Unsere Identität: Hitler, Mozart und die Folgen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 115


ARMIN THURNHER

09.07.2020

Soeben bekam ich einen schönen Brief des Kulturwissenschaftlers Bernd Gallob, der auf meine gestrige Kolumne erwiderte:

„Die Gleichsetzung der Weltberühmtheit des Massenmörders Hitler mit dem göttlichen Komponisten Mozart ist eine Volte des Todes zum Hymnus der Schönheit. Also in sich völlig unwahrhaftig, unvergleichbar. Zudem gibt es noch eine ganze Reihe anderer weltberühmter Österreicher, die man ebenso nicht mit Hitlers Todesfugen vergleichen kann und darf.
Diese Verwirrung um den Strotter aus Wien (ein Göring-Sager in Nürnberg) , der Österreich bei Nacht und Nebel fluchtartig als Deserteur verließ, weil er für dieses ihm zutiefst verhasste Österreich keinen Militärdienst leisten wollte (was er als Staatenloser dann für Deutschland tat), begleitet die Selbstdarstelllungen des Massenmörders.
Wir Bürgerinnen und Bürger des Landes sind verantwortlich dafür, dass die Menschenrechte künftig immer ge- und beachtet werden. Sie und der Falter sind hervorragende Kämpfer dafür, deshalb bin ich Falter-Leser mit Überzeugung. Sie haben ihn aufgebaut (Respekt und danke).
Ich könnte mir vorstellen, dass Sie und der Falter sich mit einem großen Österreicher, Friedrich Heer, beschäftigen. Eines seiner Hauptwerke „Der Kampf um die österreichische Identität“  wäre es wert, eingehend diskutiert zu werden, haben doch Sebastian Kurz und seine Bande diese Identität in kurzer Zeit vernichtet, ins Gegenteil verkehrt, wie die Austrofaschisten 1933/34 und dann die Nazis in Österreich ab 1938.
Eine kleine aber doch wichtige Anmerkung, ergänzend zu den Wörtern eingangs: Mit, neben, außer Mozart gibt es eine erkleckliche Zahl weltberühmter Österreicherinnen und Österreicher. Allein die wegen des Rassenwahns vertriebenen/verfemten Menschen mit jüdischer Familiengeschichte künden davon. In Wissenschaften, Künsten, humanitären Welten etc. findet man sie.
Dort suche und finde ich ein wenig Trost bei der Reflexion des österreichischen Versagens im 20. Jahrhundert.“

Titel und Aufmachung eines Kommentars von Rainer Nowak in der Presse vom 20. Oktober 2018; natürlich wies Nowak die Frage damit schon ironisch zurück; wir stellen sie gar nicht, verwenden das Bild aber gern, weil alle drei Protagonisten dieser Kolumne darin vorkommen. Foto @ Reuters

Darauf möchte ich antworten, lieber Herr Gallob, dass die Gleichsetzung von Hitler mit Mozart nur eine äußerliche war, bezogen auf die Weltbekanntheit nämlich. Aber das wissen Sie ja. In mein Buch Seinesgleichen habe ich eine Kolumne aufgenommen, die sich genau diesem Vergleich widmet.

„Vor Jahren hörte ich einem Wiener Professor zu, der als Experte für das Ansehen Österreichs im Ausland galt. Zuviel Mozart, sagte dieser Mann. Sie kennen von uns nur Mozart. (…) Adolf Hitler! Das wäre was! Er wisse allerdings, fügte der Professor nach einer Pause hinzu, in der ihm der betretene Gesichtsausdruck seines Zuhörers aufgefallen war, auf Hitler – der ja zweifelsohne ein Österreicher gewesen sei – dürfe man nicht stolz sein.
Er selbst sei kein Nazi, das brauche er wohl nicht zu betonen. Aber wahr sei, was wahr bleibe: Der Russlandfeldzug, ja, die Aufrüstung zum Weltkrieg insgesamt sei doch eine logistische Leistung der Extraklasse gewesen! Wenn man sich werbetechnisch damit nur irgendwie schmücken könnte, wäre viel gewonnen …“

Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie Mozart „göttlich“ nennen, seine Art der Göttlichkeit versteht auch ein Atheist. Ebenso Recht haben Sie mit Ihrem Verweis auf Friedrich Heer. Nur weil es eine passenden Koinzidenz ist, erwähne ich, dass im erwähnten Buch von mir auch eine Kolumne steht, die sich mit dem Streit beschäftigt, ob Mozart nun „uns“ oder „den Deutschen“ gehört, wie der populärwissenschaftliche Historiker Guido Knopp damals behauptete, was die Krone sehr erregte. Ich bezog mich auf genau jenes Buch von Friedrich Heer, das Sie zu Recht erwähnen, und das Bildungsbestand österreichischer Schulen und Universitäten sein müsste, und schrieb:

