Isolation ist nicht gleich Quarantäne, und andere Klarstellungen des Virologen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 135


ARMIN THURNHER

29.07.2020

Es können nicht immer Schnitten sein. Dies hier, Leute, ist eine Seuchenkolumne, und sie bietet neben Lyrik, Musik (zu selten), Politik-, Tier- und Alltagskunde immer wieder die Interventionen des Virologen Robert Zangerle von der Uni Innsbruck. Er wirkt durch Aufklärung der hiesigen Schlamperei entgegen und hat hier diesbezüglich hier schon viel geleistet, wofür ich ihm wirklich dankbar bin (Nr. 60, 61, 89, 93, 104, 106, 120, 121 zum Beispiel, Links sind unten) . Heute erklärt er den Unterschied zwischen Quarantäne und Isolation, zitiert einen Vorarlberger Verhaltensökonomen von Weltruf, der in Wien angefangen hat (Ernst Fehr, beim Roten Börsenkrach), und schildert, auf wen die Verwahrlosung des Sozialministeriums zurückzuführen ist, mit der sich Minister Rudolf Anschober herumschlagen muss. (AT)

»TRIQ (Testen, Rückverfolgen (Contact Tracing), Isolation und Quarantäne) wurde hier bereits einige Male erwähnt und besprochen. Es ist wichtig, sich näher mit Aspekten der Isolation und Quarantäne zu beschäftigen, den für die Eindämmung der Verbreitung von Covid-19 wichtigen Teil von TRIQ: Erkennen und Unterbrechen der Übertragungsketten, um die Verbreitung des neuen Coronavirus unter Kontrolle zu halten.

Gerade die Quarantäne von Einreisenden/Rückkehrern hat in den letzten Tagen zu vielen Diskussion geführt. In der arg vermurksten Verordnung über die Einreise nach Österreich in Zusammenhang mit der Eindämmung von SARS-CoV-2 taucht immerhin der Begriff Quarantäne erstmals in einer Rechtsvorschrift auf. Wie bitte? Ja, weil nach gängigen Rechtsvorschriften unverändert der sonderbare, verstaubte Begriff „Absonderung“ gilt, der sowohl Isolation als auch Quarantäne umfasst.

Es verwundert nicht, geht der Begriff Absonderung, als zentrale Maßnahme des Epidemiegesetzes, doch auf ein Gesetz „betreffend die Verhütung und Bekämpfung übertragbarer Krankheiten“ vom 14. April 1913 zurück. Für sinnvoll hält Christoph Grabenwarter, Präsident des Verfassungsgerichtshofs, deswegen eine Novelle des Epidemiegesetzes: „Unser Epidemiegesetz ist älter als die Bundesverfassung und die Salzburger Festspiele.“ Es würde nicht schaden, sich „Gedanken zu machen, ob man das nicht ins 21. Jahrhundert holen könnte“.

Isolation und Quarantäne sind jedoch in der Epidemiologie weltweit jeweils klar definiert und sind einander zwar ähnlich, aber nicht identisch. Isolation ist für Infizierte (sie haben es sicher); Quarantäne für Exponierte (sie haben es vielleicht). Die österreichischen Behörden sind durch jahrzehntelangen Gebrauch des Begriffes „Absonderung“ mit den international üblichen Termini noch nicht so vertraut, weshalb sie sie unterschiedlich verwenden, gelegentlich verwechseln, oder gar von ausländischen Instituten falsch abschreiben.

Ein ganz rezentes Beispiel hierfür liefert die Webseite des Sozialministeriums, wo die Frage Was ist Quarantäne, schlampig beantwortet wird, weil für die Unterbringung Kranke und „Ansteckungsverdächtige“ hier unnötig vermengt werden: „Quarantäne bedeutet, dass Personen, bei denen ein positives Testergebnis vorliegt oder die Kontakt zu einer infizierten Person hatten, durch einen Bescheid des Amtsarztes (Gesundheitsbehörde) für 14 Tage abgesondert werden. Bei schweren Fällen kann das ein Krankenhaus sein, bei milden Symptomen können diese Personen eine Heimquarantäne auch zu Hause verbringen.“  Ein anderes Beispiel beschreibt die derzeit gültige Empfehlung für eine Entlassung aus dem Krankenhaus bzw. aus der häuslichen Absonderung von COVID-19-Fällen statt das als Aufhebung der Isolierung zu beschreiben, so wie im Original des Robert-Koch Instituts.

