Im Wiesel und um den Wiesel herum

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 133


ARMIN THURNHER

27.07.2020

Ich habe mit dem Kollegen Klenk mehrere Dinge gemeinsam. Vor allem sind wir passionierte ÖBB-Fans. Er drückt seine Leidenschaft aus, indem er versucht, die geliebte Institution per Kurznachrichtendienst zu verbessern. Zu diesem Zweck dokumentiert er seine diversen Reisen gern mit ausführlichen Videos. Ein klassischer Aufklärer. Ich hingegen sitze abgeklärt im Zug, tue meine Arbeit und notiere ab und zu ein Gedicht.

Er fährt von Wien ziemlich genau westsüdwestwärts Richtung Eichgraben, ich fahre nordnordwestlich nach Retz, von dort mit dem Auto dann noch einmal 20 Kilometer westnorwestlich.

Meine Strecke ist etwa dreimal so lang wie seine. Hier taucht wieder einmal die Frage auf, was richtig wäre, „als“ oder „wie“ seine. In Österreich löst man das Problem, indem man „als wie seine“ sagt. Da es sich um einen Vergleich handelt, bei dem die eine Strecke länger ist als die andere, möchte ich gefühlsmäßig das „als“ (länger als) für richtig halten. Meine Strecke ist also dreimal so lang als seine, was auch nicht richtig klingt. Dreimal länger als seine ist feig.

Regionalexpress Wiesel in Eichgraben / Altlenbach. Foto © ÖBB

Es geht nicht um grammatikalische Fragen, es geht hier um Ungerechtigkeiten des Nahverkehrs. Ich bin in einen sogenannten Wiesel gepfercht, der den einzigen Vorteil hat, dass lärmenden Schülergruppen sich in den Oberstock verziehen und mir unten einigermaßen Ruhe lassen. Die moderneren Formen der Regionalexpresszüge haben WLan. Als uns ausnahmsweise ein solcher Zug, ein City-Jet, zugeteilt wurde, berichtete ich dem Kollegen Klenk aufgeregt über die Neuheit: Stell dir vor, wir haben WLan im Zug! Haben wir schon lang, versetzte er cool.

In Corona-Zeiten habe ich die Pendlerei eingestellt, erfreue mich des Landlebens und benütze nur ab und zu den Zug nach Wien. Sehr angenehm, muss ich sagen, alle tragen Masken, ausnahmslos. Es ist Platz genug, und auch sonst gibt es keine Probleme. Zu normalen Zeiten muss man in Wien ja bei den ersten an den Türen sein, sonst steht man von Praterstern bis Stockerau, eingekeilt in schwitzende, entweder leicht bekleidete oder dick vermummte, mit Säcken und Päcken beladene Mitbürgerinnen und Mitbürger. In Coronazeiten mag man sich das gar nicht vorstellen.

Platziert man sich geschickt auf dem Bahnsteig, sodass man mit den ersten in den Zug kommt, hat man möglicherweise eine Chance auf einen Sitzplatz. Im Wiesel ist nur die Hälfte der Sitzplätze zu brauchen, weil geniale Designer eine Kabelleiste oder was immer unter den Fenstersitzen verlaufen lassen, sodass man, dort sitzend, das rechte Bein darauf stellen muss und zwangsweise gleichsam in gymnastischer Dauerübungsstellung mit dem Knie halb an der Brust verharrt, solange man dort sitzt.

Dafür haben die cleveren Designer das Gepäckregal so schmal gestaltet, dass man nicht einmal eine Aktenmappe dort hineinbrächte, weswegen alle Menschen mit Gepäckstücken, also alle, seien es Einkaufstaschen, Rucksäcke oder Computertaschen, diese auf dem Schoß oder auf den Knien tragen oder unter ihre Füßen stecken, was die Sitzbequemlichkeit noch einmal erhöht. In diesem Design kommt eine Form der Volksverachtung zum Ausdruck, die man erst als Pendler so richtig zu schätzen weiß.

Im Sommer lassen sich die ÖBB zusätzlich gern etwas einfallen. Sie renovieren die Strecke, was bedeutet: Schienersatzverkehr. Im Fall von Pannen oder Unfällen kann das spontan passieren. Man läuft dann, dirigiert von ÖBB-Gelbwesten, zu Bussen, die einen zum nächsten Bahnhof bringen. Es ist gut organisiertes, schweigsam und atemlos ablaufendes Spektakel: schafft man den Anschluss oder muss man warten?

Heuer, so lese ich in der Zeitung, gibt es eine neue, offizielle ÖBB-Anweisung: die Züge dürfen auf die Schienenersatzbusse nicht warten, auch wenn die sich nur um eine Minute verspäten, weil sie sonst selbst, Richtung Wien fahrend, eine Kettenreaktion von Verspätungen verursachen. Fluchende Pendlerinnen in Stockerau warten eine halbe Stunde auf den nächste Zug. Das Gute an der Nachricht: Manche Zugführer ignorieren die Anweisung und warten trotzdem auf die Pendler.

Wir sind ein autoritäres und autoritätshöriges Völkchen. Aber unser Potential zum Selbstdenken und Selbsthandeln soll man niemals unterschätzen. Auch die selbstsicherste Regierung, die sich gern autoritär darstellt, kann deshalb ihre Überraschung erleben. Hier noch eine Notiz eines Vorfalls, die ich mir vor Jahren einmal beim Pendeln machte.

 Ein Jucken

Es kommt vor, dass in einem
Abteil alle schlafen.
Knopf im Ohr,
Teiggesicht in Fahrtrichtung,
Körper wie warme Schnecken
in den Sitz drapiert, daneben das Häuschen,
der Rucksack.

Manchmal durchspült die Munterkeit
goldbehangener Frauen mittleren Alters
das Abteil mit Gewäsch.
Unlängst erhob sich so eine
und fragte die Schläfer,
ob sie was gegen Parfum hätten.
Hat hier jemand was gegen Parfum?
Es stinke und sie
spraye dagegen.

Zwischen Stockerau und Korneuburg
hatte niemand etwas
gegen Parfüm einzuwenden.
Manchmal jucke ihr Duft jemanden
in der Nase, das wolle sie nicht,
greift zum Zerstäuber und
setzt sich zufrieden.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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