Corona, Moria und unser europäisches Wir.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 180


ARMIN THURNHER

12.09.2020

In der Septemberidylle steigt die Vervirung. Natürlich werden wir keiner Erpressung nachgeben, wir sind moralisch konsistente Figuren, in uns logisch und in unserer Güte unbeirrt. Wenn sich Menschen aus Verzweiflung aus dem Fenster stürzen, um uns umzustimmen, ist das ihr Problem. Wir haben genug getan, mehr als andere. Im Radio spricht der Salzburger Landeshauptmann, ein christlicher Politiker. Draußen geht die Sonne eines blaugoldenen Herbsttags auf.

Ein Termin beim Kardinal vor Jahren. Er hatte viele rotgebundene Bände in seinem Zimmer stehen. Thomas von Aquin, sagte er, und es wäre Zeit, sich wieder auf abgestufte Moral zu besinnen. Ich weiß den Wortlaut nicht mehr genau, aber in meinen schüchternen Versuchen, mich mit ethischem Denken vertraut zu machen, ist mir genau das zur Lösung schwieriger, ja unlösbarerer Problem sinnvoll erschienen. Wir müssen abstufen, wir müssen differenzieren.

Unsere Pflicht zur Hilfe ist nie unbedingt, sonst würden wir in dieser Welt verrückt, wo wir von vorn bis hinten helfen müssten. Wann haben wir die Pflicht zur Hilfe? Wird sie eine neue Welle der Flucht nach sich ziehen? Dürfen wir einer Erpressung von Verzweifelten nachgeben? Sind wir imstande, den Hilferuf im Erpressungsversuch zu hören?

Was tun wir im Angesicht eines Menschen, der sich mit Rasiermessern die Haut aufschneidet, um einer Abschiebung zu entgehen, die er mehr fürchtet als den Tod? Der seine Hütte und die seiner Kinder anzündet, um einen Ort zu vernichten, den er nicht mehr erträgt? Es gibt Anlässe, wo wir nicht anders können, als zu helfen.

Die Gefahr einer zweiten Flüchtlingswelle besteht nicht. Laufend werden überall Präzedenzfälle von Erpressung gesetzt, denen wir nachgeben. Nachgeben müssen.

Hilferufe gellen uns auf dem Mittelmeer ins wachsverstopfte Ohr, aus Weißrussland, aus Ungarn, aus Russland, aus der Türkei und Lateinamerika, aus dem Iran, aus Libyen, aus Kaschmir und aus der Mongolei. Ja, auch um das Leid uigurischer Lyrikerinnen sollten wir uns kümmern, die das Schicksal ihrer internierten Lehrer, Freundinnen und Kollegen besingen.

At your morning
at my high noon
at their seaside dusk
at the darkest rostrum of his night
he was taken away.

 Von deinem Morgen
von meinem Mittag
von ihrer Dämmerung am Meer
vom dunkelsten Podium seiner Nacht
holten sie ihn weg.

Die uigurische Schriftstellerin Muyesser Abdul’ehed Hendan beschrieb so in einem längeren Gedicht das Leid einer Frau, deren Mann interniert wurde. Sie lebt derzeit im Exil in Istanbul. Nein, wir schaffen es nicht, all das Leid auf uns nehmen. Aber europäischem Leid müssen wir uns stellen. Das Leid dieser afghanischen, irakischen, syrischen Flüchtlinge auf Moria ist kein islamisch-exotisches mehr, es ist unser europäisches geworden. Damit müssen wir fertig werden. Die türkis-österreichische Parole klingt anders. Sie folgt dem Prinzip: Können wir andere nicht dazu bringen, so gut zu sein wie wir, werden wir eben so schlecht wie sie.

Der Kanzler klettert mit dem rechtsextremen slowenischen Staatschef Janez Janša im Triglav herum, fraternisiert mit dem korrupten ungarischen Außenminister und ist mit dem zweifelhaften tschechischen Premierminister auf du und du, während er in Westeuropa zur bête noire wird. Mit welchem Recht drängt er das EU-Mitglied Österreich in Richtung eines dissidenten, nationalistischen, hilfsunbereiten Austrittsländchen nach dem Muster ehemaliger kommunistischer Satellitenstaaten?

Stimmt ja nicht, wir sind nur im Dialog mit denen. Außerdem helfen wir mit allem! Mit Decken, Polizisten, es ist ein Deckengeben und Nehämmern in den Notunterkünften der Ägais, dass sich die Notnägel krümmen.

Ja, stimmt, wir haben viele Flüchtlinge aufgenommen. Aber.

Ich kannte einmal einen Kanzler, der hieß Alfred Gusenbauer. Er hatte seine Fehler, doch war er politisch besser informiert als die meisten vor ihm und alle nach ihm im Amt. Und er hatte politische Ideen, eine davon nannte er die Skandinavisierung Mitteleuropas, tunlich bei österreichischer Primus-unter-pares-Role. Daraus wurde nicht nur nichts, die Zeichen haben sich verkehrt. Wir erleben die Visegradisierung Österreichs.

Die umgestürzte Robinie

„Was sind das für Zeiten, da ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist“, rief Bertolt Brecht 1939 ärgerlich aus. Wir leiden nicht unter Nationalsozialismus, nur unter der Vorstufe zu neuen Unerfreulichkeiten. Ich hätte viel zu erzählen, über die amerikanische Steinnuss, die im Sturm umgeknickte Robinie und den verdurstenden Rotdorn zum Beispiel. Heute lassen wir das, samt Kater, Reh und Falken. Es geht gerade nicht, angesichts dieses eingeäscherten Lagers auf Moria, angesichts eingeäscherter Wälder und Siedlungen an der amerikanischen Westküste, angesichts steigender Coronazahlen in Frankreich, angesichts des zweiten Lockdowns in Israel, angesichts des verrückt agierenden amerikanischer Präsidenten, der womöglich den Wahlkampf dreht, indem er den latent schwelenden Bürgerkrieg anfacht, und angesichts der allgegenwärtigen Lügen, die unter seiner Führung zum täglichen Kleingeld auch unserer Regierung wurden.

Kürzlich hörte ich ein schönes Wort des Hirnforschers Gerald Hüther. Corona ist ein „Ersatzschlachtfeld“. Es kommt aus der Natur, es ist nicht menschengemacht, es stellt eine lösbare und absehbar endliche Katastrophe dar, im Unterschied zu all dem Unbewältigbaren wie dem durchdrehenden Finanzkapitalismus, der Flüchtlingskrise und der Klimakatastrophe. Sie alle schreien nach einer ganz anderen Welt. Corona kann durch autoritatives oder wahlweise autoritäres politisches Handeln mit Hilfe epidemiologischer Maßnahmen und einer Impfung scheinbar geregelt und eingedämmt werden.

Auch wenn sich im Aufbegehren der Ungläubigen und neuen Irrationalen ebenfalls der Wunsch nach ganz anderem widerspiegelt – Corona ist die Hoffnung, dass alles so bleiben kann, wie es ist. Moria zeigt, dass das nicht geht.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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