Oberösterreichs unbekannt hohe Positivitätsrate und andere seltsame Coronaustriazismen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 120


ARMIN THURNHER

14.07.2020

Der Virologe meines Vertrauens, Robert Zangerle, hat ein Weilchen geschwiegen. Er musste ein Gutachten auf seinem Fachgebiet abschließen. Jetzt meldet er sich mit einem stattlichen Informationspaket. So stattlich, dass wir es in zwei Teilen bringen. Zeitgerecht, denn schon diskutieren wir wieder über die zweite Welle und über Masken. Das mit der Welle hatte er unlängst hier besprochen, heute folgt einiges zu Masken, zu Tests und dazu, wie die Ampel angewendet werden müsste. Vor allem übt Zangerle scharfe Kritik an der Art, wie die Regierung die Krise erklärt (oder eben nicht erklärt). Der Virologe beginnt mit einer Entschuldigung.

„Die Äußerungen von Michael Osterhalm zur Wirksamkeit von Stoffmasken hätte ich früher kritisch beleuchten müssen. Die eigenartige Haltung des einflussreichen amerikanischen Virologen Michael Osterhalm und seines Instituts müssen erwähnt werden, dazu ist das Tragen von Masken ein zu wichtiger Teil einer Kombinationsprävention. Das hole ich hiermit nach. Anders als Osterhalm es darstellt, hat die Maskenpflicht in der chinesischen Provinz Hubei sehr wohl gewirkt: nach exakt zwei Wochen, wie zu erwarten.

*

Beginnen wir aber mit einem extrem verknappten Überblick über den bisherigen Verlauf der Pandemie in Österreich. Das Timing des Lockdowns in Österreich war nahezu perfekt, wir verdanken es dem „glücklichen“ Zusammentreffen zweier gewichtiger Umstände: „die Bilder aus der Lombardei waren präsent. Aber auch die Zahlen aus Tirol waren besorgniserregend, und der Druck aus den skandinavischen Ländern (…) war spürbar, berichtet Martin Sprenger aus der Sitzung der Task Force im Bundeskanzleramt vom 12. März. Die Versäumnisse Tirols und die sehr frühen Semesterferien haben Wien also geholfen, lange von Covid-19 weitgehend verschont zu bleiben.

Bei zunehmenden Lockerungen war und ist mit Ausbrüchen zu rechnen, die man mit vermehrtem Testen rasch zu erfassen und mit Rückverfolgen, Isolieren und Quarantäne schnell einzudämmen hoffte. Oberösterreich hatte ein höheres Risiko für schwerer zu kontrollierende Ausbrüche, weil dort seit Anbeginn weniger getestet wird. Mitte April lag das Verhältnis der positiven zu allen bis dahin durchgeführten Coronatests („Positivitätsrate“) österreichweit bei 8%, während Oberösterreich mit 18% ein klarer Ausreißer nach oben war.

Diese Entwicklung der Positivitätsrate in Oberösterreich ist nicht öffentlich bekannt. Österreichweit sank die Rate in den folgenden Wochen stark, weit unter 1%, seit den Ausbrüchen in Oberösterreich stieg sie aber wieder über 1% und liegt deutlich höher als in Deutschland oder Italien.

Wir testen also zu wenig. Es sollte allgemein verwundern, dass Bundeskanzler Kurz „die Situation in Österreich aber weiter unter Kontrolle“ sieht und Vizekanzler Kogler meint, „dass wir das im Griff behalten“.

Kanzler und Vizekanzler bleiben uns jedoch die Definition schuldig, was denn Kontrolle genau wäre, oder bei wie vielen Neuinfektionen pro Tag sie noch alles „im Griff haben“. Abzulehnen sind auch die Worte, die Landeshauptmann Stelzer benutzte, um die Situation in Oberösterreich zu erklären: „Wir dürfen nicht riskieren, dass durch eingeschleppte Infektionen die hohe Disziplin der Oberösterreicher zunichte gemacht wird oder die Akzeptanz der notwendigen Maßnahmen, wie Maskenpflicht, sinkt.“ Fachlich unkorrekt, stigmatisierend, danebengegriffen.

