Kerala, mon amour, nun hast auch du die Seuche

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 158


ARMIN THURNHER

21.08.2020

„Ich schreibe diesen Text unter Palmen. Das trockene Rascheln der Palmblätter und das weichere Rauschen des Bambus wird im Gang gehalten durch eine anhaltende milde Brise von der arabischen See. Ich sitze auf einem Balkon am Rand einer kleinen Schlucht, über die ich nach rechts zum nächsten Ashram hinüberblicke, nach links zum Garten unseres Ashrams, den ein einäugiger Gärtner unermüdlich wässert.
Er gibt den Blumen wenig Wasser, aber er wässert sie ausdauernd. Der Druck auf seinem Gartenschlauch ist so gering, dass er ihn mit seinem Daumen regulieren kann. Bedachtsam geht er von einer Blume zur nächsten, die meisten stehen in Töpfen da, und ich wüsste kaum eine beim Namen zu nennen, außer jener, die bei uns zuhause Christusdorn hieß und im Erker meines Elternhauses stand, ihrer Stacheln wegen gefürchtet, ihrer kleinen roten Blüten wegen geliebt. Hier steht er im Freien, der Christusdorn, und ist vielmal so groß wie der zuhause, Blüten, Dornen und alles. Verglichen mit anderen Pflanzen im Garten wirkt er beinahe dürftig. Mein einäugiger Freund lässt ihn dennoch nicht verkommen.
Kann so ein exotischer Ort Heimat sein? Für mich schon. Für mich erfüllt er den Zweck einer Teilzeitheimat, und, weil ich seit langer Zeit einmal im Jahr herkomme und hier eine Ayurvedakur absolviere, habe ich vielleicht präzisere Kenntnisse dieses Orts als von mancher Gegend, die ich zuhause regelmäßig aufsuche. Murugan, mein Masseur, ist überaus zufrieden mit sich, weil seine Frau gerade seinen zweiten Sohn geboren hat. Der erste ist schon zehn, der zweite gerade dreieinhalb Monate alt. Dem älteren bringe ich jedes Jahr eine große Tafel Milka Schokolade mit. Hier ist sie nicht erhältlich. Nach einigen Versuchen wurde die Variante mit Erdbeerfüllung als die beste erkoren.“

Kerala, Malabar-Küste an der Arabischen See Foto © Irena Rosc

So fing ein Text an, den ich einmal über das Thema Heimat schrieb , eher der Lektor mit dem Rasenmäher kam und diese Passage wegmähte. Das nahm ich mit Gleichmut und dachte an die Anekdote vom berühmten Schriftsteller, dem der noch berühmtere Lektor 300 Seiten aus einem Roman kürzte. Dieser umfasste dann nur noch schlanke 900 Seiten. Der Autor nahm es mit Gleichmut und verwendete die 300 eliminierten Seiten einfach im nächsten Roman. Diesmal strich sie der Lektor nicht mehr.

Das kann ich auch, dachte ich. Ich war sicher, ich würde die Beschreibung noch einmal brauchen können. Und ja, es gibt noch viel mehr gestrichenen Text. Kerala möchte ich nicht meine zweite Heimat nennen, aber nur, weil ich in Bezug auf die erste unsicher bin. Kerala ist ein südindischer Bundesstaat mit 35 Millionen Einwohnern, seit den 1950er Jahren abwechselnd vom linksliberalen Congress und von Kommunisten regiert. Es ist das einzige Land der Welt, in dem die Bevölkerung regelmäßig eine kommunistische Partei an die Regierung wählt.

Die regierenden Modi-Hindufaschisten bekommen dort keinen Fuß auf den Boden. Religiöse Hetze geht dort nicht auf (noch nicht), obwohl die Zentralregierung sie auch hier zu importieren versucht, in ihrem Stil, in dem sie alle lokalen Konflikte in religiöse Konflikte zu verwandeln versucht, zum Beispiel mit Hassboten, die per Motorrad zu Konflikten in die Dörfer reisen, um fromme Wut zu schüren. Muslime (26 Prozent) und Christen (18,4 Prozent) sind keine kleinen Minderheiten, Hindus (54 Prozent) dominieren weniger stark als anderswo.

Als wir im Jänner in Kerala waren, lasen wir den Zeitungen über den ersten Covid19-Fall, eine aus Wuhan zurückkehrende Medizinstudentin, die sich sogleich in Kochi in Heimquarantäne begab. In den Zeitungen erschienen Kommentare, die hofften, die Pandemie würde Indien verschonen, denn für das marode Gesundheitssystem des Landes wäre sie eine Katastrophe. Wir wussten also längst, was auf uns zukam, als wir nach Österreich zurückkehrten und sie in Ischgl noch Party machten.

Kerala hatte aufgrund seines vergleichsweise guten Medizin-, Sozial- und Bildungssystems (die Kommunisten!) einen aufgeklärten Zugang zur Seuche, vermied auch den Wahnsinn von Modis brutalem Lockdown und war anfangs bei der Bekämpfung der Seuche ein international bewunderter Erfolgsfall. Im April redete man von Null Neuinfektionen. Zu früh. Noch immer ist die Zahl der Todesfälle mit 225 Toten vergleichsweise gering (in Indien die niedrigste). Aber die Zuwachsrate an Infektionen ist mit 4 Prozent neuerdings unter den höchsten in Indien.

Das kam, weil im Mai die Reisebeschränkungen im Land gelockert wurden. Kerala hat viele Gastarbeiter in den Golfstaaten; ein Viertel der Neuinfektionen im Land ist auf Reisende zurückzuführen. Aber Kerala, aufgeklärt wie es ist, zögert nicht, die Hauptursache in den lokalen Infektionen zu erkennen und zu benennen. Wir kennen andere Beispiele. Transparente, detaillierte Informationen dieser Art hätte man bei uns  auch gern!

Indien testet, wie alle, nicht genug; aber es wird bei der Zahl der Tests diese Woche noch Russland überholen. Kerala selbst testet mittlerweile 10.000 Menschen am Tag. Übrigens meldeten Zeitungen hier auch, Russland werde nach internationaler Kritik seinen Corona-Impfstoff an 40.000 Menschen testen; das las ich hierzulande nicht.

Am schlimmsten von Corona sind die Küstenregionen Keralas betroffen. Dort verbringe ich jedes Jahr ein paar Wochen. Daraus wird nächstes Jahr wohl nichts. Ich denke an meine indischen Freundinnen und Freunde, an ihre Warmherzigkeit und an die Würde, mit der sie ihre dürftigen Lebensumstände ertragen, und hoffe, sie trotz allem wiederzusehen. So bald es halt geht.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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