Semantik? Nein, oder weiß jemand, wie viele im Rahmen des St.Wolfgang-Clusters in Isolation sind und wie viele in Quarantäne? Da man das ständig vermischt, werden wir oft verwirrt, oder für blöd verkauft. Das gehört korrekt auseinander gehalten. Die Menschen brauchen dazu wesentlich mehr und kontinuierlich Aufklärung, um im Fall des Falles vorbereitet zu sein. Auch das darf nicht zur Floskel werden. Sich testen lassen und in Isolation oder Quarantäne zu gehen ist in erster Linie ein altruistischer Akt zum Schutz anderer Leute und bietet kaum direkten Nutzen für das Individuum. Es ist deshalb essentiell, dass alle rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken für dieses Verhalten so weit wie nur möglich reduziert werden. Personen, die sich in Quarantäne und Isolation begeben, müssen vor Stellenverlust und Einkommensverlust geschützt sein.

Ernst Fehr, einer der renommiertesten Ökonomen, hat den Trittbrettfahrer im Labor studiert – ein Typ Mensch, der während der Corona-Krise seine hohe Zeit erlebt. „Bei der Quarantäne ist die Gefahr des Trittbrettfahrens groß“ meinte er zuletzt in einem Interview und sagte weiters:Das Problem sind heute nicht die wenigen, die keine Maske im öffentlichen Verkehr tragen, sondern jene, die sich nach einer möglichen Infektion nicht in Quarantäne begeben – oder sogar noch in Restaurants und Fitnessstudios. Das ist eine ausgeprägte Form unverantwortlichen Handelns und muss selbstverständlich sanktioniert werden.“

Wie läuft die Quarantäne ab?

Bescheide über Quarantänemaßnahmen (Bescheide über die Absonderung und Bescheide über Verkehrsbeschränkungen) werden mittels RSb-Schreiben zugestellt.

Im Falle einer 14-tägigen selbstüberwachten Heimquarantäne ist die Beachtung dieser Regeln sinnvoll:

  • Kein Verlassen der Wohnung.
  • Empfangen Sie keinen Besuch.
  • Falls Sie mit anderen Personen in einer Wohnung zusammenleben, so betreiben Sie physische Distanzierung (möglichst Aufenthalt in anderen Räumen).
  • Benutzen Sie die sanitäre Einrichtung zeitlich getrennt von anderen Familienmitgliedern.
  • Benutzen Sie Hygieneartikel (auch Handtücher) nur personenbezogen.
  • Benutzen Sie ein Papiertaschentuch oder husten/niesen Sie in die Ellenbeuge. Anschließend das Papiertaschentuch in einem separaten Müllbeutel entsorgen.
  • Waschen Sie häufig die Hände, jedenfalls nach dem Niesen und Husten, vor dem Essen und nach jedem Toilettengang.

Falls Sie konkrete Symptome verspüren, wenden Sie sich bitte an die Hotline 1450.

Die Versorgung sollte von Angehörigen oder Nachbarn übernommen werden. Wenn das nicht möglich ist, können Sie sich an das Team Österreich (Initiative von Rotem Kreuz und Hitradio Ö3) unter der Nummer: 0800 600 600 (kostenlos, täglich 7-19 Uhr) wenden.

Im Unterschied zu Österreich verhängt in der Schweiz die kantonale Gesundheitsbehörde die Quarantäne für 10 und nicht für 14 Tage.  Ein negatives Testergebnis verkürzt dort die Dauer der Quarantäne nicht. Jedenfalls ist diese Verkürzung weit weniger riskant als das Freikaufen durch eine Momentaufnahme mit einem Coronatest, wie das die Einreiseverordnung in Österreich, auch repariert, vorsieht. „Die Inhalte werden aber bleiben. Mittelfristig soll sie auf neue Beine gestellt und lesbarer werden“ so Rudolf Anschober nach Eingeständnis von vielen Fehlern in seinem Ministerium.

