Donald Trump als Virus: Don’t let it dominate you! Let me dominate you!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 204


ARMIN THURNHER

06.10.2020

Schadenfreude ergoss sich über den infizierten Präsidenten. Ihr Kolumnist kennt dergleichen von Kindesbeinen an und übt sich diesbezüglich in einer anderen Tugend, der Enthaltsamkeit. Mittlerweile ist Trump „wieder da“, und wir können reden. Wir können über ihn reden, worin ja der Zweck seines Daseins besteht. Auch das stimmt nicht ganz, denn der Zweck seines Daseins dürfte darin bestehen, Kohle und Aufmerksamkeit zu scheffeln. Das eine als Mittel zum Zweck des anderen, wobei egal bleibt, was für ihn wichtiger ist.

Alle Welt spricht über ihn und sein Virus. Sein soziopathischer Umgang mit diesem setzt ihn im Ansehen unseres führenden politischen Personals nicht herab; Sebastian Kurz ist bekanntlich sein Schwiegersohn, und der sagt nichts gegen den Papa. Sein Kabinettschef postete einst stolz sein Selfie mit Trump.

Er ist wieder da! Donald Trump salutiert auf dem Blue Room Balkon des Weißen Hauses
Foto APA-AP © Alex-Brandon

Trump und das Virus, das ist eine auf vielen Ebenen lehrreiche Geschichte. Der amerikanische Präsident erhält die komplette Sonderbehandlung und tut so, als wäre diese das Normalste auf der Welt.

Er geht herum und steckt an, wen er will. Sein kleiner Rosengarten-Event hat mehr als zwei Dutzend Leute infiziert, die aus dem Ignorieren der Schutzmaßnahmen, die wir Durchschnittsmenschen für uns akzeptieren, eine Show machten. Schöner Nebeneffekt: darunter auch zwei Senatoren. Es ist nicht Schadenfreude, die mich das schreiben lässt, sondern die Hoffnung, dass die Ruckzuck-Bestellung der reaktionären Oberstrichterin Amy Barrett vielleicht doch nicht mehr vor der Wahl durchgeht. Oder gelten Quarantäne-Regeln nicht für den amerikanischen Senat? Mitch McConnell, der zu allem entschlossene republikanische Mehrheitsführer, hat schon angekündigt, auch mit infizierten Senatoren abstimmen zu wollen. Krank!

Weitere TV-Duelle mit Trump, der natürlich, egal wie es ihm selber geht oder zu gehen scheint, infektiös ist, sind nicht sicher. Nate Silver, Umfragespezialist und Kommentator, empfiehlt auch Bidens Running Mate Kamala Harris, nicht mit Vizepräsident Mike Pence zu diskutieren, weil der zwar negativ getestet wurde, aber im Rosengarten inmitten von Infizierten saß. Immerhin scheint es so zu ein, dass Trumps Virus-Zirkus ihm bei der US-amerikanischen Bevölkerung nichts nützt. Die Umfragezahlen bleiben stabil; sie bewegen sich eher in Richtung Biden.

Derweil dürfen wir Journalisten uns über den First Sociopath erregen. Menschlich befreiend, sonst wenig relevant. Immerhin können wir notieren, dass Trump im Virus doch zu einer gewissen Reinheit im Ausdruck seiner Intentionen findet:

Vollkommene Gleichgültigkeit für das Schicksal anderer Menschen.
Vollkommene Ignoranz gegenüber dem rationalen Weltbild der Moderne.
Vollkommene Verachtung selbst für den Anschein demokratischer Gleichheit.
Vollkommene Freude an und schamloses Baden in feudaler Ungerechtigkeit. Herrschermäßig sind wir, vergleichen wir F.D. Roosevelt mit Augustus, auf der Schwundstufe eines Caligula angekommen. Caligula erklärte sein Lieblingspferd zum Konsul. Man kann froh sein, dass Trump kein Pferd in den Obersten Gerichtshof berufen oder zum Nahost-Sonderbotschafter erklärt hat.

Wie immer in skandalösen Augenblicken oder bei skandalösen Menschen, fällt nicht die ganze Menschheit erschreckt von ihnen ab, sondern nur zirka die Hälfte. Der Typus des aufgeklärten Journalisten fällt ab; der Bundeskanzler und sein Kabinettschef nicht. Das kann uns lehren, dass das Trump’sche Virus längst auch uns befallen hat, auch wenn virologisch die Einheitsfront der Rationalität zu halten scheint. Dahinter liegen andere Fronten, an die wir „nach vorne gebracht“ werden sollen.

Die Front lautet: können Politiker gegen alle Fakten ihr Konzept der Realität durchsetzen? Trump zeigt, wie es geht. Er schafft seine eigene Realität. Infiziert? Maske runter! Mir geht’s gut! Ich infiziere euch alle. Don’t let it dominate you!

Das möchte ich jenen Medien zurufen, die sich von diesen Schmähs dominieren lassen, auch mir selber. Eine neue Studie zeigt nämlich, dass nicht so sehr Social Media oder verschwörungstheoretische Netzwerke die Lügen des Präsidenten verbreiten, sondern zuerst die klassischen Medien, die sich unter Berichtspflicht sehen. Sie hätten viel zu überdenken, denn auch sie sind von ihren Daseinszwecken infiziert. Aufmerksamkeit schlägt Wahrheit.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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