Pilnacek, Thersites und ich

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 126


ARMIN THURNHER

20.07.2020

Ich liebe meine Leserinnen und Leser, die meisten jedenfalls. Sie schreiben mir so feine Mails. Leserin Christa Selzer schickte mir zum Dank für meine gestrigen Auslassungen das berühmte Gedicht Walther von der Vogelweides, „Ich saß auf einem Steine“.

Ein anderer Leser, Andreas Dobringer, schrieb mir zu meiner Glosse über den Auftritt des Strafrechts-Sektionschefs Christian Pilnacek im Ibiza-Untersuchungsausschuss :

„Ihre Betrachtungen zu und um Krainers wurstsemmliger Labung bereiten mir großes Vergnügen. Möchte  jedoch darauf hinweisen, dass der Vergleich Thersites – Pilnacek völlig unpassend scheint. Thersites soll hässlich, bucklig, quenglerisch gewesen sein mit der Neigung zum Schmähen (gut, das träfe zu). In der Ilias tritt er als Vertreter der gewöhnlichen Krieger auf, die im Gegensatz zu Ihren Chefs schleunigst nach Hause wollen, ist also so eine Art  Gewerkschafter der Antike. Sein Auftritt bei der Versammlung der Noblen misslingt gründlich, Odysseus verprügelt ihn und verweist den Weinenden auf seinen Platz und Rang.Sowas würde dem schönen Pilnacek niemals passieren. Mir unvergesslich sind seine Auftritte im Fernsehen (etwa im Club 2), bei denen er dem ordinären Fussvolk mit unnachahmlichen Arroganz darlegte, dass es sich mit seiner Küchenjuristerei brausen gehen könne. Nach nichthomerischen Quellen soll Thersites vom Achilles daschlog’n worden sein. Unvorstellbar, dass unser Achill Nehammer dem Schönen so etwas antun könnte.“

Thersites (rechts) schmäht Agamemnon (Mitte) und bekommt gleich von Odysseus (links) mit dem Zepter eine übergezogen.

Da hat der freundliche Herr Dobringen völlig recht. Ich nahm den Thersites zu einfach als Sinnbild des Schmähredners, der seine Watschen von Odysses kassierte. Wohl hatte ich meinen Homer gelesen, aber das war lange her, und der Vergleich griff zu kurz. Gleich schlug ich wieder nach und empfehle es anderen, mir gleichzutun, da es nichts kostet, hier zum Beispiel, und las die Antwort des Odysseus auf die Königskritik des Thersites:

Aber ich sage dir an und das wird wahrlich vollendet:
Find ich noch einmal dich vor Wahnsinn toben wie jetzo,
Dann soll Odysseus‘ Haupt nicht länger stehn auf den Schultern,
Dann soll keiner hinfort des Telemachos Vater mich nennen,
Wenn ich nicht dich ergreif und jedes Gewand dir entreiße,
Deinen Mantel und Rock und was die Scham dir umhüllet,
Und mit lautem Geheul zu den rüstigen Schiffen dich sende
Aus der Versammlung, gestäupt mit schmählichen Geißelhieben!
Also der Held, und zugleich mit dem Zepter ihm Rücken und Schultern
Schlug er; da wand sich jener, und häufig stürzt‘ ihm die Träne.
Eine Striem erhub sich mit Blut aufschwellend am Rücken
Unter des Zepters Gold. Er setzte sich nun und bebte,
Murrend vor Schmerz, mit entstelltem Gesicht und wischte die Trän ab,
Rings wie betrübt sie waren, doch lachten sie herzlich um jenen.

Nein, dem schönen Pilnacek wird kein Odysseus erwachsen, der ihm mit goldenem Zepter einen blutigen Striemen über den Rücken zieht. Es waren ja nur Worte, die ihm entgegengesetzt wurden. Einem wie Pilnacek wird öffentliches Weinen niemals gelingen und Königskritik ist schon gar nicht seine Sache.

Thersites passt nicht. Nicht nur wegen der fehlenden Hässlichkeit, sondern eben, weil er manchen Autoren, wie Herr Dobringer richtig bemerkt, geradezu als Inbild des Revoluzzers gilt.

Warum haben die Griechen einen wie ihn überhaupt nach Troja mitgenommen, wo seine Schmähreden nur die Moral der Truppe senken konnten? Ganz einfach: man wollte ihn nicht zu Hause zurücklassen, damit er nicht dort eine Revolution anzettle. Thersites gilt manchen als eine Art Proto-Marxist, oder auch als Proto-Intellektueller.

Der Philosoph Georg Friedrich Hegel zum Beispiel sagt in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“: „Der Thersites des Homer, der die Könige tadelt, ist eine stehende Figur aller Zeiten. Schläge, d. h. Prügel mit einem soliden Stabe, bekommt er zwar nicht zu allen Zeiten, wie in den homerischen, aber sein Neid, seine Eigensinnigkeit ist der Pfahl, den er im Fleische trägt, und der unsterbliche Wurm, der ihn nagt, ist die Qual, dass seine vortrefflichen Absichten und Tadeleien in der Welt doch ganz erfolglos bleiben. Man kann auch eine Schadenfreude am Schicksal des Thersitismus haben.“

Vielleicht war es nur ein ungelenker Versuch, Selbsterkenntnis abzuwehren, als ich den schmähenden Pilnacek einen Thersites nannte, weil ich doch (hoffentlich abgesehen von der Hässlichkeit) als Kritiker selbst mehr Ähnlichkeit mit ihm habe, als mir lieb ist.

Mit goldenem Zepter bekommt unsereiner nicht den Buckel voll gehauen, es reicht schon, dass unsere demokratischen Könige ihre, also unsere Münzen in die Taschen andrer, dienstfertiger Sprecherinnen und Sprecher stopfen.

Ich saß auf meinem Steine
und dachte Bein mit Beine
wie häufig stürzte die Träne,
wie zusammen wir bissen die Zähne!
Inserate? Ihr da bleibt ohne,
sind für Österreich, Heute, die Krone.
Wie flehend sie auch erheisch’ man,
„Njet“ sagt Kanzlers Mag. Fleischmann.
So verteil ich verbal gratis Watschen,
mögen Verse und Bilder auch hatschen.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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