Über Schlamperei und Dilettantismus, Leben und Tod

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 138


ARMIN THURNHER

01.08.2020

Sie interessieren sich nur für Seuchen und Politik, nicht aber für die schönsten Tiergeschichten, für klassische Musik und schon gar nicht für Lyrik. Und wissen sie was? Ich werde all das hier trotzdem bringen. Denn diese Kolumne handelt von meinem Leben, und die Seuche hat es insofern intensiviert, als sie mich auf meinen Punkt gebannt hat. So heißt ein schöner, naturgemäß nur mehr antiquarisch erhältlicher Gesprächsband, in dem sich der Germanist Jorg Drews mit dem Dichter, Bibliothekar und Biographen Werner Kraft unterhält, von dem viele von ihnen schon gehört haben. Er lebte bis 1991 in Jerusalem, wohin er vor den Nazis emigriert war, war Freund Gershom Scholems und, wie Wikipedia weiß, ein „Träger des Lebens der deutschen Spache“ in dieser Stadt.

Mir ist Werner Kraft wichtig, weil er eines der besten Bücher über Karl Kraus geschrieben hat, und weil dieses Buch in Wien ist, während ich im Waldviertel bin. Problem des seuchenbedingten Exils: ich bin nur mit der halben Bibliothek zugange. Ich habe sie geteilt, als ich hierher zog; Politik, Geschichte und Sachbücher in Wien, Bellestristik im Waldviertel.

Bestimmte Ausnahmen waren zu machen. Ich dachte daran, das Waldviertel eher auf Freizeit, die Stadt eher auf Arbeit hin zu orientieren. So arbeite ich nun mit meinen Freizeitbüchern, und wenn ich zu gewissen Themen schreiben muss, etwa zu Karl Kraus, tue ich es ohne meine Bücher. Macht nichts, die Primärtexte sind da, Werner Kraft müsste man sich antiquarisch besorgen, aber wozu? Irgendwann fahre ich nach Wien, dann freue ich mich, und derweil komme ich ohne ihn aus.

Erinnerungsvermögen und Selbstdenken werden jedenfalls durch diese Trennung stark befördert. Ich gestehe, ich mag es, an einen Punkt gebannt zu sein. Nicht nur der Konzentration wegen, die mir diese Kolumne täglich abfordert. Auch des konzentrierten Lebens wegen. Vor Corona führte ich eine Art erweiterter Wochenend-Ehe, nun sehe ich meine Frau täglich; kommen Gäste, oder gehen wir wohin zu Besuch, ist es ein außerordentliches Ereignis. Aber auch die gemeinsamen Essen haben durch unsere Absonderung ganz anderes Gewicht bekommen, wie alle Handlungen des Alltags, die man in einer Art konzentrierter Trance vornimmt.

Idyll aus besseren Zeiten: Cato und Hannibal

Das gilt auch für die Beziehung zum Kater. Er ist uns immer wichtiger geworden; der Hund war aufgrund seiner Größe Numero Uno, aber er starb schon vor zwei Jahren. Nun geht es dem Kater an den Kragen, zumindest benimmt er sich so, dass man an das Ende denken muss.

Der Ausreißer mit dem Vogelmord mag ein letztes Aufflackern gewesen sein und erinnert mich an die Geschichte eines anderen Hundes in meinem Leben. Mein Großvater hatte einen Schäfer, der das Wirtshaus bewachte und den Gästen Respekt einflößte. Als Kleinkind durfte ich im Wirtshaus mit ihm machen, was ich wollte, ich erinnere mich, dass ich ihn gern an der Zunge zog, was er sich ohne weiteres gefallen ließ. Er war schon fünfzehn, als er in aus seiner Lethargie erwachte und eine über den Wirtshausboden spazierende Maus fing. Gierig schluckte er sie und erstickte an ihr.

Falls sich der Kater nicht wieder erholt, was wir für möglich halten, passt sein Tod in diese Seuchenzeit. Ihr Wesen besteht doch darin, dass der Tod massenhaft und unzeitig auftritt oder auftreten könnte; aufgeregt lenken wir uns mit allem möglichen von dieser schlichte Tatsache ab. Beim Kater bewundern wir die Würde, mit der dieser kleine Kerl sich langsam aus der Erscheinung zurückzieht. Er schafft es, dazuliegen und sich so in sich zu kehren, dass er aussieht, als wäre er schon tot. Nur der Sonne folgt er, wie immer, Körper im Hellen, Kopf im Schatten. Aber er kommt nicht mehr ins Haus, um zu fressen. Wenn wir ihm etwas hinstellen, verschlingt er es gierig.

