Quellwolken voller Zweifel

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 188


ARMIN THURNHER

20.09.2020

Morgen hätte ich ich in Vorarlberg sprechen sollen. Dort gibt es eine Veranstaltung namens Montagsforum, eine universitäre, interdisziplinäre Vortragsreihe im Kuluturhaus Dornbirn, die ich mit einer Reflexion darüber eröffnen hätte sollen, woher wir wissen, was wahr und falsch ist. Eine ehrenvolle Einladung, ein Semester zu eröffnen, in dem Redner wie Julian Nida-Rümelin und Bernhard Pörksen ans Pult treten. Abgesagt, um ein Jahr verschoben.

Die Frage war gut gestellt. Woher wissen wir, was wir wissen? Gerade im Streit der Experten sollte die Stunde des Journalismus schlagen, des redaktionellen Journalismus. Sie schlägt. Wehe, wem die Stunde schlägt! Seine Verfahrensweisen werden derart unterminiert, dass viele Kollegen selber an ihnen verzweifeln. Einen Teil des Dilemmas würde ich versuchsweise so ausdrücken: In einer Situation, in der es noch keine Gewissheit geben kann, müssen wir die Kraft entwickeln, den Zweifel nicht durch Verzweiflung lösen zu wollen. Meine konservativen Freunde wird es trösten, dass mir hier die Bemerkung von Karl Marx einfällt, man löse Widersprüche, indem man ihnen Raum gibt, in dem sie sich bewegen können. Die agitierte Stimmung der Debatte, die digital auf die Verstärkung der Extreme hingesteuert wird, verengt diesen Raum. Alles läuft auf Manichäismus und Alexandrismus hinaus. Zerhaut den Knoten! Wer nicht für mich ist, ist gegen mich! Sagt, was ist!

Nein. Manchmal muss man gestehen, dass man es nicht sagen kann, weil man es nicht weiß. Was dann? Dann kann man nur versuchen, seine Quellen fair und genau zu beurteilen. Wer spricht, in welchem Interesse, wo, zu welchem Zweck, mit welchen Voraussetzungen? Werden Aussagen korrekt wiedergegeben? Wer widerspricht? Was könnte eine Hidden Agenda sein? Je weniger man von der Materie versteht, desto mehr enthalte man sich vorschneller Stellungnahmen, zu denen auch laut gestellte Fragen gehören. Mut zu zweifeln bedeutet nicht, zu verzweifeln. Vielmehr sollten wir den Zweifel als Form der Erkenntnisgewinnung preisen.

Mir kommt das Getöne mancher frisch enthusiasmierter Leser medizinischer Studien etwa so vor, als würde jemand, der im Beethovenjahr begonnen hat, sich bei Igor Levit ein bisschen Musik vom Meister reinzuziehen, mit sagen wir Alfred Brendel oder William Kindermann eine Debatte über den Komponisten vom Zaun brechen. Beethoven zu hören wäre löblich, aber was wüsste unser Proselyt von Harmonielehre, von Musikgeschichte, von Interpretation und Tradition? Würde er empfehlen, vor dem Einritt der Reprise im ersten Satz der Hammerklaviersonate ein Ais oder ein A zu spielen? Um Beethoven zu mögen oder nicht, braucht er dazu nichts zu wissen. Um ihn zu beurteilen, sollte er ahnen, worauf die Frage zielt.

Zumindest Sachkenntnis, um qualifiziert fragen zu können, wäre wünschenswert. Wo sind die ausgebildeten Wissenschaftsjournalistinnen und Journalisten? Bei Qualitätsblättern und in öffentlich-rechtlichen Anstalten gibt es einige. Appell an uns selbst, wir Medien brauchen mehr von ihnen. Die große Schwester des Generalismus (dem auch ich anhänge) ist die Ahnungslosigkeit. Im Übrigen: „Wer nichts zu sagen hat, der trete vor und schweige“ (Karl Kraus).

Der Manager unseres Ayurveda-Ashrams in Kerala ist gestorben. Er war 45, ein schöner großgewachsener Mann mit Ansatz zum Wohlstandsbäuchlein, im Nebenberuf zu sehen in kleineren Rollen von Bollywood-Filmen. Corona, war mein erster Gedanke. Nein. Herzinfarkt beim Badminton. – Stand der Pandemie in Kerala: 519 Tote, 131.205 Fälle, Wachstumsrate 3,7 Prozent. Bevölkerung: 35 Millionen.

„Quollwelken“ sagte die Sprecherin des Wetterberichts vor kurzem einmal, statt Quellwolken. Zu Recht verbesserte sie sich nicht, obwohl man hörte, dass sie es gemerkt hatte. Das Bild ist zu schön: erst quellen, dann welken sie, die Wolken. Man möchte Wolken melken, prallvolle Wolken voll Milch und Honig und warmem Sommerregen, ehe sie überquellend auf uns herunterplatzen und aus Hitzewellen heftig Herbst welkt. Manche sogenannte Versprecher öffnen Türen der Wahrnehmung, andere stoßen nur die Falltür zum Säurebad des Hohns auf.

Kürzlich las ich in der Presse: „Grün-Attacke auf Sebastian Kurz: ,Müssen Debatte über den Charakter führen‘“. Die Wiener Vizebürgermeisterin sagte dieses. Natürlich gibt es genügend Attacken auf Kanzler Kurz, man braucht bloß diese Kolumne zu lesen. Hier aber handelt es sich um keine. Des Kanzlers Charakter ist untadelig, wie wir wissen und wie auch die Presse weiß, also kann die Forderung, ihn zu diskutieren, gar keine Attacke darstellen. Mit ihrer Formulierung macht die Presse eine Attacke daraus, die naturgemäß aufgrund des strahlenden Charakters des Angegriffenen auf die vermeintliche Angreiferin zurückfallen soll. So verstand ich diese Überschrift, und da sie diesen Gedanken in mir auslöste, werden Sie verstehen, dass ich den Artikel nicht mehr zu lesen brauchte. Ich fragte mich vielmehr, ob wir den Charakter von Politikern diskutieren müssen. Gewiss. Aber nur, wenn er ihre Politik beeinflusst. Zuerst sollte wir ihre Politik diskutieren. Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte! Das sagte Friedrich Schiller über Albrecht Wallenstein. Kurz, gegroomte Charaktermaske, hat zum Charakter noch Zeit.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

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Nr. 533 Neue deutsche Politik: Kolosse des Kompromisses (28.09.2021)
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