Beate-Hartinger-Klein, blaue Gesundheits- und Sozialministerin der Regierung Kurz I. Sie verantwortet die Verwahrlosung von Teilen dieses Ministeriums. Foto © APA

Teile des Gesundheitsministeriums sind mehr oder weniger verwahrlost: Hartinger-Klein hat aus drei für Gesundheit zuständigen Sektionen zwei gemacht. Dabei scheint sie, ganz nach ihren Qualifikationen, offenbar die einzelnen Abteilungen durch Auslosen jeweils einer der beiden übriggebliebenen Sektionen zugeordnet zu haben. So ist Minister Rudolf Anschober gestartet, eine der beiden Sektionen ist seit über ein Jahr ohne Leitung! Die Regierung Bierlein hat die Besetzung auch dieses Chefpostens an die nächste Regierung delegiert und somit einen beträchtlichen Kollateralschaden für die öffentliche Gesundheit in Kauf genommen.

In der Schweiz kann man sich Anweisungen für die Isolation und für die Quarantäne beim Bundesamt für Gesundheit herunter laden. Die Schweiz bemüht sich, die Anweisungen für die Quarantäne allen Einreisenden bekannt zu machen. Die Vollständigkeit dieser Bekanntmachung wird zwar angezweifelt, es haben sich trotzdem schon Tausende bei den kantonalen Behörden gemeldet und sind in Quarantäne. Und in Österreich? „Was für uns (den Zoll, Anm.) natürlich eine Veränderung ist, ist die intensive Zusammenarbeit mit den Gesundheitsbehörden, wo wir versuchen, Reisende herauszufiltern, die unter die neuen Einreisebedingungen fallen und in weiterer Folge von den Organen der Gesundheitsbehörde kontrolliert werden.“ Ob das der richtige Weg sein kann?«

