Etwas über Kampagnen

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 109


ARMIN THURNHER

03.07.2020

„Herr T muss eine Kampagne starten die täglich Aufrufe zum Rücktritt bringen nichts! Legen Sie richtig los!“ Diese Aufforderung erreichte das Büro Thurnher, unter welchem Namen ich dort auftrete, vor kurzem auf Twitter. Nachrichten erreichen einen dort immer vor kurzem, deswegen heißt der Dienst ja Kurznachrichtendienst. Längere Nachrichten werden gleich vergessen.

Ich bin hier, dort und sonstwo zwecks Verbesserung der österreichischen Öffentlichkeit tätig, falls ich es noch nicht gesagt habe. Das ist ein hoffnungsloses Unterfangen, aber in meinem Leben habe ich mich vorzugsweise mit solchen beschäftigt. Unterfangen kommt als Verb unter anderem aus der Wiener Metzgersprache und bedeutet, einem Tier unter den Bauch zu greifen, um es zu heben und sein Gewicht zu ermitteln.

Geschlachtet wird hier niemand. Dass etwas emporgehoben wird, um es in einem anderen Licht zu betrachten, oder es abzuwägen und für zu leicht befinden, das mag vorkommen. Wenn wir schon von der Verbesserung der österreichischen Öffentlichkeit reden, sehen wir uns doch den ersten Satz noch einmal an. „Herr T. muss eine Kampagne starten! Die täglichen Aufforderungen, Herr Sobotka möge zurücktreten, bringen nichts. Legen Sie richtig los!“ So war er wohl gemeint. Ich habe verstanden.

Kaum betrachte ich einen ersten Satz, denke ich an meinen letzten Satz, Basis und Höhepunkt meiner publizistischen Karriere. Er war der Krone und ihrer Verlagsfirma Mediaprint gewidmet, das wissen junge Menschen vielleicht noch. Wie er entstand, wissen sie nicht mehr. Wie auch?

Es war so. Der alte Herausgeber der Krone machte sich wichtig, indem er die Kommentatoren in seinem Blatt mit lateinischen Pseudonymen aufputzte. Da gab es zum Beispiel einen Aurelius, einen Christianus (das war der dicke, bösartige Bischof Krenn), und einen Cato (das war er selbst).

Marcus Porcius Cato, der Ältere: Öffentlicher Redner Foto: @Wikipedia

Bei aller humanistischer Bildungsbeflissenheit hatte der Alte vergessen, dass Cato der Ältere, römischer Senator, Moralist und Kriegshetzer, seine Reden im Senat mit der immergleichen Wendung abschloss: „Ceterum censeo Carthaginem esse delendam. – Im Übrigen bin ich der Meinung, Karthago muss zerstört werden.“ Das geschah tatsächlich, jedoch erst nach dem Tod Catos. Das ist eine andere Geschichte.

Cato war offenbar ein glänzender Redner. Es war eine rhetorische Stilfigur, die er benützte, die der Wiederholung. Der Effekt am Schluss gab jeder Rede eine zusätzliche Spannung. Wird er es wieder sagen? Das hält die Aufmerksamkeit bis zuletzt. Cato beließ es nicht dabei. Er benützte dramatische Tricks, um die Botschaft zu verstärken. Einmal griff er in seine Toga, holte ein paar fette Feigen heraus, warf sie vor die anderen Senatoren auf den Boden und rief, so groß und mächtig ist Karthago schon, dass es prächtigere Feigen hervorbringt als Rom! Von dort zum letzten Satz war es nicht mehr weit.

Weil der alte Herausgeber der Krone sich Cato nannte, aber keinen letzten Satz hatte, spendierte ich ihm einen und sagte ihn ihm 20 lange Jahre lang vor. War das schon eine Kampagne? Nein. Kampagnen sind das Gegenteil von aufklärendem Journalismus. Kampagnen benützen ein Medium und sein redaktionelles Personal, um es in den Dienst einer einzigen Sache zu stellen. Mit einer Kampagne soll Druck auf andere, meiste auf Politik erzeugt werden. Kampagnen setzen Kommandojournalismus voraus; ein Schar vorgeblich unabhängiger und frei publizierender Menschen ordnet sich unversehens einem einzigen Willen unter. Die Kronen Zeitung schaffte es einmal einen ganzen Monat lang, im Jänner 2002, jeden Tag auf der Titelseite eine Schlagzeile gegen das tschechische Atomkraftwerk Temelín zu bringen. Das war eine Kampagne.

Kronen Zeitung, Cover vom 15.3.2011: Öffentliche Kampagne

Im Unterschied zum Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, der meint, die Krone-Kampagnen ergäben ein „vielschichtiges Bild“ (allerdings meinte er das in der Krone), meine ich, sie geben ein erschütternd eindimensionales Bild: Herausgeber befiehl, wir folgen dir.

Für so etwas bin ich nicht zu haben. Auch die Zerstörungs- und Ausrottungsrhetorik des alten Cato ist mir fremd. Nicht aber sein Stilmittel, die Wiederholung. Eine rhetorische Figur ist noch keine Kampagne. Sie ist ein öffentliches Zeichen, um auf einen Sachverhalt aufmerksam zu machen: das österreichische Parlament hat einen Präsidenten, der es und damit uns verhöhnt. Der dieses Amt, das neutral geführt werden soll, für täglich neu vorgeführte plumpe Parteilichkeit missbraucht. Der den juristischen Grundsatz, dass der Anschein vom Befangenheit ebenso zu bewerten ist wie diese selbst, ignoriert. Der als Inbegriff einer Fehlbesetzung für die nihilistische Hybris der türkisen Regierung steht, die glaubt, uns alles und alle zumuten zu können und uns dabei noch auslacht.

Mit einem Wort, einen Mann, der als Person, als Politiker und als Symbol in diesem und in allen anderen Ämtern untragbar geworden ist. Deswegen habe ich auf Twitter heute wieder eine Variante meiner Forderung publiziert und werde das bis auf weiteres in nummerierter Form tun:

Nr. 19
Herr Sobotka, Sie sind unhaltbar. Treten Sie zurück!

Wer dem freiwillig zustimmt, ist mir willkommen. Kampagne ist das keine. Nur nachhaltige, öffentlich geübte Kritik. Schauen wir, ob sie durch Wiederholung abstumpft oder an Schärfe gewinnt.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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