Bin ich ein Kurz-Hasser?

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 128


ARMIN THURNHER

22.07.2020

Manchmal mache ich mir Gedanken, ob ich nicht zu streng bin mit unserem jungen Herrn Bundeskanzler. Ich habe ihn für seine Performance in Brüssel hart kritisiert und befand mich dabei im Einklang mit den meisten europäischen Zeitungen, die der Einschätzung zuneigen, Kurz habe sich vom aufmüpfigen Kleinstaatler zu einer Art kontinentaler Westentaschenausgabe eines Brexiteers entwickelt.

Bin ich ungerecht? Ein verbitterter alter Kommunist, enttäuscht über den Erfolg eines jungen Konservativen, der etwas aus sich macht und die Interessen der Steuerzahler des eigenen Landes im Auge hat, wie er versichert? Dass man als Kritiker gleich so in eine Ecke geräumt wird, sagt manches über den Zustand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in Österreich.

Als ich gestern bei Puls24  eingeladen war, über aktuelle Ereignisse mitzudiskutieren, kam bei mir ein Gefühl auf. Naturgemäß war meine Rolle die des Kanzler-Kritikers, aber ich hatte das intensive Gefühl, meine Mitdiskutanten und -diskutantinnen hielten sich kanzlerkritikmäßig mehr zurück, als ihnen selber lieb war.

Sie widersprachen mir nicht, als ich die Tatsache absurd nannte, dass die ganze Regierung mit der Verlautbarung der Maskenpflicht warten musste, bis der Kanzler aus Brüssel zurückgekehrt war, damit auch er an der Pressekonferenz teilnehmen und wichtige Sendeminuten einsacken konnte. Sie waren nicht unfroh, dass jemand den Kanzler kritisierte, aber sie waren froh, dass nicht sie es waren, dachte ich mir. Die Rolle des Quenglers, ja des Thersites bin ich schon gewohnt.

Gesundheitsminister Anschober führt in den Beliebtheitswerten, wo soll das hinführen? Es ist lächerlich, dass sich ein Kanzler zum eigenen Pressesprecher degradiert. Aber kaum jemand lacht ihn aus. In Österreich empfindet man vieles als passend, was anderswo belächelt wird.

 

Sebastian Kurz bei Armin Wolf in der ZiB2 am 21.7.2020

Nein, ich flüchte mich nicht aus Selbstkritik in Kanzlerkritik. Ich bewunderte seine jugendliche Frische, als er nach vier Tagen Verhandlungsmarathon in Brüssel und der wichtigen Maskenpressekonferenz abends auf dem Küniglberg im ZiB2 Studio erschien, um Armin Wolf standzuhalten.

Und er hielt stand, obwohl Wolf natürlich tat, was er konnte. Auch das bewundere ich, denn, wie er im Gespräch mit mir sagte, „auf Sendung tritt keiner weinend zurück“, nur weil er ihn so hart fragt.

Das Problem ist, was bleibt, wenn einer so hart antwortet, dass auch auf gutem Niveau das Fragen und Antworten nur mehr zur wechselseitigen Show von Kompetenz, guter Vorbereitung und Schlagfertigkeit wird? Wobei die Schlagfertigkeit nicht darin besteht, aus dem Moment heraus eine geistreiche Antwort zu zünden, sondern aus seinem sortierten Antwort-Arsenal die richtige vorbereitete Riposte auszuwählen. Statt bei Dialogen mitzudenken, wird man automatisch zum Zuschauer eines Matchs, das auch mit Tischtennisschlägern, Messern oder Kochlöffeln ausgetragen werden könnte.

