Corona: Konzept als Amtsgeheimnis oder Amtsgeheimnis als Konzept?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 245


ARMIN THURNHER

17.11.2020

Heute ist wieder Virologe Robert Zangerle von der Meduni Innsbruck am Wort. Er erklärt „the Math“, also welche Ziele wir erreichen müssen, wenn wir weitere Härten nach Ende dieses Lockdowns vermeiden wollen. Bei der Schwammigkeit unserer Amtsträger kann es sein, dass wir sie erreichen, oder auch nicht. Lesen Sie selbst.    A.T. 

»Wie viele werden es wohl ins Rettungsbot schaffen, und wie schaffen wir es an Land? Harvard-Epidemiologe Marc Lipsitch prägte dieses Bild am 1. April. Er warnte damals vor der Komplexität dieses An-Land-Gehens. Inzwischen sind fast 8 Monate vergangen, und man konnte einiges darüber lernen, wie man sicher an Land kommt. In Österreich haben wir das Problem, dass ein Konzept zur Bewältigung der Covid-19 Pandemie mehr oder weniger Amtsgeheimnis bleibt.

Trotzdem brachten Aussagen von Regierungsmitgliedern und anderen Stakeholdern am letzten Wochenende (unfreiwillig?) ein wenig Licht ins Dunkel. Das was wir erfahren durften, unterstützt sowohl die These des hier bereits so genannten „konzeptlosen Köchelkonzepts“, als auch den Verdacht, dass die weitverbreitete Haltung, die nicht sehr kontrollierte Verbreitung von SARS-CoV-2 einfach geschehen zu lassen, reeller Teil der Politik ist, halt mit der Einschränkung, die intensivmedizinische Versorgung nicht schwerwiegend und anhaltend zu überlasten. Reagieren, wenn die Intensivstationen sich zu füllen beginnen, ist definitiv zu spät! Das war immer klar, längstens bei der 2. Welle in Israel.

Mein Kummer ist jetzt, dass wir mit einer solchen Haltung schwerlich im Winter an Land kommen. So wird die Pandemie viel zu viel, und aus meiner Sicht auch vermeidbares Leid, Einsamkeit, Krankheit und Tod nach sich ziehen. Gehen wir also den Aussagen nach.

Das Interview von Martin Thür mit Minister Rudolf Anschober in der ZiB2 Spezial vom 14. November war, trotz einigem Nebel, durchaus erhellend, wenngleich nicht unbedingt im Sinne der beiden Beteiligten. Lassen wir sie sprechen: Martin Thür fragte, ob das Gesetz klug sei, weil „Sie müssen laut Gesetz auch warten mit so einem strengen Lockdown bis das Gesundheitssystem wirklich ganz knapp an der Kippe steht…Sie mussten ja den Fast-Kollaps des Gesundheitssystems abwarten“. Anschober antwortete unmittelbar mit „Man kann ja mit Prognosen arbeiten…“ Man blieb ratlos zurück, weil weder die gesetzliche Grundlage adäquat behandelt wurde, noch auf die Prognosen und deren Ergebnisse eingegangen wurde.

Martin Thür fragte weiter: Wohin müssen die Zahlen sinken, damit der Lockdown nicht verlängert wird?

Minister Rudolf Anschober antwortete: „…wir wollen deutlich unter 1 (Anm. Reproduktionsfaktor Reff), unter 0,9 kommen, damit wir auch in den Dezember/Jänner hinein eine kontrollierte gesicherte Situation haben.“

Auch die Sendung Im Zentrum vom 15.11. brachte Informationen ans Licht, die ich mir in dieser Direktheit nicht vorstellen konnte oder wollte. Dort fragte die Moderatorin Claudia Reiterer den Ko-Vorsitzenden der Corona Kommission („Ampelkommission“), Clemens Martin Auer_ „…ab welchen Zahlen sperrt das Land wieder auf?“ Seine Antwort: „Reproduktionsfaktor muss unter 1 sein“ verblüffte mich, davon später.

