Luter Fremde Lüt! Geburtstagsnachklänge zu Mutter, Schneckerl

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 146


ARMIN THURNHER

09.08.2020

Heute früh erlebte ich ein lustiges Frühstück mit meiner Mutter. Gestern hatte ich ein Foto von ihr und folgendem Text auf Twitter gestellt: „Herr T. fuhr über deutsche Autobahnen 600 km nach Westen, um dieser Dame zum 101. Geburtstag zu gratulieren (die Verletzung zog sie sich bei der täglichen Gartenarbeit zu). Ja, es ist seine Mutter, 36 Jahre älter als Schneckerl Prohaska, dem das Büro ebenfalls gratuliert.“

Beim Frühstück zeigte ich ihr die vielen schönen Reaktionen. Ich hatte ihr zwar vor ein paar Jahren ein iPad geschenkt, auf dem sie mit ihrer Freundin in Frankreich Mails austauschte, aber die Freundin starb, und das iPad setzte Rost an. Die Tageszeitungen (das sind in Vorarlberg jene zwei Morgensegen, welche die Familie Ruß der Ländlebevölkerung erteilt) und der Falter werden aber gelesen; Bücher sowieso (aktuell gerade Monika Helfers Bagage, auch Doris Knechts Weg ist hergerichtet).

In einer Schublade fand sie, nach alten Briefen suchend, gerade eine Broschüre aus dem Finanzamt Bregenz, wo sie die erste Frau war (Sekretärin natürlich). Die Broschüre, eine „Bierzeitung“, verfasste sie zu einem bunten Abend, für sechzig Leute, für jeden ein Gedicht („Herr Dorner fährt, ganz ohne Zweifel / mit seinen Skiern wie ein Teufel / er fährt zum Rennen und zum Siegen / und seine Arbeit lässt er liegen“). Von irgendwo muss ich sie ja haben, die lyrische Frohnatur.

Die Reaktionen auf meinen Tweet erstaunten und erfreuten sie. „Luter fremde Lüt!“ (lauter fremde Menschen), rief sie erstaunt und scrollte sich durch die guten Wünsche. „Schulrat Egger – woher ist der? Noch 30 Jahre– von wegen! Das ist unglaublich. Hans Heiss, kennst du den? Bezaubernde Dame – oh!“ Jedoch: „Adrett ist gut, in diesem Alter ist man nicht mehr adrett! Da kriegt man Komplimente! So eine fesche Dame – da wird man noch hoffärtig!“

Als sie sieht, dass auch die Kronen Zeitung gratuliert, lacht sie: „Wie komme ich denn dazu!“ Ständig sucht sie nach Bekannten, dass lauter Fremde ihr gratulieren, wundert sie, doch da: Der Lustenauer Bürgermeister – „das ist ja reizend“, und der Florian Klenk – „oh, danke!“Nicola Werdenigg, ja, die kenn ich auch. Rubberinchen – weißt du, wer das ist? Emphchen – hm. Ah, Andrea Maria Dusl, die vom Falter.“

Und da: „Dann freue ich mich noch auf 30 Jahre Armin-Thurnher-Kolumnen!“ Also messerscharfe Folgerung: „Wenn du nicht mein Sohn wärst, gäb’s keinen solchen Aufwand! Und auf dem Foto, da hab ich eine rote Backe, früher hätte man gesagt, eine Bettseicherbacke.“ Was? „Ja, wenn Kinder mit solchen Bäckchen aufwachten, hatten sie meistens ein nasses Bett!“

Soviel zu Mutter. Während sie sich in ihre alten Gedichte vertieft, darf ich noch etwas zu Schneckerl Prohaska anmerken, der am gleichen Tag seinen 65. Geburtstag feierte. Möge einer der letzten Ästheten auf Österreichs Fußballfeldern ebenfalls ein biblisches Alter erreichen! Er bescherte uns Augenblicke von unvergesslicher Leichtigkeit und Eleganz. Das Erstaunlichste waren vielleicht seine Auftritte mit der Wiener Austria in der Stadthalle, wo dieses Ballett derart überlegen agierte, dass sogar hartgesottene Rapidfans nur applaudieren konnten.

Manchmal näherte sich die Ballkunst dieser Truppe, deren Solotänzer Schneckerl war, einer Art höherer Heiterkeit, sodass die Menschen aller Fanlager nicht nur applaudierten, sondern sogar lachten, nicht weil der Gegner erniedrigt wurde, vielmehr weil Gegnerschaft vor dieser befreienden Kunst einer fast körperlos gewordenen Schönheit keine Rolle mehr spielte.

Der Kulturmanager Jochen Herdieckerhoff, Chefdramaturg des Rabenhof-Theaters, hatte ein Format erfunden, das Doppelquartett. Im Hauptsaal spielte ein Damenquartett ein Stück, in dem sich vier Frauen über Sex unterhalten. Im Foyer saßen Dirk Stermann und ich und unterhielten uns mit zwei Gästen, einem Fußballer und einem Intellektuellen, über Fußball. Das fußballerische Quartett. Die Türen standen offen, das Publikum konnte flanieren. Dabei sollte entschieden werden, wofür sich die Leute wirklich interessieren: Fußball oder Sex.

Ich sage es ungern, aber meistens gewannen wir. Hätten die im Saal kein Theater gespielt, wäre es vielleicht anders ausgegangen. Aber so…

Als Schneckerl zu Gast war, rannte der Schmäh, und die Wuchteln kamen an wie einst seine Pässe. Der vierte in der Runde war der Regisseur Kurt Palm. Er spielte seinerzeit beim TSV Timmelkam in der Salzburger Landesliga Mittelstürmer, wies also ein beachtliches Niveau als Kicker auf. Er vertrat die These, zehn Minuten könnte er wohl in der Nationalmannschaft mitspielen, ohne dass jemand einen Unterschied bemerken würde.

Schneckerl aber sprach: Herr Palm, darf ich Ihnen eine Geschichte erzählen? „Als wir bei der Austria das Double holten, wünschte sich Hansi Hinterseer, damals auf dem Höhepunkt seiner Skikarriere, ein großer Fußballfan und als Kicker auf Landesliganiveau wie Sie, eine Woche bei uns mitzutrainieren. Für die Austria waren Spiele am Wochenende weniger herausfordernd als die internen Matches im Training. Da ging es wirklich ernst zu, und wir konnten keinen Pardon geben. Was glauben Sie, wie oft der Hansi in dieser Woche den Ball sah?“

Richtige Antwort: kein einziges Mal.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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