Es ist wie eine Grippe. Vermutlich. Wie die Pandemie 1918.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 153


ARMIN THURNHER

16.08.2020

Heute ist wieder der Virologe am Wort. Robert Zangerle befasst sich mit den Todesfolgen der schon wieder unterschätzt werdenden Pandemie. Wie immer bekommen wir von ihm seriös untermauerte Zahlen aus internationaler Forschung. Die Politik? Liegt notgedrungen mit der Forschung im Clinch, sagt Zangerle. Auch in der Schweiz grummelt es. Aber bei uns: „Mit den jetzigen Zahlen die Schulen uneingeschränkt zu öffnen ist ein Frevel. Da muss mehr getan werden, um die Zahlen zu senken, und man darf nicht gleichzeitig am 1. September Großereignisse zulassen. Da ist die Balance gegenüber den Schülern total aus dem Lot.“ Kanzler Kurz fordere publicitywirksam strengere Grenzkontrollen, baue aber Lockerungen weiter aus, statt Maßnahmen zu setzen.
Was sollte man tun? „Die Größe zugelassener Veranstaltungen jedenfalls nicht erhöhen, Maskenpflicht sollte in allen Innenräumen und Menschenansammlungen gelten (FFP2  oder KN95 Masken für Gefährdete?). Und wieso können nicht alle bei der Einreise eine SMS aufs Handy bekommen, in der auf die Pflicht zur Quarantäne hingewiesen wird (siehe Seuchenkolumne 104 )? Massentourismus mit seinen Exzessen ist nicht coronatauglich, egal wo. Gerade in Kroatien ist schon länger klar, das Verhalten zählt und nicht die Region. In der Schweiz sind mit dem heutigen Tag 16 000 Reiserückkehrer in Quarantäne (10 Tage), bei uns wissen wir nicht, wie viele Reiserückkehrer getestet werden bzw. bis zum Testergebnis in Quarantäne sind.“
So weit seine Vorbemerkungen, nun zum Beitrag von Robert Zangerle:

»Covid-19 ist eine sehr ernste Krankheit, das sieht man auch daran, dass in Italien, Großbritannien, den USA und anderen Ländern außergewöhnlich viel medizinisches Personal gestorben ist. Das war in den letzten Jahren bei Grippewellen nie der Fall.

Nicht Spucken! Spanische Grippe 1918
Foto © US Navy

Der hohe Tribut, den die erste Covid-19 Welle in New York City forderte, wurde mit der Spanischen Grippe 1918 verglichen: die Gesamtsterblichkeit zwischen Mitte März und Mitte Mai 2020 macht 70 Prozent der Gesamtsterblichkeit von Oktober und November von 1918 aus. Im Vergleich starben damals in diesen zwei Monaten dreimal so viel wie in der gleichen Zeit ein Jahr zuvor, während es jetzt viermal so viel waren als zur gleichen Zeit 2019. .
Vor hundert Jahren gab es keine Intensivstationen, keine Beatmungsgeräte, keine Medikamente zur Reduktion von Thrombosen und kritisch Kranken Flüssigkeit intravenös zu verabreichen war noch nicht üblich. Bei einem ähnlich aggressiven Virus hätten die Auswirkungen der Pandemie heute doch dramatisch geringer sein müssen und nicht nur geringfügig weniger.
Lange gab es auch bei uns eine durchaus würdelose und in vielen Fällen absichtsvoll relativierende Diskussion, ob jemand an oder mit Coronavirus gestorben ist. Sie ist inzwischen verstummt, spätestens nachdem italienische Behörden klarmachten, dass 89 Prozent tatsächlich an Covid verstorben sind . In Erinnerung blieb jene 48-jährige Wienerin die „überraschend schnell“ und „ungeklärt“ zu Hause verstarb. Erst eine Obduktion klärte, dass der Tod ganz klar in Zusammenhang mit Covid-19 stand. Später war zu erfahren, dass eine schwerwiegende Vorerkrankung vorlag, aber jede Erklärung, wieso die Patienten nicht in einem Krankenhaus versorgt werden konnte, fehlte . Das möchte ich deshalb hervorheben, weil in Österreich erst Ende Juli die Erfassung der Todesfälle nach der Definition der WHO vom Gesundheitsministerium offiziell anerkannt wurde.
Es gibt verschiedene Kennzahlen, um die Sterblichkeit der Erkrankung zu beschreiben. Der Fall-Verstorbenen-Anteil (Case fatality risk – CFR) bezieht sich auf die Zahl verstorbener positiv Getesteter durch die Zahl der insgesamt positiv Getesteten. Dadurch ist diese Zahl stark von der Effizienz des Diagnostik- und Meldesystems abhängig und kann die tatsächliche Sterblichkeit sowohl über- als auch unterschätzen. Für die Beurteilung der Covid-19 Pandemie wird deshalb die Infektionssterblichkeitsrate (Infection Fatality Risk – IFR) als zuverlässigerer Parameter empfohlen. Im Unterschied zur CFR umfasst die IFR das gesamte Spektrum der infizierten Personen, von asymptomatisch bis schwer. Testen auf Antikörper aus einem zufälligen („randomisierten“), aber repräsentativen Stichprobe aus der Bevölkerung gilt als Evidenz für eine Exposition gegenüber eines Erregers, hier SARS-CoV-2.
Viele solcher Antikörperstudien wurden weltweit gerade fertig gestellt oder laufen noch. Aufsehen erregte, dass 42 Prozent der Bevölkerung in Ischgl mit SARS-CoV-2 in Kontakt kamen, anderseits war man eher verwundert, dass in Italien lediglich 2,5 Prozent der Bevölkerung mit SARS-coV-2 infiziert gewesen sein sollen. Ob hier die Zeit zwischen Infektion und Antikörpertestung zu lang war oder ob der verwendete Test doch Probleme bei der Empfindlichkeit hat , wird die Publikation der noch nicht veröffentlichten Studie zeigen. Eine sehr angesehene Studie aus dem stark betroffenen Spanien mit strenger wissenschaftlicher Methodik (z.B. 61 000 Personen aus allen Landesteilen, keine Bewohner von Alters- oder Pflegeheimen!) fand bei „lediglich“ 5 Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen SARS-CoV-2. In Hotspots wie Madrid waren es etwas über 10 Prozent, Männer und Frauen waren gleich betroffen, auffällig, aber nicht überraschend, waren die 10 Prozent Infizierten des medizinischen Personals. Im begleitenden Editorial zu dieser Studie kamen zwei führende Virologen zum Schluss, dass es nicht nur unethisch ist, „Herdenimmunität“ auf natürlichem zu erreichen, sondern letztlich unmöglich. 

