Person, Frau, Mann, Kamera, TV

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 131


ARMIN THURNHER

25.07.2020

Das Wichtige zuerst. Unserem Kater geht es gut. Kürzlich waren wir mit ihm beim Tierarzt, einem freundlichen Mann in einer charmanten Jugendstilvilla mit einer verglasten Veranda voller Gartenzeugs. Der gute Hannibal ist schon 16 und hustete. Der Tierarzt untersuchte ihn und sprach: „Der kann alt werden!“ Was er meine, fragte ich, der ist doch alt. Jaja, sagt er, und erzählte von einem seiner Kater, der vor kurzem gestorben sei, mit 21.

Hannibal erhielt ein Spritzerl gegen das Wasser in seiner Lunge. Seither ist er wieder auf Vogeljagd und singt und rauft mit den anderen Katern.

Die Schwalben haben sich im Nest der Rotschwänzchen eingerichtet und noch eine Generation zur Welt gebracht. Um die müssen wir uns keine Sorgen machen, die fliegen dem Kater um den Kopf, die kriegt er nie. Auch bachstelzen- und rotschwänzchenmäßig ist alles bestens, nur auf die Beeren im Garten wirkt sich das ornithologische Überangebot nachteilig aus, aber man kann nicht alles haben. Die wenigen Rosen im Park werden von den Rehen gefressen, die gut gelaunt in einer Dreier- und einer Zweiergruppe durchs Gelände streifen.

Hannibal, jagend
Foto @ Irena Rosc

Der englische Sommer mit seinen vielen Regengüssen lässt alles wachsen, nichts vertrocknet, die Bienen sind geschwärmt und überlegten, sich im Hof einzurichten, zogen aber doch wieder ab. Auch sonst ist alles ist im Lot, bloß die Ameisen nehmen überhand. Wir bekämpfen sie mit Backpulver und Kaffeesud, was einen nahtlosen Übergang zur österreichischen Corona-Politik ermöglicht.

Frau Elisabeth Köstinger, kurzzeitige Nationalratspräsidentin, bald danach endlich Ministerin für Landwirtschaft, Tourismus und verwandte Gebiete wie Telekommunikation, Kanzlerkult und politische Choreographie, zeigte uns diese Woche die hohe Kunst des Eiertanzes. Es ging um die Firma McKinsey, an die laut Kronen Zeitung  (dass ich die einmal zitieren darf!) 200.000 Euro pro Woche hinübergeschoben werden, denn die türkise Dilettantentruppe regiert ja nicht selbst, sondern nur mit Hilfe ausgelagerter Berater, weil unsere Beamten nicht nur nichts können, sondern auch noch darauf beharren, einen eigenen Kopf zu haben. Das braucht eine Regierung nicht, die will anschaffen, also lässt sie sich von externen, hochbezahlten Beratern anschaffen, was sie tun soll. Segnungen des neuen Stils. Neoliberalismus? Eher Neolaberalismus.

Ich ermüde sehr schnell bei all dem Geschwurbel, habe mir aber gemerkt, dass McKinsey nicht nur Österreich im allgemeinen regiert (bei Corona waren sie von Anfang an dabei), sondern auch die Corona-Tests organisiert und bei jedem Test mitschneidet. Warum wundert mich das nicht? Gott schütze uns vor einer Transparenzinitiative dieser Leute, danach wird uns nebliger sein als je zuvor. Die Hinweise, wie das alles anders geht, in der Nähe, in der Schweiz, spare ich mir. Ist eh allen egal.

Der Kanzler machte sich derweil in Brüssel durch Demonstration ökonomischer Ahnungslosigkeit wichtig. Wenn Sie das nicht glauben, lesen und hören Sie, was dieser Ökonom dazu zu sagen hat. Kurz dachte, er profiliert sich in Brüssel als sparsam, das klappte zwar nicht ganz, oder nur bei der von ihm großzügig bezahlten österreichischen Presse, aber er war nicht ganz sicher, also musste er auch an der Heimatfront punkten, zumal ihn der grüne Gesundheitsminister Anschober in den Beliebtheitsumfragen abgehängt hatte.

Da mussten sie mit der Corona-Pressekonferenz zwei Tage warten, bis der Kanzler da war und wieder als sein eigener Pressesprecher in Erscheinung treten konnte.

Über Ungarn hat er natürlich nichts zu sagen, und auch von Außenminister Schallenberg wird kein Tönchen erschallen, während Orbán wieder ein unabhängiges Medium kleinkriegt. Kurz’ alter Spezi, der ungarische Außenminister Peter Szijjártó, sagte zynisch wie immer, es gebe in Ungarn kein Gesetz, das unabhängige Medien verbiete. Wozu auch Gesetze, wenn die Gesetzlosen regieren?

In den USA ist der Präsident nicht nur aufgefallen, weil er das Militär in Städte schickt, deren Bürgermeister das nicht wollen. Er muss Kante zeigen, weil seine Umfragewerte sinken und selbst sein einigermaßen herausgeforderter Herausforderer Joe Biden ihn schon um fast zehn Prozentpunkte abgehängt hat. Das bringt Donald Trump in Zugzwang. Er unterzog sich einem Persönlichkeitstest und berichtete stolz auf Fox News, dass er noch nach Minuten (aus fünf machte er fünfzehn) die Wortfolge Person – Frau – Mann – Kamera – TV im Kopf behalten hat. Great again!

Über diese kognitive Titanentat und das damit verbundene läppische Selbstlob wurde im Nachrichtendienst viel gelacht. Ich lache nicht. Trump ist stilbildend. Dominiere die Kamera, egal womit, darum geht’s. Mit einem kleinen Gedicht darüber darf ich Sie in den Samstag entlassen.

Corona-Warnlied

Bist du Unter, bist du Ober,
bist du Kurz, bist du Anschober,
hast eine Labrador-Geduld
oder bist an allem schuld?

Rudi, Rudi, pass gut auf,
geht die Beliebtheit weit hinauf!
Wennst net aufpasst, kommt Edtstadl
mit dem Ohrring, und beißt Wadl.

Des Kanzlers Eros-Präferenz:
er steht auf Pressekonferenz.
Es ist ein innerlicher Drang,
er hat den Ankündigungszwang.

Er muss hinaus vor die Reporter
und ist in Brüssel, nicht am Ort er,
haben die anderen Warteschuld
bis er höchstselbst tritt vor ans Pult,

gegroomt, gerad, gesund und munter
spricht er, nachdem die Maske runter:
„Grüß Gott! Erste Person, dann Frau,
Mann, Kamera. ICH BIN TV!“

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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