Bin ich ungerecht? Ich habe meine eigene Kommunikationsgeschichte mit Sebastian Kurz. Auf dem Kurznachrichtendienst meiner Wahl wird ab und zu mit wissender Geste wichtigtuerisch darauf hingewiesen, als sei es ein Geheimnis. Falter-Leser und Leserinnen kennen das Geheimnis eh. „Wenn ihm (Kurz, Anm.) ein führender Publizist (ich, Anm.) ,zivilisierten Orbanismus‘ oder ,Strachismus mit rosigem Teint‘ vorwirft, dann erwidert er das so: ,Der hat noch immer Schaum vor dem Mund, weil ich ihn bei einer öffentlichen Veranstaltung mal vorgeführt habe.‘“ So stand es einmal im Spiegel,

Genauso war es, die näheren Umstände habe ich in diesem Falter-Kommentar beschrieben. Aber das ist nicht der Grund, warum ich schäume. Schäumte ich, schämte ich mich. Ich versuche, kühl und hart zu kritisieren. Ich glaube, das Ergebnis meiner öffentlichen Niederlage verarbeitet zu haben und kann seither Niederlagen, die Kurz anderen bereitet, besser verstehen.

Kritik sollte sich über ein solches Denken erheben, das ja den österreichischen Journalismus einigermaßen durchgängig prägt. Schäumende Retorsion, wohin man schaut. Und ihre Rückseite, das beschämende Haberertum. Aber kaum Kritik.

Was also ist meine Kritik an Kurz? Sebastian Kurz ist mit einem professionell organisierten Jugendputsch an die Macht gekommen, hat sich die ÖVP dank seiner Umfragewerte und seines darin abgebildeten Charisma gefügig gemacht und verteidigt seine Machtposition mit gnadenloser Mediendisziplin und ja, Medienkauf. Dieser hochbegabte Kommunikator ist fleischmanngewordene Medienkorruption.

Das bedeutet, er erhält die österreichische Medienförderung und baut sie aus, samt beabsichtigter Verschiebung von Steuergeld zu Boulevardmedien und Privat-TV. Er zielt auf eine Entmachtung aller diskursiv, redaktionell orientierten Medien, die das Fundament jeder Demokratie bilden.

Gesellschaftliche Kommunikation entscheidet über Macht und die Richtung, in die sich Gesellschaften entwickelt. Kurz’ Konzept ist das eines Post-Neocon, näher bei Steve Bannon als bei Wolfgang Schüssel.

Bei der aktuellen Frage der Bewertung seiner europäischen Rolle stellt er in den Vordergrund, es sei gut, dass er und der rechte Niederländer Mark Rutte um sich eine Gruppe scharten, die Deutschland und Frankreich Paroli biete, mit dabei der Sozialdemokrat aus Schweden und die Sozialdemokratinnen aus Dänemark und Finnland. Stolz bejahte er die Frage, ob das nicht einer neuen englischen Rolle gleichkomme. Er verstand Wolfs Frage mit Absicht nicht so, wie sie gemeint war, nämlich ob nationalistischer Egoismus nach britischem Muster nicht notwendig in die Auflösung der EU münde. Weil er mit dieser Absicht sympathisiert?

Ich erwarte mir auch von einem konservativen Kanzler eine gewisse moralische Konsistenz und eine politische Agenda, die sich nicht darauf beschränkt, „etwas herauszuholen“, als Ersatz dafür, nicht zu wissen, was man hineinbringen soll. Denn damit legt er selbst die Mentalität jener Leute an den Tag, die er am schärfsten kritisiert, der „Sozialschmarotzer“ aller Länder und Klassen: Herausholen statt hineingeben. Nehmen statt leisten.

Österreich ist Nettozahler, aber auch Nettoprofiteur der EU. So sollte es sein, aber für alle. Als österreichischen Kanzler will ich einen europäischen Mann oder eine europäische Frau, der das laut sagt. Nicht einen Mann, der keine Politik hat außer die, in fast jeder Form auf einen neuen Nationalismus zu setzen, nur nicht in der des Kapitalismus: der soll uneingeschränkt international regieren.

