17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil I

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 144


ARMIN THURNHER

07.08.2020

Ich hatte schon fast aufgegeben. Ich war sicher, nachkommende Generationen verstehen meine Art, Medien zu betrachten, nicht. Journalismus ist für sie ein ganz normaler Beruf. Für mich ist er eher ein Problem, in das ich irgendwie geraten bin, weil ich es nicht schaffte, Wissenschaftler oder Schriftsteller zu werden. Für mich war und ist Journalismus zuerst einmal Weltverdrehung, Phrase, Lügengewerbe. Ausnahmen sind möglich, bestätigen aber die Regel.

Social media sorgen für die Verallgemeinerung des Journalismus. Hier tobt die Phrase nicht nur breitenwirksam, hier hat sie selbst Breite gewonnen, und weil sie sich so weit ausgebreitet hat, ist fast überall Untiefe.

In meiner Jugend und meinem Mannesalter versuchte ich, mich gegen diese Art Journalismus auf zweierlei Weise zu wehren: mit situationistischer Kreativität und mit Literatur. Im Journalismus! Stellen Sie sich die Absurdität vor, Journalismus dann auch noch zu unterrichten. Habe ich gemacht, steht auf einem anderen Blatt, erzähle ich vielleicht ein anderes Mal.

Situationistische Kreativität steckte von Anfang an im Falter, und erst, als sie der Normalität wich, einem seriösen und dringend benötigten Journalismus, hatte er den Erfolg, den er verdient.

Wir weideten uns anfangs an den Problemen, die wir Leuten mit den ersten Falter-Ausgaben bereiteten. Sie hielten ein Blatt im A3-Format in Händen, gefaltet, aber mit einem A4-Cover. Wenn man es auffaltete, stand der Text auf dem Kopf. Das ergab Gymnastik in Kaffeehäusern, wo er gelesen wurde. Wir ideologisierten die Turnübung als, wie Hazeh Strache sagen würde, diesfalls aber mit mehr Recht, unsere Sperrigmachung gegen die Realität.

Jetzt aber regiert ein rechts adaptierter Situationismus und macht Versuche lächerlich, Öffentlichkeit journalistisch aufrechtzuerhalten. Trump verbietet Tiktok und postet selbst Magazincover, die ihn als ewigen Diktator verarschen, Kurz übt Message Control und kommt damit durch. Allen Dilettantismus seiner Regierung federt er durch Professionalität in der Kommunikation ab. Es gelingt! You can cheat almost all of the people almost all oft he time! Und auch dieses Zitat stammt nicht von Abraham Lincoln.

Sie foppen uns mit vorgefertigten Redeteilen, sie lassen Regierungs- und ÖVP-Werbung ästhetisch zu einem verschmelzen, sie kontrollieren die Bildproduktion und sie sprechen nur wann und wo und mit wem sie wollen. Nun üben Armin Wolf und seine Kolleginnen keine Zeitdiktatur über die Politik aus, und es ist erlaubt, ihren Einladungen nicht Folge zu leisten. Wenn aber die Zustände dringend Antworten von Zuständigen erheischen, dann wollen wir diese Antworten öffentlich hören. Und nicht nur in Medien, wo kontrollierbare Vertraute knieweiche Fragen stellen.

Vielleicht warten sie ja, bis sie den ORF so weit haben. Vielleicht machen sie deswegen andere Medien mit Millionensubventionen stark und den ORF mit ihrer Abwesenheit schwach. Noch aber ist es nicht so weit. Noch kann man sich ihnen widersetzen. Wir kritisieren also die Politiker zuerst, und nicht den Schwanz, mit dem sie nicht wackeln, den ORF.

Außerdem hören Wolf, Thür & Kollegen zu und diskutieren Kritik. So kann der falsche Eindruck entstehen, Kritik richte sich zuerst an sie. Andererseits genügt es nicht, einfach auf Sendung anzumerken, wen man eingeladen hatte und wer nicht kam. Oder das nur auf Twitter nachzutragen. Ja, sie hatten und haben alles auf Sendung, aber ich denke, Medien sollten sich stärker wehren.

Ich weiß, die Erwähnung nervt schon, aber ich erwähne es doch, mein Bildverbot für Jörg Haider. Ich verhängte es seinerzeit aus didaktischen Gründen. Statt Haider-Bildern, die aus jedem kritischen Medium des Landes bleckten, gab es im Falter leere Rähmchen. Ein Freund, der früh verstorbene Filmer und Künstler Harun Farocki, lobte mich dafür sehr; die österreichische Öffentlichkeit lachte mich aus. Das ist eine andere Geschichte, die ich bei Bedarf gern erzähle.

Noch ein Beispiel: Einmal brachten wir ein Interview, das Haider uns nicht gab; es war eine Doppelseite mit Fragen. Die Antworten bleiben weiß. Dies nur zur Anregung, nachzudenken, wie man die Möglichkeiten eines Bildmediums wie des Fernsehens nützen könnte.

Jean Luc Godard wollte immer die Regie von Champions-League-Fußballübertragungen übernehmen; niemand gab sie ihm, soviel ich weiß. Bei Farockis Bewegungsanalysen von Supermärkten und anderen überwachten Orten wie Gefängnissen ließe sich für avancierte Bildsprache ebenfalls viel lernen.

Der Moderator und sein unerreichbares Objekt, die eingeladene, aber nicht erschienene Politikerin. Pas de deux aus Ballett Schwanensee Foto Apa © Punz

Ästhetisch verlangt der avancierte nihilistische Regierungssituationismus aka Message Control bildliche, den Möglichkeiten des Mediums angemessene Antworten. Die Frontalmoderation und das Studioballett, das im Pas de deux des 1:1-Interviews kulminiert, verhalten sich zu moderner Medienangemessenheit wie die Missionarsstellung zur weiten Welt der Erotik.

An dieser Stelle bricht der Autor wegen drohender Überlänge ab. Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Die 17 Vorschläge hat er fertig, sie werden aus Gründen der Aufmerksamkeitsökonomie heute nicht mehr publiziert. Bleiben Sie dran. Fortsetzung folgt morgen!

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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