Derweil korrespondiere ich mit dem Virologen und leide mit ihm daran, wie bei uns herumgepfuscht wird. „Die Schweiz bemüht sich, die Anweisungen für die Quarantäne allen Einreisenden bekannt zu machen. Die Vollständigkeit dieser Bekanntmachung wird zwar angezweifelt, es haben sich trotzdem schon Tausende bei den kantonalen Behörden gemeldet und sind in Quarantäne“, schrieb er kürzlich, und nun ergänzte er: „ ,Die Vollständigkeit wird zwar angezweifelt‘, habe ich sicherheitshalber dazu erfunden, weil ich das nicht sicher beurteilen kann und konnte. Gestern hat mir eine Freundin jedoch eine SMS gezeigt, die sie auf Durchreise nach Frankreich nach dem Grenzübertritt in die Schweiz und dem Wechsel des Providers erhielt. Sie war von dieser SMS völlig überrascht.

SMS, das Schweizer Behörden allen schicken, die Schweizer Grenzen überqueren

Deshalb hatten die Schweizer bereits vor einer Woche 6000 Rückkehrer, die sich bei den kantonalen Behörden meldeten und in Quarantäne gingen. In Österreich gibt es nichts Vergleichbares. Ich habe gestern Bekannte kontaktiert, von denen ich gehört habe, dass sie soeben aus Kroatien zurückgekehrt sind. Nirgends an der Grenze auch nur der leiseste Hinweis.“

Wenn die Schweizer über Quarantäne der Reiserückkehrer diskutieren, geben sie klare Zahlen an. Das sieht dann so aus:

Bundesamt für Gesundheit 30. Juli, Bern
Contact Tracing, Total aktuell
Anzahl Personen in Isolation: 958
Davon Kontakte in Quarantäne: 3096
Anzahl zusätzlicher Personen in Quarantäne nach Einreise in die Schweiz: 8912

Zugegeben, es kann entspannend sein, sich im Vagen und Ungewissen zu bewegen. Österreichische Politik ist ein Massagesalon des Ungefähren, daher ihr Unterhaltungswert. Der Dilettantismus der handelnden Personen übertrifft alles, was Gagschreibern einfallen könnte. Gesetzestexte mutieren zu populären Ratespielen, und alles ist Werbung.

Ob der Kater stirbt oder vielleicht davonkommt, ob ich ihn in Ruhe gehen lasse oder mit ihm noch einmal zum Tierarzt haste, wird man sehen. Auch da scheint mir Intuition eher angebracht als Präzision. Mit Tierärzten haben wir ihn lebenslänglich fast durchgehend verschont.

Bei Fragen die uns betreffen, wie Vorschriften, Gesetze, Isolation, Quarantäne und Tests möchte man es allerdings schon genau wissen. Da fragt man sich, warum die Seuche nicht eine präzisere Art des Lebens attraktiv erschienen lässt. Auch des öffentlichen Lebens. Zwischen Autoritarismus und Verantwortungslosigkeit gibt es würdige, kühlere, angemessene Möglichkeiten zu existieren, die manchen von uns verwehrt bleiben. Am Ende kommt eh die große Unschärfe; vorher könnten wir uns vielleicht ein bisschen zusammenreißen, denn etwas Besseres als diesen Tod haben wir einander doch zu bieten. Oder?