Genauso daneben wie Bundeskanzler Kurz bei einem Auftritt im deutschen Fernsehen. 

Monika Bütler, Universitätsprofessorin für Volkswirtschaftslehre  an der Universität St. Gallen und Leiterin der Expertengruppe Economy der Swiss Task Force on Covid-19, hat gerade wieder daran erinnert, „dass es zur Bekämpfung der Pandemie vor allem eines braucht: Ehrlichkeit. „Il ne s’agit pas d’héroïsme dans tout cela. Il s’agit d’honnêteté. C’est une idée qui peut faire rire, mais la seule façon de lutter contre la peste, c’est l’honnêteté.“ (Albert Camus: Es geht nicht um Heldentum. Es geht um Ehrlichkeit. Diese Idee mag Sie lachen machen. Aber die einzige Art, die Pest zu bekämpfen, ist Ehrlichkeit).

Gesundheitsminister Rudolf Anschober nannte am 9. Juli erste Details für das bis September geplante Corona-Ampelsystem. Das Ampelsystem soll Risiko anhand von vier Kriterien auf Bezirksebene einstufen und die Übertragbarkeit, z.B. die Infektionszahlen pro Zeiteinheit im jeweiligen Bezirk erfassen. Ginge es nach dem Complexity Science Hub in Wien, schaltet die Ampel bei mehr als zehn positiv getesteten Fälle pro 10.000 Einwohner, innerhalb von 14 Tagen, auf Rot. Die AGES rechnet, so wie das Robert Koch Institut, mit neuen Fällen pro 100 000 Einwohnern innerhalb von 7 Tagen (Rot: 50/100 000).

Zusätzlich sollen auch die Spitalskapazitäten, die Frage, wie viele in Infektionscluster zurückverfolgt werden konnten, sowie die Positivitätsrate (liest BM Anschober die Seuchenkolumne?) zur Beurteilung für die Ampel herangezogen werden. Je nach Ergebnis soll die Ampel dann auf grün, gelb, orange oder rot schalten. Und je nach Ampelstufe sollen dann in den betreffenden Bezirken Maßnahmen verhängt werden.

Die bisher bekannten Details eine solchen Ampelsystems zeigen sowohl einen ambitionierten als auch einen sehr unausgegorenen Plan, weil etwa das Heranziehen von Spitalskapazitäten in vielen Bezirken zu Unsinn führt, weil die Versorgung in anderen Bezirken sichergestellt ist. Patienten aus Bregenz müssten zur Versorgung in einen anderen Bezirk, in Wien wäre das sowieso abstrus. Bürgermeister Ludwig will zu Recht nicht nach Bezirken differenzieren. Verwaltungstechnisch entsprechen die Wiener Bezirke auch keinen Bezirksverwaltungsbehörden, das sind nämlich die Bezirkshauptmannschaften, die Bürgermeister der 15 Städte mit eigenem Statut und der Magistrat der Stadt Wien.

Positivitätsraten für Bezirke zu ermitteln wäre mit einem Aufwand verbunden, der kaum lohnt. Viel wichtiger wäre es, zu wissen, ob sich die Positvitätsraten in der jüngeren oder älteren Bevölkerung unterscheiden und ob das sich in den einzelnen Bundesländern gleich verhält. Recht witzig ist es, den Lawinenwarndienst als Vorbild zu sehen. Die Lawinengefahr richtet sich nach alpinen Lagen, Wind und Schneefall und nicht nach den Grenzen von politischen Bezirken, so wenig wie Pendler, Urlauber und Ausflügler sich an solchen Grenzen orientieren.

Man läuft sogar Gefahr, wichtige lokale und regionale Besonderheiten der Pandemie allzu „verwaltungstechnisch“ abzuhandeln, ja möglicherweise kontraproduktive Stigmatisierungen hervorzurufen. So kann der Marathon, Verhaltensänderungen über längere Zeiträume aufrecht zu halten (Abstand halten, Hände waschen, in die Ellenbeuge husten und niesen, Masken tragen) nicht durchgehalten werden. Schauen wir, was die neue „Coronakommission“ bis September zustande bringt.“

(Fortsetzung folgt)

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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