Abschied von einer Pionierin

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 119


ARMIN THURNHER

13.07.2020

Meine Frau ist in den Süden gefahren, nach Slowenien, und hat mir dieses Bild geschickt. Rogatec heißt der Berg, der darauf gerade noch schemenhaft zu sehen ist.

Rogatec im Regen

Er ist mein slowenischer Hausberg. Vom Häuschen im Dorf unten sehe ich ihn durchs Fenster. Rogatec heißt Bocksberg, gemeint sind Gamsböcke, und der Anstieg ist recht steil, aber nicht sehr lang; in eineinhalb Stunden bin ich oben. Als unser Hund Cato noch lebte, nahm ich ihn oft mit hinauf. Nur das letzte Stück ist ein bisschen felsig, da musste ich ihn unterhalb des Gipfels anleinen, was ihm nicht passte.

Die trübe Stimmung auf dem Bild entspricht der Stimmung meiner Frau, denn sie trauert um eine gemeinsame Freundin, die am Freitag in Aspangberg begraben wurde. Gabi Kogelbauer war Ärztin und eine flamboyante Erscheinung. Ich hatte immer den Eindruck, sie fege durchs Leben, und was sie auch anhatte, weißen Kittel oder Kleines Schwarzes, immer erweckte es den Eindruck, es wehe hinter ihr her wie ihre Wuschelfrisur, so schnell nahm sie Fahrt auf.

Gabriele Kogelbauer (1947-2020)

Sie war eine der ersten Ärztinnen in der Standesvertretung, und es fehlten gerade ein paar Stimmen, dass sie 1999 als erste Frau zur obersten Ärztevertreterin in Wien und in Österreich gewählt worden wäre. In Wien und in Österreich war sie dann acht Jahre lang die Vizepräsidentin der Ärztekammer.

Thomas Szekeres, heute oberster Ärztevertreter und ihr langjähriger Mitkämpfer, sagte in seiner Grabrede über sie: „Sie war die erste Ärztin, die in Wien und österreichweit, insgesamt für acht Jahre die Funktion der Vizepräsidentin ausgeübt hatte. In diesem Sinne war sie auch im wahrsten Sinne eine Pionierin in der Sichtbarkeit von Frauen im Arztberuf und in der Standesvertretung.“

Dieses erste Antreten der Mittelbauvertreterin Kogelbauer bei Wahlen nannte er „furios“. 1975 hatte sie promoviert und wurde dann Oberärztin in der Rudolfsstiftung, spezialisiert auf Gastroenterologie. Bald danach, 1989, startete sie mit zwei Kollegen die Standesvertretung für den ärztlichen Mittelbau. Dass der Krebs, der sie am Ende besiegte, aus ihrem eigenen Fachbereich kam, gehört zu den Zynismen, die das Leben so bereithält.

Natürlich war Gabi, wie sie alle nannten, also Frau Doktor Kogelbauer, eine Rote, aber nicht parteipolitisch prononciert. Ihr Engagement kam aus der Ecke der Kritischen Medizin. In Konflikten mit dem Rathaus hinderte sie das nicht, „sachlich, aber laut“ (Szekeres) Stellung zu nehmen, es half ihr eher. Einer Notiz aus dem Falter entnehme ich folgendes:

„Was kommt: Ärztestreik?
,Ein eindeutiger Beweis für den extremen Unmut und die Besorgnis der Wiener Spitalsärzte gegenüber den seit Jahren von Gesundheitsstadtrat Sepp Rieder verschleppten Gehaltsverhandlungen.‘ So kommentierte Ärztekammer-Vizepräsidentin Gabriele Kogelbauer das Ergebnis einer Abstimmung, an der sich 2460 Ärzte in Wiener Gemeindespitälern beteiligt hatten; 93 Prozent von ihnen stimmten gegen den Gehaltsvorschlag Sepp Rieders. Der blieb dennoch unbeeindruckt. Er sei weiter verhandlungsbereit, sagte er. Die Ärzte wollen Streikmaßnahmen im administrativen Bereich setzen. Sie fordern eine Angleichung des Gehaltsschemas der Gemeindekrankenhäuser an jenes der Sozialversicherung.“ (8.11.2000)

Gabi schaffte es dann ohne Streik. Humorvoll, schlagfertig und unbeugsam gelang es ihr am Ende doch, ihr Ziel zu erreichen, 2002 beendet sie die Verhandlungen in ihrem Sinn und schaffte nicht nur die angestrebte Gehaltserhöhung, sondern, wie Szekeres sagte, „das Gefühl, dass ärztliche Tätigkeit auch von der Politik und den Spitalsbetreibern wertgeschätzt wird.“

Gabi Kogelbauer wurde gerade 73 Jahre alt; wer sie anrief und um Hilfe für einen Freund oder eine Bekannte bat, wurde nie enttäuscht. Und bei allem bleib sie stets in Bewegung, bei allem bewahrte sie ihre fliegende Leichtigkeit und Eleganz.

Blick vom Rogatec

Der Rogatec ist Mittelgebirge (1557 m), aber mit einer fantastischen Aussicht rundum, auf die Steiner Alpen, und auf der anderen Seite bis Ljubljana, und noch weiter meint man, bis ans Meer zu sehen. Kaum je trifft man einen Menschen da oben. Der Berg liegt abseits aller populären Routen und Hütten. Suche ich die sogenannte Bergeinsamkeit, enttäuscht mich der Rogatec nie.

Wenn sich das Regenwetter verzieht, werde ich hinaufgehen und an Gabi denken. Und an den Klub unserer toten Freundinnen und Freunde, der ständig neue Mitglieder gewinnt.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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