Anhand der Daten dieser Antikörperstudie hat das gleiche Team jetzt die IFR berechnet.  Es hat für die Berechnungen aber nicht nur die registrierten Todesfälle an Covid-19, sondern auch die Zahlen der Übersterblichkeit herangezogen. Insgesamt fanden sie eine IFR von 0,83 Prozent bis 1,07 Prozent, für Männer zwischen 1.1 Prozent und 1.4 Prozent und für Frauen zwischen 0.58 Prozent und 0.77 Prozent, siehe Tabelle:

Aus: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.08.06.20169722v1.full.pdf

Studien zu IFR laufen derzeit an Zahlreichen Orten und Ländern, wenige sind bisher veröffentlicht. Vor Kurzem hat auch Großbritannien Daten zur Verfügung gestellt, dort kommt man auf eine Gesamt-IFR von 0,9 Prozent, für Männer 1,1 Prozent und für Frauen 0,7 Prozent Die durch Antikörper berechnete Infektionsrate betrug 6 Prozent, in London von 13 Prozent. Am 4. August veröffentlichte die WHO eine neue Schätzung für die IFR, die sie jetzt zwischen 0,5 Prozent und 1,0 Prozent angibt. Diese Bandbreite ist inzwischen Common Sense unter Virologen und Epidemiologen. Umso unverständlicher bleibt, wieso zuletzt prominente Angehörige der Task Force unseres Gesundheitsministeriums sich mit 0,25- 0,6 Prozent hervortun wollten. 

Covid-19 ist im Vergleich zur durchschnittlichen Grippe also nicht nur mindestens fünfmal aggressiver, sondern trifft unverändert wesentlich mehr Menschen als die Grippe (dort sind in einer Saison etwa 10 Prozent betroffen), sodass ohne Maßnahmen jede medizinische Versorgung zusammen brechen würde. So hatte ich das Anfang des Jahres, vor allem im Februar, im Freundes- und Bekanntenkreis zu erklären versucht, wobei ich von 0,5 Prozent Sterblichkeit ausging.

Eigentlich wollte ich was zu Langzeitfolgen von Covid-19 schreiben. Das wird nachgeliefert, kann aber ein bisschen dauern, weil die quantitativen Daten dazu fehlen. Und wieso die Gelassenheit ob des jetzigen Anstiegs von Covid-19, „es sind ja fast nur junge Personen betroffen“ ein wenig gar sehr kurzsichtig ist.«

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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