Kanzler-Inszenierung: Trauer, Trauma und Trophäe

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 238


ARMIN THURNHER

10.11.2020

Dieser Text handelt vom Scheitern im Umgang mit Bildern. Er will nicht behaupten, dass Bösartigkeit der handelnden Personen dahinterstecke, obwohl auch das, bei den Arrangeuren und Messagekontrolleuren zumal, nicht auszuschließen ist. Nehmen wir an, es sind zwei Bilder des offiziellen Gedenkens, zwei Versuche, mit dem schrecklichen Terror im Bild umzugehen, ihn positiv für die Nation umzudeuten, derart vielleicht manchen bei der Aufarbeitung eines Traumas zu helfen. Sie hätten nicht schlimmer scheitern können.

  1. Der Kniefall.

Cover Krone Bunt, 8.11.2020

Auf den ersten Blick fällt er einem ein, der Kniefall. Der Kranz. Das Gedenken der Opfer. Es geht nicht anders. Sebastian Kurz’ Imagecontrol-Armada hat ganze Arbeit geleistet. Zu offensichtlich hat sie Anleihe genommen beim berühmtesten Kniefallbild der Zeitgeschichte. Nur dass dieser Kniefall, der Kniefall Willy Brandts, ein Kniefall eines Kanzlers aus dem Land der Täter im Land der Opfer war. Und hier ein Kanzler daheim im Land der Opfer diese Geste für sich reklamiert. Immer nur besorgt darum, ein möglichst schönes Bild abzugeben, das mit jenen schrecklichen Bildern kontrastiert, welche die Welt unvermeidlicherweise füllen, die es von unseren Grenzen fernzuhalten gilt und in denen sich doch manchmal das Pflaster unserer Straßen mit dem Blut unserer Bürgerinnen und Bürger bedeckt.

Willy Brandts Kniefall, bis heute weiß man nicht ob spontan oder geplant, vielleicht beides zugleich, war eine Bitte um Verzeihung, eine Geste des Eingeständnisses von Schuld, eine Geste der Demut. Sie fand 1970 am Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos statt und kam überraschend, so inszeniert sie auch war. Sie war damals nicht abgenützt, gerade weil es die Geste des Verlierers ist, der sich vor dem Sieger beugt, die Unterwerfungsgeste von altersher, obwohl es hier nur Verlierer gab: den Staat Polen, der seiner Opfer gedachte, und den Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der für die Täter Abbitte leistete. Es war auch eine dringend nötige Geste gegenüber Israel und Polen, die über die Wiedergutmachungspolitik der Deutschen keineswegs erfreut waren. Die Stimmung war frostig, daran änderte der Kniefall, so berühmt er später wurde, übrigens wenig.

Man erkennt den Unterschied und ist erschüttert über die Entschlossenheit zum Kitsch und zur gnadenlosen Aneignung dieses Bildes, über die patriotischen Rosen auf dem Kranz, die rotweißrote Maske, die das Vorbild übernationaler Versöhnung in eine enge patriotische Erzählung zu rücken versuchen. Vor wem beugt unser Kanzler da das Knie, wen bittet er um Vergebung wofür, wem unterwirft er sich? Es gibt auf das Dritte nur eine Antwort: er unterwirft sich der Kronen Zeitung in Form einer nationalistischen Inszenierung, die noch im Augenblick von Schrecken und Mitleid auf Opportunität schielt.

Im Triumph postete der Obermessage-Kontrollor des Kanzlers das Krone-Bunt-Cover wie eine Trophäe.

  1. Die Helden

Foto © Arno Melicharek

Die beiden Polizisten im Hintergrund wurden von den beiden Politikern im Vordergrund dafür ausgezeichnet, den Attentäter erschossen zu haben. Vorgezogen wird die Formulierung „ausgeschaltet“ oder auch „zur Strecke gebracht“ zu haben, was auf die Inszenierung bereits vorausdeutet. Die Polizisten sind zu Recht vermummt, weil sie vor islamistischer Rache geschützt werden sollen. Sie sind die Helden, um die es hier geht. Die Politiker haben sie ausgezeichnet. Zu Recht. Der Innenminister und der Kanzler hätten den geehrten Helden besser das Bild und das Feld überlassen und wären bloß vorgekommen, aber in ehrenden Nebenrollen. Stattdessen posieren sie, man kann es fast nicht anders sagen, mit dem Stolz von Trophäenjägern in der Hauptrolle. Die Symmetrie des Bildes nimmt Anleihen bei der TV-Serie House of Cards, aber auch bei der  barocken Ästhetik symmetrischer Inszenierungen absoluter Herrscher.

Die beiden Hauptpersonen schieben sich übermächtig ins Bild, dessen zentralperspektivischer Aufbau noch unterstreicht, dass die Hauptsache fehlt, die Trophäe. An ihrer statt richtet sich der Blick auf ein Bild von Hermann Nitsch, über das Kanzler Kurz der Zeitung Heute am 9.1.2020 sagte: „Das Bild ist ein neues, das stimmt. Nitsch ist ein bedeutender österreichischer Künstler, der normal eher für rote Bilder bekannt ist, aber es gibt auch wenige andere, unter anderem dieses.“

Nitsch ist nicht für rote, sondern für blutige Bilder bekannt. Hier aber sehen wir ein türkises. „Insofern passt es gut hierher“, erklärte Kurz damals. Noch besser passt es, dass unser Blick, gefesselt von den ins Bild ragenden Politikergestalten, die Helden bloß flüchtig streifend, auf den türkisen Fluchtpunkt gelenkt wird.

TÜRKIS. Wir haben verstanden. Als Fotografen dürfen wir den als Shredderer bekanntgewordenen Herrn registrieren, der durch seine Mitwirkung dieses unsägliche Stück zugleich obszöner und unbeholfener Propaganda krönt.

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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