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet
2 Der Teamfalschspieler
3 Virensozialismus
4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus
5 Seuche und Heilige, I
6 While my chainsaw gently weeps
7 Seuchen und Heilige, II
8 Für mich erwiesen
9 Siechknechte des Seriösen
10 Der Fall von Rom, I
11 Der Fall von Rom, II
12 Das Inhumanitäts-Virus
13 Der brutalste Lockdown der Welt
14 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, I
15 Die Ausweitung der Maskenzone
16 Landidylle
17 Maskenalarm!
18 Medienförderung als Korruption
19 Medienhilfe als Oligarchenhilfe
20 Hallo, Krisen-Kommunismus!
21 Pause fürs C-Wort. Hört Bach!
22 Isolation und Kommunikation
23 Wir bleiben im Rahmen
24 Bye, bye, Bernie!
25 Nägel, in nacktes Fleisch getrieben
26 Ein Vorschlag für Kurz und Kogler
27 N. kommt zu Ostern nicht
28 Her mit dem Parlament! Oder: die Seuche als Schicksal
29 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, II
30 Mit Hölderlin zum Geisterspiel
31 Es gibt genug zu kritisieren, packen wir es an!
32 Das Beste in Zeiten des Virus
33 Mein Falter-Bekenntnis
34 Wir Hausmeister. Der neue Virenautoritarismus
35 Sobotkismus: „Das kommt definitiv aus China“
36 Solidarität heißt jetzt Extrawurst. Die Seuche der Renationalisierung
37 Lyrikseuche Seuchenlyrik
38 Auf Punkt und Beistrich. Die Seuche Schlamperei
39 Licht in die Medien-Finsternis hinter Kaiser Kurz!
40 Bin ich ein Gerät? Über das Leben in Anführungszeichen
41 Kurz + Virus + Data Control = „Kreisky“
42 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe III
43 Mein Virologe und ich
44 Ein Schiff wird kommen! Das Risiko bei Alten
45 Covid 19: Wie weiter? Oder: Experten, Experten!
46 Heute Seuchenpause
47 Siech sucht Seuche. Lexikalisches
48 Sunset der Pressefreiheit
49 Hilfe: Zensur im Seuchen-Kasperl-TV!
50 Ibizaland. Ein Haus für Strache!
51 Das Virus und seine Ratgeber
52 Herbei, du holder Virenmai!
53 Fürst Kurz und das Viren-Beraterwesen
54 Beifall von der falschen Seite
55 Ticket aus Licht
56 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe IV
57 Moderieren, Zuhören, Feststellen
58 Mehr Ernst! Über Debatten
59 Noah, geh du voran!
60 Hier spricht der Virologe: Maske = Solidarität!
61 Das Paradox der Prävention
62 Adieu, Dietmar Steiner. Fast ein Nachruf
63 Der Tod des Kernbeißers. Eine Parabel
64 Neue österreichische Irrealpolitik
65 Schön, dass du wieder da bist!
66 Eine Schwalbe, eine Verspätung, eine Erklärung
67 Das Böse schaut in den Fenstertag
68 Dazu sage ich ein ganz unklares Ja
69 Erinnerung an eine stille Große
70 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe V
71 Zwei Familien: die Bachstelzen und die Dichands
72 Als der ORF einmal einen Porno zeigte
73 Minister Blümel trifft eine Tatsachenfeststellung
74 Palmen putzen
75 In Defense of Donald Trump
76 Eigenverantwortung! Pfingsten lockert die Phrasenzunge
77 Rassismus und Corona in den USA
78 Aschbacher als Zustand
79 Kommunikation als Verachtung
80 Über George Floyd und die USA reden
81 Ausgeschossen! Ein Streich im Parlament
82 Kurz’ Nachricht: neue ÖVP patzt an.
83 Black Lives Matter
84 Beinharte Transparenz. Zur Desinformations-Pandemie
85 Wir kaufen Zeit. Jetzt besonders günstig!
86 Herr Sobotka, treten Sie ab!
87 Vorzeigbar, aber mies. Zum Zustand der Republik
88 Nehammer gendert konsequent
89 Hier spricht der Virologe: Raus aus der Vertrauenskrise!
90 Ich bitte euch, glaubt an diese Regierung!
91 Die Maske fällt. Der strukturelle Sexismus in der Tiroler ÖVP bleibt.
92 Hilfe! Die Seuchenkolumne nähert sich ihrem Hunderter.
93 Intransparenz, unser altes Virenleid. Und ein Virenlied
94 Heute: lesenswert, gendergerecht
95 Epochenplauschrausch
96 Nullprosa. Der Kanzler spricht.
97 Ich habe vom Wetter keine Ahnung!
98 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, VI
99 Abschied ohne Händeschütteln
100 Nach hundert Kolumnen
101 Lernen Sie Geschichte, Herr Dichand!
102 Sobotka. Wos will er?
103 Eine triumphale Sauerei der Krone
104 Hüben und drüben – Corona Apps in der Schweiz und bei uns
105 Als ich einmal im Stonewall tanzte
106 Welle, Waldbrand oder was? Die Pandemie geht weiter.
107 Was wir quälen: Bäume, Sprache, Tiere, Wahrheit
108 Ich ist auch nur eine dritte Person
109 Etwas über Kampagnen
110 Aufwachen!
111 Obacht, Arsch. Warnung: kann Explizites beinhalten!
112 Ein Quantum Geschichte
113 Und nun zu etwas ganz anderem: zur Linde.
114 Hegemonie für nichts. Zum Hitlerhaus
115 Unsere Identität: Hitler, Mozart und die Folgen
116 Ich war bei Bussi Fussi!
117 Toleranz oder Sense? Alternativen auf dem Lande.
118 Das Mähwort zum Sonntag
119 Abschied von einer Pionierin
120 Oberösterreichs unbekannt hohe Positivitätsrate und andere seltsame Coronaustriazismen
121 Corona-Kontaktsuche, Polizei und Sozialstaat
122 Die Wurstsemmel als Herabwürdigung
123 An meine Fahnen hefte ich nichts
124 Corona: Alles über Contact Tracing
125 Gestaltungsanspruch? Wir gestalten, indem wir darauf verzichten
126 Pilnacek, Thersites und ich
127 Sobotka – ein Zwischenspurt
128 Bin ich ein Kurz-Hasser?
129 Sobotka und die neue Sachlichkeit
130 Auch die Demokratie hat einmal schmutzig angefangen
131 Person, Frau, Mann, Kamera, TV
132 Landleben, Jagd und Shreddergate
133 Im Wiesel und um den Wiesel herum
134 Auf der Suche nach der verlorenen Zitronenschnitte
135 Isolation ist nicht gleich Quarantäne, und andere Klarstellungen des Virologen
136 „Eskalierende Plünderung“
137 Das Rotschwänzchen-Massaker
139 50mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“
140 Schweden hat strengere Corona-Maßnahmen als Österreich!
141 Der Bruch. Schnitten, Seuchen und Säuchen
142 Zur Einstellung von addendum: Fleischhacker, Mateschitz und ich
143 Dem Diskurse dienen
144 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil I
145 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil II
146 Luter Fremde Lüt! Geburtstagsnachklänge zu Mutter, Schneckerl