Wo sind die Jungen, die wissen, dass der Nationalismus in die Katastrophe führt?
Wo sind die Jungen, die wissen, was sie an Europa haben?
Wo sind die Jungen, die wissen, was sie an Europa haben könnten?
Sebastian Kurz gehört nicht zu ihnen.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at

Bisher erschienen:

1 Im weißen Gebiet
2 Der Teamfalschspieler
3 Virensozialismus
4 Zehn Gedanken zum Krisenjournalismus
5 Seuche und Heilige, I
6 While my chainsaw gently weeps
7 Seuchen und Heilige, II
8 Für mich erwiesen
9 Siechknechte des Seriösen
10 Der Fall von Rom, I
11 Der Fall von Rom, II
12 Das Inhumanitäts-Virus
13 Der brutalste Lockdown der Welt
14 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, I
15 Die Ausweitung der Maskenzone
16 Landidylle
17 Maskenalarm!
18 Medienförderung als Korruption
19 Medienhilfe als Oligarchenhilfe
20 Hallo, Krisen-Kommunismus!
21 Pause fürs C-Wort. Hört Bach!
22 Isolation und Kommunikation
23 Wir bleiben im Rahmen
24 Bye, bye, Bernie!
25 Nägel, in nacktes Fleisch getrieben
26 Ein Vorschlag für Kurz und Kogler
27 N. kommt zu Ostern nicht
28 Her mit dem Parlament! Oder: die Seuche als Schicksal
29 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, II
30 Mit Hölderlin zum Geisterspiel
31 Es gibt genug zu kritisieren, packen wir es an!
32 Das Beste in Zeiten des Virus
33 Mein Falter-Bekenntnis
34 Wir Hausmeister. Der neue Virenautoritarismus
35 Sobotkismus: „Das kommt definitiv aus China“
36 Solidarität heißt jetzt Extrawurst. Die Seuche der Renationalisierung
37 Lyrikseuche Seuchenlyrik
38 Auf Punkt und Beistrich. Die Seuche Schlamperei
39 Licht in die Medien-Finsternis hinter Kaiser Kurz!
40 Bin ich ein Gerät? Über das Leben in Anführungszeichen
41 Kurz + Virus + Data Control = „Kreisky“
42 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe III
43 Mein Virologe und ich
44 Ein Schiff wird kommen! Das Risiko bei Alten
45 Covid 19: Wie weiter? Oder: Experten, Experten!
46 Heute Seuchenpause
47 Siech sucht Seuche. Lexikalisches
48 Sunset der Pressefreiheit
49 Hilfe: Zensur im Seuchen-Kasperl-TV!
50 Ibizaland. Ein Haus für Strache!
51 Das Virus und seine Ratgeber
52 Herbei, du holder Virenmai!
53 Fürst Kurz und das Viren-Beraterwesen
54 Beifall von der falschen Seite
55 Ticket aus Licht
56 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe IV
57 Moderieren, Zuhören, Feststellen
58 Mehr Ernst! Über Debatten
59 Noah, geh du voran!
60 Hier spricht der Virologe: Maske = Solidarität!
61 Das Paradox der Prävention
62 Adieu, Dietmar Steiner. Fast ein Nachruf
63 Der Tod des Kernbeißers. Eine Parabel
64 Neue österreichische Irrealpolitik
65 Schön, dass du wieder da bist!
66 Eine Schwalbe, eine Verspätung, eine Erklärung
67 Das Böse schaut in den Fenstertag
68 Dazu sage ich ein ganz unklares Ja
69 Erinnerung an eine stille Große
70 Post an den Kolumnisten. Seuchenbriefe V
71 Zwei Familien: die Bachstelzen und die Dichands
72 Als der ORF einmal einen Porno zeigte
73 Minister Blümel trifft eine Tatsachenfeststellung
74 Palmen putzen
75 In Defense of Donald Trump
76 Eigenverantwortung! Pfingsten lockert die Phrasenzunge
