Ein Quantum Geschichte

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 112


ARMIN THURNHER

06.07.2020

Am Tag, an dem ich Ihnen für den Falter den täglichen Newsletter schreiben darf, der den charmanten Namen Maily trägt, eine Zusammenziehung aus Daily und Mail , wollte ich mit der Seuchenkolumne pausieren. Ich werde pausieren, ich werde pausieren, ich werde pausieren. Einstweilen fällt es mir schwer, aus der täglichen Verpflichtung auszusteigen, die ich mit der Seuchenzeit verknüpft und in der ich mich mit dieser Zeit verknüpft habe. Sie dauert an, diese Zeit.

Heute las ich auf orf.at die faszinierende Geschichte jener Österreicher, Österreicherinnen waren vielleicht auch dabei, die sich in die US-Army eingliederten, um gegen Nazi-Deutschland zu kämpfen und sich in Camp Ritchie in Maryland dafür ausbilden ließen.

Einen Österreicher, der im amerikanischen Geheimdienst CIC gegen die Nazis arbeitete, kannte ich persönlich, Eric Pleskow, den Filmproduzenten, der Oscars sammelte wie irgendeiner (Schweigen der Lämmer, Der mit dem Wolf tanzt etc.), und der bis zu seinem Tod Präsident der Viennale war. Den hiesigen Gebräuchen stand er stets etwas verwundert gegenüber. Daraus macht er keinen Hehl. Was ist der Zweck einer Kuratoriumssitzung, und warum dauern all die Reden, die hier geführt werden, so unglaublich lang?

Eric Pleskow (1924-2019), Widerstandskämpfer von außen, von 1998 bis zu seinem Tod Präsident der Viennale. Foto @ Viennale

Er brachte Dinge mit einem Satz auf den Punkt. In seinen berühmt launigen Reden zur Viennale-Eröffnung zeigte er, wie wenig Zeit man braucht, um sein Publikum zu unterhalten. Er genoss es, dass seine Rede kürzer war als sein Weg vom Bühnenrand zum Podium (er ging nicht mehr gut). Sein Publikum genoss es auch, als nicht mehr selber herfliegen konnte und seine Reden nur noch verlesen lassen konnte, und erst recht, als bei der Eröffnung nach seinem Tod die Tonaufzeichnung einer seiner Reden gespielt wurde.

Nur war Eric kein Witzbold, er war ein Professional. Er bereitete sich auf Sitzungen vor, er las immer alle Skripte. In dieser Beziehung sei er fast neurotisch, sagte er mir einmal, aber er wisse dann wenigstens, was er ablehnt. Deswegen konnte er Bluffer kurz abfertigen. Man muss ja nicht so lange über ein Buch reden, wie es dauert, es zu lesen.

Pleskow hatte er am Ende immer die Lacher auf seiner Seite, vielleicht, weil er nicht immer so viel zu lachen hatte. 1938 aus Wien vertrieben, war er nach 1945 als Geheimdienstoffizier für die Entnazifizierung der deutschen Filmszene zuständig und dabei zu Recht völlig humorlos.

Andere „Widerstandskämpfer von außen“ wie den TV-Opernführer Marcel Prawy kannte ich aus dem Fernsehen, wäre aber nicht auf die Idee gekommen, es handle sich um Widerstandskämpfer. Ihn lernte ich bei Phettbergs Nette Leit Show schätzen, wo auch ich als junger Mensch zu Gast war; der charmante Prawy erwies sich als Phettberg-Bruder im Geiste, weil er wie dieser seine Archivschätze in Plastiksackerln aufbewahrte.

Bei Georg Kreisler liegt der Widerstandskämpfer schon näher. Er bezeichnete sich, entnehme ich dem Artikel, als Anarchist (wusste ich) und nicht als Österreicher („keinesfalls!“), sondern als US-Bürger (wusste ich nicht). Seine messerscharfen Chansons sind noch immer Maßstab für folgende Generationen, ganz egal, ob er „Tauben Vergiften im Park“ nun erfunden oder vom genialen Tom Lehrer geklaut hat.

Besonders amüsiert hat mich die Passage, wo im US-Trainingscamp zu Übungszwecken deutsche Soldaten imitiert wurden, „sodass die Farmer in der Umgebung des Camps inmitten der Blue Ridge Mountains jederzeit auf eine im Stechschritt marschierende, Deutsch sprechende Kompanie von Wehrmacht oder Waffen-SS in voller Bewaffnung stoßen konnten“. Das wiederum erinnerte mich an die Serie Hogans Heroes, die ich mit vor Staunen hängender Kinnlade als Student in den USA im Fernsehen sah, und in der exilierte deutsche und österreichische Schauspieler mit Gusto dicke und doofe Nazis darstellten.

Im Roman, den ich über mein Amerikajahr schrieb, zitiere ich auch viele Passagen aus der Presse, zum Beispiel diese Notiz: „ ,Kein Wunder, dass viele Amerikaner die Deutschen als sauerkrautessende Tölpel und fette Sadisten ansehen‘, sagt Bild am Sonntag, Deutschland größte Sonntagszeitung. Bild am Sonntag kam nach einer Analyse gegenwärtiger amerikanischer Filme zu diesem Schluss, in denen ,zwangsläufig die Deutschen die Schurken und Einfaltspinsel sind‘“ (New York Times, 10. Dezember 1967)“.

Der Kommandant eines ähnlichen Lagers, „von Camp Sharpe war der Österreicher Hans Habe, eine schillernde und exzentrische Figur. Habe wurde in der Monarchie 1911 als Janos Bekessy in Budapest geboren. Sein Vater war der umstrittene Zeitungsmodul Imre Bekessy, in einer Dauerfehde mit Karl Kraus verstrickt.“ Dass ich den Kampf des Satirikers, der Bekessy mit seiner Forderung „hinaus aus Wien mit dem Schuft“ tatsächlich vertrieb, nicht als „Dauerfehde“ und Bekessy nicht als „umstritten“, sondern als „korrupt“ charakterisieren würde, ist mein einziger Kritikpunkt an diesem Bericht. Eines der beiden Bücher , die sich auf unlängst aufgefundenes Archivmaterial in Washington stützen, ist schon erschienen, das andere, Florian Traussnig: Die Psychokrieger aus Camp Sharpe, folgt im August, ebenfalls bei Böhlau. Auf beide freue ich mich schon.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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