„Jetzt ist aber alles anders….“ Ist COVID-19 harmloser geworden?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 199


ARMIN THURNHER

01.10.2020

Heute setzt Virologe Robert Zangerle seine gestern unterbrochene Analyse fort, erklärt,
was frühe Diagnosen bewirken und macht konkrete Vorschläge,
wie die Ausbreitung des Virus zu hemmen wäre, selbst in Pflegeheimen.

»Bei den Hospitalisierungen sieht man auch eine zeitliche Verzögerung, die nicht nur auf das spätere Übergreifen der Infektionen auf die Älteren zurückzuführen ist. Durch das häufigere Testen, oft sogar vor dem Auftreten von Symptomen, wird die Infektion mit SARS-CoV-2 in einem früheren Stadium erfasst. In der klinischen Epidemiologie nennt man diesen Sachverhalt Vorlaufzeit-Bias („lead time bias“). Er spielt eine große Rolle bei Krebserkrankungen, wo dieser Effekt eine scheinbare Verlängerung des Überlebens der Krebserkrankung vortäuschen kann.

Bei Covid-19 könnte man den Eindruck gewinnen, dass es länger von der Diagnose bis zur Aufnahme ins Krankenhaus dauert, aber vor allem viel länger bis zum Tod, obwohl die durchschnittliche Zeit von der Infektion bis zum Tod sich gar nicht geändert haben muss. Andererseits könnten frühere Diagnosen auch dazu beitragen, Komplikationen rascher zu erkennen, oder durch vorzeitige Betreuung sogar zu vermeiden.

Am 28. September waren in Österreich 469 Patienten mit Covid-19 im Krankenhaus (Höchststand am 31. März: 1110 Patienten), von denen 88 Patienten auf der Intensivstation liegen (Höchststand 8. April: 267). Die kürzeste Verdoppelungszeit an Hospitalisierungen war Ende März mit 5 Tagen, ebenso der Belag der Intensivstationen. Zuletzt betrug diese Zeit bei den Hospitalisierungen 15 Tage und bei den Intensivstationen 16 Tage, sodass ein bisschen Luft für die Planung der Allokation bleibt. Die starken Anstiege der Fälle und der Anstieg der Hospitalisierungen und der Belag der Intensivstationen liegen 4 Wochen auseinander (10. August bzw. 7. September. Die Datenlage ist ziemlich klar. Das war sie vor einigen Wochen auch schon, aber die Flut an Argumenten, dass es dieses Mal völlig anders sei, war unüberwindbar. Fast nur Junge betroffen, Virus ist milder geworden, die Behandlung viel besser. Es schien, als ob die „Schwedenfraktion“ die Oberhand gewonnen hätte, bis die Einschläge der Reisewarnungen immer näher kamen.

Quelle: Erich Neuwirth (http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/)

Die Argumentation, dass es jetzt alles anders sei, wurde bis zum Überdruss monatelang ständig wiederholt, zuerst in den USA (Florida) , dann in Spanien, später in Frankreich. Letztlich wurde die Debatte in fast allen Ländern so geführt (als ob man nicht von anderen Ländern lernen könnte). Immer die gleiche Leier: es sind nur die Jungen, das Virus ist mutiert und harmloser, und Therapien sind viel besser  . Als manche in der Schweiz auf das neue Phänomen mit den verzögerten, aber vielen Todesfällen hinwiesen, gab es aggressive Reaktionen, auch von der Politik („man kann doch nicht die Schweiz mit Florida vergleichen“).

Quelle: Erich Neuwirth (http://just-the-covid-facts.neuwirth.priv.at/)

Das Wissen um die gesundheitlichen Folgen von Covid-19 wurden hier abgehandelt, und hier. Dass sich daran nichts Prinzipielles geändert hat, versuchte ich gestern und versuche ich heute zu begründen. Deshalb möchte ich mich in einer Zeit, wo bereits viel zu viel Säue durchs Dorf getrieben werden, nicht an Spekulationen beteiligen. Eine kleine Ausnahme sei gestattet: Die Infektiologin Monica Gandhi spekuliert, ob Masken still immunisieren, weil auf diese Weise sehr geringe Mengen an SARS-coV-2 aufgenommen würden , und Bob Wachter, einer der ganz großen Kliniker der USA, spekuliert über einen milderen Verlauf von Covid-19 bei Maskenträgern . Ich kenne beide ganz gut aus der HIV Welt, beide sind eigentlich ganz gut geerdet. Sie betonen aber selber, dass es Spekulation sei.

Ohne ausreichende Maßnahmen droht, dass die medizinische Versorgung wieder eingeschränkt werden muss, oder dass Behandlungskapazitäten fehlen, was auf jeden Fall verhindert werden muss. Mein ergänzender Vorschlag:

  • Verbot von Gesichtsvisieren ohne Maske für Menschen, die mit Klienten/Kunden arbeiten (Friseure, Physiotherapeuten, Gastronomie u.a.)
  • Sperrstunde für Lokale aller Arten vorverlegen, z.B. auf 22:00 Uhr
  • Info (Kampagne), dass sichere Abstände in schlecht belüfteten Innenräumen und langer Aufenthaltsdauer nicht präzise definiert werden können (vor allem bei erhöhtem Lärmpegel), aber  ein  Abstand von einem (1) Meter deutlich zu wenig ist .
  • FFP2 Masken + Desinfektionsfläschchen für Bewohner in Pflegeinstitutionen, um Besucher sicher empfangen zu können.

Die Angst vor Reisewarnungen war berechtigt, wie viele seit längerem vermuteten. Vielleicht korrigieren deren Folgen ein bisschen die seit Juni herrschende Hybris (nach dem Muster „unsere Ampel wird besser sein“, wie Minister Anschober mehrfach, „Gesundheitsfolgen sind hinter uns“ wie Kanzler Kurz am 13. Juni behauptete) und bringen uns auf einen Weg der Vernunft. Ich bin zuversichtlich, dass die Zahl derer steigt, die ein offenes Ohr für Erkenntnisse der Wirtschaftswissenschaften haben  und weniger an den Lippen von Interessenvertretern hängen, die sich am Ende selbst ins Knie schießen.«

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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