77 Rassismus und Corona in den USA
78 Aschbacher als Zustand
79 Kommunikation als Verachtung
80 Über George Floyd und die USA reden
81 Ausgeschossen! Ein Streich im Parlament
82 Kurz’ Nachricht: neue ÖVP patzt an.
83 Black Lives Matter
84 Beinharte Transparenz. Zur Desinformations-Pandemie
85 Wir kaufen Zeit. Jetzt besonders günstig!
86 Herr Sobotka, treten Sie ab!
87 Vorzeigbar, aber mies. Zum Zustand der Republik
88 Nehammer gendert konsequent
89 Hier spricht der Virologe: Raus aus der Vertrauenskrise!
90 Ich bitte euch, glaubt an diese Regierung!
91 Die Maske fällt. Der strukturelle Sexismus in der Tiroler ÖVP bleibt.
92 Hilfe! Die Seuchenkolumne nähert sich ihrem Hunderter.
93 Intransparenz, unser altes Virenleid. Und ein Virenlied
94 Heute: lesenswert, gendergerecht
95 Epochenplauschrausch
96 Nullprosa. Der Kanzler spricht.
97 Ich habe vom Wetter keine Ahnung!
98 Post an den Kolumnisten: Seuchenbriefe, VI
99 Abschied ohne Händeschütteln
100 Nach hundert Kolumnen
101 Lernen Sie Geschichte, Herr Dichand!
102 Sobotka. Wos will er?
103 Eine triumphale Sauerei der Krone
104 Hüben und drüben – Corona Apps in der Schweiz und bei uns
105 Als ich einmal im Stonewall tanzte
106 Welle, Waldbrand oder was? Die Pandemie geht weiter.
107 Was wir quälen: Bäume, Sprache, Tiere, Wahrheit
108 Ich ist auch nur eine dritte Person
109 Etwas über Kampagnen
110 Aufwachen!
111 Obacht, Arsch. Warnung: kann Explizites beinhalten!
112 Ein Quantum Geschichte
113 Und nun zu etwas ganz anderem: zur Linde.
114 Hegemonie für nichts. Zum Hitlerhaus
115 Unsere Identität: Hitler, Mozart und die Folgen
116 Ich war bei Bussi Fussi!
117 Toleranz oder Sense? Alternativen auf dem Lande.
118 Das Mähwort zum Sonntag
119 Abschied von einer Pionierin
120 Oberösterreichs unbekannt hohe Positivitätsrate und andere seltsame Coronaustriazismen
121 Corona-Kontaktsuche, Polizei und Sozialstaat
122 Die Wurstsemmel als Herabwürdigung
123 An meine Fahnen hefte ich nichts
124 Corona: Alles über Contact Tracing
125 Gestaltungsanspruch? Wir gestalten, indem wir darauf verzichten
126 Pilnacek, Thersites und ich
127 Sobotka – ein Zwischenspurt
129 Sobotka und die neue Sachlichkeit
130 Auch die Demokratie hat einmal schmutzig angefangen
131 Person, Frau, Mann, Kamera, TV
132 Landleben, Jagd und Shreddergate
133 Im Wiesel und um den Wiesel herum
134 Auf der Suche nach der verlorenen Zitronenschnitte
135 Isolation ist nicht gleich Quarantäne, und andere Klarstellungen des Virologen
136 „Eskalierende Plünderung“
137 Das Rotschwänzchen-Massaker
138 Über Schlamperei und Dilettantismus, Leben und Tod
139 50mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“
140 Schweden hat strengere Corona-Maßnahmen als Österreich!
141 Der Bruch. Schnitten, Seuchen und Säuchen
142 Zur Einstellung von addendum: Fleischhacker, Mateschitz und ich
143 Dem Diskurse dienen
144 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil I
145 17 Arten, öffentlich auf den Versuch zu antworten, die öffentliche Rede durch Nichtteilnahme zu zerstören. Teil II
146 Luter Fremde Lüt! Geburtstagsnachklänge zu Mutter, Schneckerl