Zweiter Lockdown: Jetzt können wir nur die Welle brechen. Der Wasserstand wird hoch bleiben.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 235


ARMIN THURNHER

07.11.2020

Der Titel der heutigen, wieder von Virologen Robert Zangerle verfassten Kolumne stammt vom deutschen Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach (SPD), einem Epidemiologen, und lautet im Original: „All we can do now is break the wave. But the water level will remain high“. In seinem heutigen Beitrag fasst Zangerle zusammen, was an Maßnahmen möglich und sinnvoll ist. Er erklärt, warum Lockdown kein nützlicher Begriff ist, auf welche drei Wege wir beschränkt sind und welcher davon der beste ist. Folge Eins eines Zweiteilers.

»In seiner Fernsehansprache am 2. November sagte das Staatsoberhaupt: „Jetzt können wir beweisen, dass Gemeinschaft für uns nicht nur ein leeres Wort ist. Jetzt retten Sie Leben“, und: „Kein Unternehmer wird mit Sicherheit am Abend wissen können, wer am nächsten Morgen überhaupt in die Arbeit kommen kann“. Das waren jedoch seine einzigen Worte zum Funktionieren der Wirtschaft. Von einem ehemaligen Volkswirtschaftsprofessor hätte mehr kommen müssen, um mitzuhelfen, die hartnäckig sich haltende Vorstellung auszuräumen, es gebe einen Zielkonflikt Gesundheit – Wirtschaft. Van der Bellen appellierte an alle, jeden Tag zu überlegen, was man tun könne, um die Pandemie zu stoppen.

Auch diesen Appell hätte er besser nicht nur an Individuen, sondern auch an Kollektive (Unternehmen, Vereine, Religionsgemeinschaften …) gerichtet, weil es gerade dort noch ordentlich krankt. Trotz dieser Einwände war seine Ansprache wohltuend, wichtig und sehr hilfreich in der Bewältigung der Krise. Er übte indirekt und diskret Kritik am bisherigen Ablauf, in dem er die Politiker eindringlich ersuchte, die Zeit, die der Lockdown „hoffentlich“ verschaffe, zu nützen: „Wir brauchen zum Beispiel für die Zeit nach dem Lockdown ein wirklich funktionierendes Test- und Tracing-System.“ Dass die Zeit genutzt werden muss, damit TRIQ (Testen, Rückverfolgen, Isolation und Quarantäne) in vollem Umfang funktionieren kann, war in dieser Kolumne seit langem zentrales Thema hier und hier. Auch die Corona App gehört an TRIQ angebunden, d.h. der Code für die App müsste von den Bezirksverwaltungsbehörden vergeben werden, und nicht vom Roten Kreuz.

Den Begriff Lockdown versuchte ich immer zu vermeiden, weil er nicht definiert ist und im Repertoire der Epidemiologie nicht existiert. Unsere Bundesregierung hat ihr Bündel an sogenannten „nicht-pharmazeutischen Interventionen“ (NPI) als „2. Lockdown“ bezeichnet, und so ist der Begriff„Lockdown“ quasi amtlich geworden. Ob der jetzige Lockdown funktionieren kann? So wie er sich im Augenblick über die Strenge  und Dauer der Schutzmaßnahmen definiert, hätte er drei bis vier Wochen früher in Kraft treten müssen, um die jetzt erhoffte Wirksamkeit zu erlangen. Je später die Maßnahmen getroffen werden, umso strenger müssen sie ausfallen, um wirksam sein zu können und umso länger müssen sie gelten.