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet
2 Der Teamfalschspieler
3 Virensozialismus
4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus
5 Seuche und Heilige, I
6 While my chainsaw gently weeps
7 Seuchen und Heilige, II
8 Für mich erwiesen
9 Siechknechte des Seriösen
10 Der Fall von Rom, I
11 Der Fall von Rom, II
12 Das Inhumanitäts-Virus
13 Der brutalste Lockdown der Welt
14 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, I
15 Die Ausweitung der Maskenzone
16 Landidylle
17 Maskenalarm!
18 Medienförderung als Korruption
19 Medienhilfe als Oligarchenhilfe
20 Hallo, Krisen-Kommunismus!
21 Pause fürs C-Wort. Hört Bach!
22 Isolation und Kommunikation
23 Wir bleiben im Rahmen
24 Bye, bye, Bernie!
25 Nägel, in nacktes Fleisch getrieben
26 Ein Vorschlag für Kurz und Kogler
27 N. kommt zu Ostern nicht
28 Her mit dem Parlament! Oder: die Seuche als Schicksal
29 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, II
30 Mit Hölderlin zum Geisterspiel
31 Es gibt genug zu kritisieren, packen wir es an!
32 Das Beste in Zeiten des Virus
33 Mein Falter-Bekenntnis
34 Wir Hausmeister. Der neue Virenautoritarismus
35 Sobotkismus: „Das kommt definitiv aus China“
36 Solidarität heißt jetzt Extrawurst. Die Seuche der Renationalisierung
37 Lyrikseuche Seuchenlyrik
38 Auf Punkt und Beistrich. Die Seuche Schlamperei
39 Licht in die Medien-Finsternis hinter Kaiser Kurz!
40 Bin ich ein Gerät? Über das Leben in Anführungszeichen
41 Kurz + Virus + Data Control = „Kreisky“
42 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe III
43 Mein Virologe und ich
44 Ein Schiff wird kommen! Das Risiko bei Alten
45 Covid 19: Wie weiter? Oder: Experten, Experten!
46 Heute Seuchenpause
47 Siech sucht Seuche. Lexikalisches
48 Sunset der Pressefreiheit
49 Hilfe: Zensur im Seuchen-Kasperl-TV!
50 Ibizaland. Ein Haus für Strache!
51 Das Virus und seine Ratgeber
52 Herbei, du holder Virenmai!
53 Fürst Kurz und das Viren-Beraterwesen
54 Beifall von der falschen Seite
55 Ticket aus Licht
56 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe IV
57 Moderieren, Zuhören, Feststellen
58 Mehr Ernst! Über Debatten
59 Noah, geh du voran!
60 Hier spricht der Virologe: Maske = Solidarität!
61 Das Paradox der Prävention
62 Adieu, Dietmar Steiner. Fast ein Nachruf
63 Der Tod des Kernbeißers. Eine Parabel
64 Neue österreichische Irrealpolitik
65 Schön, dass du wieder da bist!
66 Eine Schwalbe, eine Verspätung, eine Erklärung
67 Das Böse schaut in den Fenstertag
68 Dazu sage ich ein ganz unklares Ja
69 Erinnerung an eine stille Große
70 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe V
71 Zwei Familien: die Bachstelzen und die Dichands
72 Als der ORF einmal einen Porno zeigte
73 Minister Blümel trifft eine Tatsachenfeststellung
74 Palmen putzen
75 In Defense of Donald Trump
76 Eigenverantwortung! Pfingsten lockert die Phrasenzunge
77 Rassismus und Corona in den USA
78 Aschbacher als Zustand
79 Kommunikation als Verachtung
80 Über George Floyd und die USA reden
81 Ausgeschossen! Ein Streich im Parlament
82 Kurz’ Nachricht: neue ÖVP patzt an.
83 Black Lives Matter
84 Beinharte Transparenz. Zur Desinformations-Pandemie
85 Wir kaufen Zeit. Jetzt besonders günstig!
86 Herr Sobotka, treten Sie ab!
87 Vorzeigbar, aber mies. Zum Zustand der Republik
88 Nehammer gendert konsequent
89 Hier spricht der Virologe: Raus aus der Vertrauenskrise!
90 Ich bitte euch, glaubt an diese Regierung!
91 Die Maske fällt. Der strukturelle Sexismus in der Tiroler ÖVP bleibt.
92 Hilfe! Die Seuchenkolumne nähert sich ihrem Hunderter.
93 Intransparenz, unser altes Virenleid. Und ein Virenlied
94 Heute: lesenswert, gendergerecht
95 Epochenplauschrausch
96 Nullprosa. Der Kanzler spricht.
97 Ich habe vom Wetter keine Ahnung!
98 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, VI
99 Abschied ohne Händeschütteln
100 Nach hundert Kolumnen
101 Lernen Sie Geschichte, Herr Dichand!
102 Sobotka. Wos will er?
103 Eine triumphale Sauerei der Krone
104 Hüben und drüben – Corona Apps in der Schweiz und bei uns
105 Als ich einmal im Stonewall tanzte
106 Welle, Waldbrand oder was? Die Pandemie geht weiter.
107 Was wir quälen: Bäume, Sprache, Tiere, Wahrheit
108 Ich ist auch nur eine dritte Person
109 Etwas über Kampagnen
110 Aufwachen!
111 Obacht, Arsch. Warnung: kann Explizites beinhalten!
112 Ein Quantum Geschichte
113 Und nun zu etwas ganz anderem: zur Linde.
114 Hegemonie für nichts. Zum Hitlerhaus
115 Unsere Identität: Hitler, Mozart und die Folgen
116 Ich war bei Bussi Fussi!
117 Toleranz oder Sense? Alternativen auf dem Lande.
118 Das Mähwort zum Sonntag
119 Abschied von einer Pionierin
120 Oberösterreichs unbekannt hohe Positivitätsrate und andere seltsame Coronaustriazismen
121 Corona-Kontaktsuche, Polizei und Sozialstaat
122 Die Wurstsemmel als Herabwürdigung
123 An meine Fahnen hefte ich nichts
124 Corona: Alles über Contact Tracing
125 Gestaltungsanspruch? Wir gestalten, indem wir darauf verzichten
126 Pilnacek, Thersites und ich
127 Sobotka – ein Zwischenspurt
128 Bin ich ein Kurz-Hasser?
129 Sobotka und die neue Sachlichkeit
130 Auch die Demokratie hat einmal schmutzig angefangen
131 Person, Frau, Mann, Kamera, TV
132 Landleben, Jagd und Shreddergate
133 Im Wiesel und um den Wiesel herum
134 Auf der Suche nach der verlorenen Zitronenschnitte
136 „Eskalierende Plünderung“
137 Das Rotschwänzchen-Massaker
138 Über Schlamperei und Dilettantismus, Leben und Tod
139 50mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“
140 Schweden hat strengere Corona-Maßnahmen als Österreich!
141 Der Bruch. Schnitten, Seuchen und Säuchen
142 Zur Einstellung von addendum: Fleischhacker, Mateschitz und ich
143 Dem Diskurse dienen
144 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil I
145 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil II
146 Luter Fremde Lüt! Geburtstagsnachklänge zu Mutter, Schneckerl