Komplexitätsforscher Peter Klimek vom Complexity Science Hub der Medizinischen Universität Wien kommentierte daraufhin, weit ausholend: „Die Schwierigkeit bei dem Ganzen ist, solange nicht klar definiert ist, was die Folgestrategie nach dem Lockdown ist, ist es auch schwierig, Zielgrößen anzugeben – da wollen wir hin. Wir können eines sagen, wir wollen den intensivmedizinischen Bereich wieder grün. Dann müssen wir auch bald sagen, das sind 1000 – 2000 neue Infektionen pro Tag maximal, am besten möglichst weit drunter.“

Ganz ähnlich der Simulationsforscher Niki Popper: „Nur mit klaren Strategien, einem substanziellen Aufbau der Kontaktnachverfolgung und belastbaren Daten für Forscher können nach dem nunmehrigen Beschluss für einen harten Lockdown weitere derartige Maßnahmen verhindert werden.“ Die Datenlage, auf der Popper und sein Team im Rahmen des Prognosekonsortiums ihre Vorschauen erstellen, sei immer noch nicht zufriedenstellend. Schließlich war die Überlastung der Intensivstationskapazitäten Ende Oktober in den Berechnungen nicht mehr auszuschließen

Peter Klimek wird in einem APA-Interview konkret: „Wir sind mit den Fallzahlen am systemkritischen Bereich“. Ob die täglichen Zuwächse nun 7.000 oder 9.000 betragen, sei fast schon unerheblich. Bis Anfang Dezember lande man hoffentlich bei 1.000 bis 2.000 Neuinfektionen pro Tag. Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz äußert sich konkret: „Eine 7-Tage-Inzidenz von 50 (pro 100 000 Anm.) wäre ein perfekter Wert“, so Bundeskanzler Sebastian Kurz. Ob man das im Winter schaffen könne, wisse er aber nicht

Sie mögen sich jetzt denken, interessante Informationen, manches vielleicht ein wenig ungereimt. Mich machen sie jedoch fassungslos. Sie sind ungenau, miteinander nicht vereinbar und folgen einer vagen Strategie, bei der aus vagen Zielen eine Prognose simuliert werden soll. Dieses beklage nicht ich. Dieses Lamento stammt von zwei der drei involvierten Institutionen (die dritte, GÖG, Gesundheit Österreich GmbH, ist eine 100% Tochter der Republik), die das offizielle Prognosekonsortium ausmachen.

Vielleicht habe ich das nicht 100% der Wirklichkeit entsprechend wiedergegeben. Wie auch immer, eine öffentlich erkennbare Strategie existiert nicht. Außer dem konzeptlosen Köchelkonzept. Und das „Systemrisiko“, so die offizielle Bezeichnung der Corona Kommission für die Überlastung der Intensivstationen, wurde in der Ampel zu „locker“ definiert.

Systemrisiko Grün, wie es Peter Klimek als Beispiel nannte, bedeutet, dass 250 Intensivbetten in Österreich von Patienten mit Covid-19 belegt sind. Ich plädiere aber dringlich dafür, sich wegzubewegen von der Belegung der Intensivstationen als zentralem Indikator (man muss sie natürlich dennoch immer im Auge behalten). Die Folgen sind einfach zutiefst inhuman, für Kranke, Angehörige und medizinisches Personal. Nehmen wir Bundeskanzler Sebastian Kurz doch beim Wort und betrachten wir die Fallzahlen als Hauptindikator. Der Weg von den Fällen bei den Jungen zu den Älteren, die krank werden und weiter zu den Todesfällen ist – mehr als bitter – zur Genüge dokumentiert. Kurz nannte 50/100 000. Wieso nicht 25/100 000 wie Finnland? FINNLAND ist doch nicht so schwer auszusprechen!

Wann wollen wir die 50/100 000 erreichen? Dieser Wert wurde vor 2 Monaten am 16. September überschritten. Sie erinnern sich vielleicht noch, damals redeten manche von „Labortsunami“. Um die Frage nach dem Wann zu beantworten, greifen wir auf eine Grafik von Christian Althaus, Epidemiologe in Bern und Mitglied der Science Task Force Schweiz zu. Die Grafik zeigt den Zusammenhang zwischen der Reproduktionszahl und der Zeit, in welcher sich die Anzahl Neuinfektionen von SARS-CoV-2 verdoppeln (oben, rot) bzw. halbieren (unten, grün), Die Eintragungen auf der Grafik sind Daten aus der Schweiz, die sich aber weitgehend mit denen von Österreich decken, siehe untere Grafik, wo die von der AGES berechneten Reff Werte von März bis jetzt dargestellt sind.