Vermutlich werden die Maßnahmen Mitte November verschärft (Schließung von Schulen und Kindergarten? Weil aufgrund unseres Verhaltens die Kinder nicht sicher in den Kindergarten gehen können?). Jedenfalls ist damit zu rechnen, dass sie länger als bis Ende November dauern werden. Diese Einschätzung teile ich mit dem früheren und dem jetzigen Präsident der deutschen Gesellschaft für Infektiologie. Sie sind sich sehr unsicher, ob die Maßnahmen in Deutschland, trotz deutlich geringerer Fallzahlen und Todesfällen, so wirksam werden, wie das erwartet wird. Dass das „Wellenbrechen“ oder „Circuit Breaking“ prinzipiell auch bei der „2. Welle“ funktionieren kann zeigte Israel, auch Belgien, Niederlande und Tschechien scheinen gerade den Wendepunkt erreicht zu haben (dort sind „Lockdowns“ schon länger in Kraft). Ganz allgemein wird davon ausgegangen (siehe auch Israel), dass die Fallzahlen nicht mehr so tief sinken werden wie im Frühjahr, sodass nicht wenige von mehreren Lockdowns in nächster Zeit ausgehen. Ich hingegen halte das Konzept der „Maximalen Suppression“ für einen gangbaren Weg, das ohne weiteren Lockdown auskommen müsste

Es gibt eigentlich nur drei Optionen, egal für welches Land, wobei zwei davon die Wirtschaft mehr schädigen:

  1. „Konzeptloses Köchelkonzept“: Die Virusverbreitung auf einem „akzeptablen“ Niveau am „Köcheln“ zu halten, führt nur wiederholten Lockdown- und Lockerungszyklen. SARS-CoV-2, hat eine hohe Infektiosität, die hohe Hospitalisierungsrate von Covid-19 belastet das medizinische System und sein Personal, sodass Regierungen gezwungen sind, mit harschen Maßnahmen die weitere Verbreitung des Virus einzudämmen, um innerhalb der Kapazität des Gesundheitssystems, insbesondere der Intensivstationen zu bleiben. Wir sehen gerade den Beginn solcher Zyklen, die ein Sägezahnmuster annehmen könnten. So handeln jetzt viele Länder, weil sie keinen wirklichen Langzeitplan haben, sondern nur das Schlimmste vermeiden wollen. Reagieren, wenn die Intensivstationen sich zu füllen beginnen, ist definitiv zu spät! Gleichzeitig verrät eine solche Haltung weitere schwere Fehler: Experten, die uns ständig mahnten, nicht auf die Fallzahlen zu starren, haben in Wirklichkeit weder die Fallzahlen im Sommer/Herbst, im Vergleich zum Frühjahr, noch das exponentielle Wachstum seit Ende Juni (mit Unterbrechungen!) verstanden. Am augenscheinlichsten illustrierte sich das bei einer Veranstaltung Mitte September (!) der oberösterreichischen Ärztekammer, wo die wahnwitzigen Äußerungen, das es sich bei den „Fällen“ bloß um einen „technischen Labortsunami“ handelt, von der Virologin des Vertrauens von Minister Heinz Faßmann getätigt wurden. Einen Monat zuvor sagte Devi Sridhar, Direktorin des Instituts für Global Health in Edinburgh, voraus, dass Europa die Sommerferien mit einem Winter Lockdown bezahlen wird, weil international akkordierte Abstimmungen für TRIQ fehlten. Hier in den Seuchenkolumnen habe ich das Phänomen der neuen Fallzahlen mit klar zu benennenden Faktoren der Verzögerung zu Krankenhausaufnahmen und Todesfällen beschrieben (hier  und hier.
  2. „Kontrollierte Durchseuchung“: eine gezielte Durchseuchung von Jüngeren und Gesünderen wird von manchen als akzeptable Kosten-Nutzen Abwägung gesehen (Strategie einer „Herdenimmunität“). Das ist eine rein politische Position, ohne irgendeinen wissenschaftlichen Hintergrund und auch ethisch unhaltbar . Ein effektiver und anhaltender Schutz der Älteren und Vulnerablen müsste mit sehr rigorosen Maßnahmen, ja fast Zwang einhergehen, die mit den demokratischen Strukturen unserer Gesellschaften nicht vereinbar wären. Zudem ist es (auch wissenschaftlich) falsch zu glauben, dass Menschen in einer solchen Strategie entweder kein oder kein großes Risiko haben. Eine Durchseuchungsstrategie würde viele Menschenleben kosten und zu vielen schweren Erkrankungen führen, sodass es fast unvermeidlich wäre, die Kapazitätsgrenzen des Gesundheitssystems zu überschreiten. Dies und das sozioökonomische Verhalten einer verunsicherten Bevölkerung bei „pandemischen Verhältnissen“ würde zu mehr ökonomischen Schäden der Gesellschaft führen. Selbst bei viel harmloseren Krankheiten wären viele Menschen nicht bereit, sich „freiwillig“ anstecken zu lassen.
  3. „Maximale Suppression“: Die beste Option, um die Gesundheit der Bevölkerung zu erhalten und um den Schaden für die Wirtschaft zu minimieren ist ein Konzept der maximalen Suppression, sodass Fallzahlen so klein bleiben, dass Lockdowns vermieden werden können. Eine Strategie, die ostasiatische Länder, Ozeanien, Ruanda und Kuba erfolgreich verfolgen. In Europa sind das nur Finnland und, mit Abstrichen, Norwegen, die übrigens die beste ökonomische Performance während der Covid Krise in Europa haben. Es gibt einen weitgehenden Konsens unter Wirtschaftswissenschaftlern und auch in Teilen von Wirtschaftsvertretern, dass der Wirtschaft besser geholfen wird, wenn die Fallzahlen möglichst niedrig gehalten werden. Freilich muss zu einem solchen Konzept auch der sozialpolitische Rahmen passen: Sich testen lassen und in Isolation oder Quarantäne zu gehen ist in erster Linie ein altruistischer Akt zum Schutz anderer Leute und bietet kaum direkten Nutzen für das Individuum. Es ist deshalb essentiell, dass alle rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken für dieses Verhalten so weit wie nur möglich reduziert werden. Personen, die sich in Quarantäne und Isolation begeben, müssen vor Stellenverlust und Einkommensverlust geschützt sein. Damit das Konzept der maximalen Suppression funktionieren kann, müssen die Staaten Europas gemeinsame robuste Konzepte für TRIQ und Einschränkungen von Reisen und Grenzübertritten entwickeln . Das kann nicht nur schmerzhaft sein, es ist vielleicht beim derzeitigen Verhalten vieler Ländern auch wenig realistisch. Aber das „Köchelkonzept“ ist als Alternative jedenfalls nicht verlockend.