„Folgt man Heer, hat das enge Konzept Österreich über das mögliche andere Österreich, über das polyphone Vielvölkerösterreich gesiegt. Geblieben ist der enge, monokolore deutschsprachige Kleinstaat, dessen Leitmedium Kronen Zeitung den Griff um die Verengung fest geschlossen hält. Utopien von Öffnung und Polyphonie denunziert sie gern als „Humanitätsdilettantismus“, aber für Mozart macht sie sich stark. Es ist aber nicht der Weltbürger Mozart, den sie meint. Es ist der Mozart des politisch akzentuierten Staatsbewussteins, um den sich geknoppte Deutsche und gekronte Österreicher zanken, der Mozart der 1-Euro-Münze, an dem man weiß, was man in der Hand hat, aber nicht der Vorfahre eines europäischen Österreich.“

Das erschien unter dem Titel „Mozart als Problem“ im August 2003, lange vor Kanzler Kurz, dessen Einschätzung betreffend unsere Identitätsverwüstung ich mit Ihnen teile.

Um die Koinzidenzen noch zu toppen, eine kleine Anekdote. Als ich das erste Mal in meinem Leben auf Sebastian Kurz traf, es muss die Zeit gewesen sein, in der ich diesen Text schrieb, war er noch Obmann der Jungen ÖVP Wien. In der politischen Akademie der VP diskutierte ich mit ihm und Andreas Unterberger. Ich erwähnte Friedrich Heers Buch „Der Glaube des Adolf Hitler“, nicht eines seiner besten Werke, aber gut genug für einen Hinweis auf den antisemitischen Einfluss der Geistlichkeit auf den jungen Adolf, und es wurde klar, dass der junge Kurz keine Ahnung hatte, wer Heer war. Die Idee, dass die katholische Kirche irgendetwas mit Antisemitismus zu tun haben könnte, wies er im Brustton der gefestigten Ahnungslosigkeit eines künftigen Amtsträgers zurück.

So ist es gekommen. So ist es geblieben. So darf es nicht bleiben!

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


Zuletzt erschienen:

Nr. 196 Gernot Blümel, der oberschlaue Zensor, und seine schlauen Verteidiger (28.09.2020)
Nr. 195 Alles steuerte auf Beethoven zu. Eine Sonntagsgeschichte (27.09.2020)
Nr. 194 „Wer Charakter hat, hat kein Schicksal“. Zu Walter Benjamin (26.09.2020)
Nr. 193 Holz schlichten. Streit schlichten. Unter Schlichten. (25.09.2020)
Nr. 192 Was Twitter aus einem machen kann (24.09.2020)
Nr. 191 Wie ich 50 Jahre Profil erlebte. Szenen einer kritischen Freundschaft (23.09.2020)
Nr. 190 Ein oder zwei Meter? Abstand nehmen von falschen Dichotomisierungen! (22.09.2020)
Nr. 189 100mal „Herr Sobotka, treten Sie zurück!“ (21.09.2020)
Nr. 188 Quellwolken voller Zweifel (20.09.2020)
Nr. 187 Himbeermarmelade und Herzensdemokraten (19.09.2020)
Nr. 186 Man sollte besser über Sport berichten. (18.09.2020)
Nr. 185 Narzissmusdusche und Bedeutungseisbad. Über Coronakommunikation (17.09.2020)
Nr. 184 Wer die ÖVP wirklich regiert. Appell an Ö1. Monster. Falken. (16.09.2020)
Nr. 183 Dominic Thiem besiegte die Schlümpfe. Ich weiß, was er meint. (15.09.2020)
Nr. 182 Ampelologie: bald kennt jeder jemanden, der die Ampel nicht versteht (14.09.2020)
Nr. 181 Zwei Herzen, eine Seele: der Kanzler ohne Milde und die Krone (13.09.2020)
Nr. 180 Corona, Moria und unser europäisches Wir. (12.09.2020)
Nr. 179 Dieses Blümelkurz-Österreich ist nicht mein Österreich (11.09.2020)
Nr. 178 Glückspräsident Sobotka klärt die Presse auf. Eine Ansprache (10.09.2020)
Nr. 177 Der „Lockdown“ und seine Folgen für Patienten abseits von Covid-19 (09.09.2020)
Nr. 176 Wie privat ist „privat“ auf Twitter? ICH sage: eher nicht. (08.09.2020)


Alle bisher erschienen Kolumnen finden Sie hier.