Wenn wir jetzt mit den Angaben von Minister Anschober auf der Grafik nachschauen, so sehen wir, dass beim Reff Wert von 0,9 die Halbwertszeit etwa einen Monat ausmacht, dann hätten wir etwa zu Weihnachten 4000 neue Infektionen, und der Wert von 50/100 000 wäre Anfang März erreicht. Clemens Martin Auer, als Ko-Vorsitzender der Corona Kommission Lockerheit gewohnt, begnügte sich mit einem Wert unter 1, da könnte das Ziel schon im Dezember 2020, aber möglicherweise auch erst im Dezember 2021, erreicht werden.

Sebastian Kurz hat also recht: Ob man das im Winter schaffen könne, wisse er nicht. Bei einem Reff Wert von 0,9 stecken zehn Infizierte neun Personen mit dem SARS-CoV-2 an. Wären es nur acht (also Reff von ca. 0,8), ließen sich die Fallzahlen schon viel rascher halbieren (Halbwertszeit nur noch 14 Tage) . Die Aussichten für den Winter wären dann angenehmer, ein Ziel, das die Task Force der Schweiz anstrebt, siehe hier und hier.  Ganz sicher würde der Winter angenehmer, wenn die Vorgabe von Peter Klimek mit 1000 – 2000 neuen Infektionen bis Anfang Dezember erreicht würde. Das entspricht grob etwa zwei Halbierungen innerhalb von 14 Tagen, also einer Halbwertszeit von 7 Tagen. Um das zu erreichen muss jedoch der Reff Wert unter 0,6 sinken, ein sehr ambitioniertes (blauäugiges?) Ziel, welches selbst im heurigen Frühjahr selten erreicht wurde (siehe zweite Grafik).

 

Quelle: AGES

Neuerdings gab es Kritik an der Datenlage, zum Beispiel von Peter Klimek: „Aufgrund der unklaren Datenlage mit den vielen Nachmeldungen im Epidemiologischen Meldesystem des Bundes (EMS) konnte das Prognosekonsortium, dessen Teil das Team des CSH ist, auch nicht zuverlässig analysieren, wie die Wirkung bisher war.“ Ähnlich äußert sich Niki Popper. Ist das eine Ausrede, gar eine Reaktion auf die Kritik der Wittgenstein-Preisträger, die einen harten Lockdown samt Schulschließungen für notwendig befunden hatten?

Nein, die Politik wollte letzte Woche quasi Unmögliches: eine Beurteilung der Maßnahmen des „Lockdownerls“, während es gleichzeitig gerade ein bisschen im EMS krachte. Es gab einen Meldeverzug, etwas, das zum Alltag der Epidemiologen dieser Welt gehört. Diese Gleichzeitigkeit und das seit Monaten fast ausschließliche Beharren auf dem sehr späten Indikator Auslastung der Intensivbetten war für unsere Modellierer natürlich unlösbar. Österreich kann heilfroh sein, dass es das EMS hat, um diese nationale Lösung beneiden uns einige Länder. Der Initiator der Schweizer Task Force bat mich vor Monaten, wegen des EMS ein Gespräch Österreich – Schweiz zustande zu bringen. Ich als Pensionist konnte die Bitte nur weiterleiten.  

„Lobenswert“ die SPÖ, wie sie fair auf die Folgen ihrer Ablehnung des 2. Lockdowns hinweist, „SPÖ gegen Verschärfungen, warnt vor drittem Lockdown“. Schätzt sie die Dramatik der jetzigen Situation falsch ein oder akzeptiert sie sie einfach, weil das halt der Lauf der Dinge ist? Über den Lauf der Dinge sollte sich die SPÖ rasch besser informieren, z.B. hier. Die SPÖ lehnt durch die Ablehnung des Lockdown auch eine Kritik der inhumanen Ziele der Regierung ab. Will sie sich nicht von der Regierung unterscheiden?

Zur Impfung gibt’s heute gute Nachrichten, noch bessere als vor einer Woche. Es liegt ein zweiter Impfstoff mit mehr Daten vor, die zwar immer noch sehr unvollständig sind. Aber er weist weniger Lagerungsprobleme auf und braucht keine -80° Kühlschränke.«                                                            R.Z.

 

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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