Österreich war im Juni in einer guten Position, so ein Konzept mit kleinen Fallzahlen (<100). zu verfolgen. Es kam leider anders. Statt in allen Lebensbereichen minimal Nötiges gegenüber maximal Möglichem zu erarbeiten, plante man im Juni die Veranstaltungsgröße für den September. Österreich gehörte zu den Spitzenreitern in Veranstaltungsgröße – völlig konträr zu Schweden, wo selbst Demonstrationen immer auf 50 Personen beschränkt blieben. Ist also das Konzept der maximalen Suppression mehr ein Konstrukt, das eher von Wirtschaftswissenschaftlern als von Public Health Experten vertreten wird und deshalb unrealistisch bleiben muss? Vielleicht ist die ungeprüfte Hypothese, dass die zweite Welle der Pandemie 1918 Langeweile und Ermüdungserscheinungen geschuldet war, gar nicht so abwegig.

Jetzt sind wir schon fast wieder mitten im Lockdown, und trotzdem treffen wir immer noch auf Informationen, die wir längst erledigt wähnten: „Zwischen den Religionsgemeinschaften und dem Kultusministerium wurde jüngst eine weitere Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen vereinbart. Eine Konkretisierung dieser Verschärfungen für den Bereich der katholischen Kirche ist durch die Bischofskonferenz gerade in Ausarbeitung“ , ebenso die Einigung von Baugewerbe, Bauindustrie und Gewerkschaft Bau-Holz in Zusammenarbeit mit dem Zentral-Arbeitsinspektorat. Beides stammt vom 4. November, und so begreifen wir nach und nach, wieso die Bedingungen für den „Lockdown“ am besten als suboptimal beschrieben werden können.

Der gemeinsame Nenner für viele Länder Europas lautet nun leider: All die Anti-Lockdown Rhetorik, in deren aggressivem Sog jedwede vernünftige Prävention diffamiert wurde, hat ganze Arbeit geleistet.« (Fortsetzung folgt übermorgen)
                                                                                                                                            R.Z. 

Weiterhin: keep distance, wash hands, wear masks, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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