medvedev, Andrej Rublev und manchmal auch Sascha Zverev sind kühn, aber nicht elegant.

Thiem verlor gegen Medvedev, weil der im Lauf des Matches stärker wurde. Weil Thiems Bälle, bei denen ihm in den Matches zuvor das Netzband beigestanden hatte, nun in diesem Netzband hängenblieben. Weil ihm auch das Quäntchen Gift fehlte, das seine Killerschläge, Backhand Longline und Forehand Inside-Out unwiderstehlich macht. Zu wenige waghalsige Punkte, die Medvedev nachdenken ließen. Zu lange bei der anfangs erfolgreichen Taktik geblieben, per Slice Power-Duelle mit dem Bären zu vermeiden. Dessen Wucht blieb dominant. Das kann man sonst nur von Thiem sagen.

Man hat trotzdem das Gefühl, es geht bei ihm immer noch ein bisschen besser. Den Höhepunkt körperlicher Kraft und Schnelligkeit hat er mit seinen siebenundzwanzig Jahren gerade erreicht. Man spürt, er lernt ständig, auch während eines Spiels, macht den gleichen Fehler selten zweimal. Von allen Spielern, die sich auf der Tour bewegen, ist er im Augenblick, Niederlage hin oder her, der beste, eleganteste, kräftigste. Eine kommende Nummer Eins der Welt.

Außerdem verhält er sich nicht unangenehm und scheint ein netter Kerl zu sein. Alle seine Kollegen mögen ihn.

Ich habe ein paar seiner Spiele auf Twitter begleitet (für die, welche kein Sky-Abo haben und mir folgen, also sieben Hänse), auch weil ich merkte, dass die Konzentration auf den nächsten Tweet meine nervöse Spannung ein wenig milderte. Tennis ist Psychoterror. Ich habe im Guardian ganz gern die Game-für-Game-Berichterstattung mitverfolgt und einen plastischen Eindruck von manchem Spiel bekommen, das ich nicht sehen konnte.

Dass ich Medvedev seines karierten Hemdes wegen den russischen Pyjamabären nannte, braucht er mir nicht zu verzeihen, da er es nie erfahren wird. Dominic Thiem wünsche ich einen schönen Urlaub; normalerweise bin ich in Indien, wenn er das Australien Open spielt, und schaue ihm unter Palmen zu. Daraus wird heuer seuchenbedingt nichts. Ich hoffe, er gewinnt trotzdem.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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