Welle, Waldbrand oder was? Die Pandemie geht weiter.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 106


ARMIN THURNHER

30.06.2020

Ich freue mich, heute wieder den Virologen Robert Zangerle, emeritierter Univ.-Prof. aus Innsbruck, ans Wort zu lassen. Ich darf ihn nicht mehr loben, sonst beendet er unsere Korrespondenz, sagt er. Das will ich nicht, denn hier erhalten wir wichtige Aufklärung über die Corona-Pandemie, die noch lange nicht ausgestanden ist. Heute geht es um die Frage: Zweite Welle und die richtige Vorbereitung auf das unbekannte Kommende. Herr Professor, bittesehr:

»Die „erste Welle“ ist noch nicht vorbei. Schon fragen viele: „Gibt es eine zweite Welle?“ und da diese, nach Erfahrungen mit der Grippe, meist schlimmer sein soll, fragen einige rhetorisch: „Gibt es einen zweiten Lock down?“, um das gleich mit: „So etwas darf es nie mehr geben“ zu beantworten. 

Die jetzt ins Spiel gebrachten zweiten Wellen (Iran, Israel, Südkorea, Nordrhein Westfalen, gar Österreich) können genauso gut als Teil der ersten Welle gesehen werden. Ob wir nun in einer ersten oder zweiten Welle stecken, ist eine unnütze Diskussion.

Beim Begriff der zweiten Welle bezieht man sich auf Beobachtungen von Grippepandemien, auf die Spanische Grippe von 1918/19, die Grippepandemie 1957/58  und die „Schweinegrippe“ von 2009. Kristine A. Moore, Marc Lipsitch, John M. Barry und Michael T. Osterholm versuchen aus an Grippepandemien gewonnenen Erkenntnissen die Zukunft von Covid-19 Szenarios zu skizzieren. 

 

Die drei Szenarios möglicher „Covid-Wellen“ (siehe Text unten)

Bei Szenario 1 folgen dem ersten Corona-Ausbruch weitere, kleinere Wellen, die nach und nach an Heftigkeit verlieren. Als Reaktion auf neue Infektionsherde müssten die Anti-Corona-Maßnahmen immer wieder verstärkt und gelockert werden, vermutlich jedoch nur lokal begrenzt.

Szenario 2 baut am stärksten auf Erfahrungen mit der Grippe auf. Der jetzt eben abgelaufenen eher „kleineren“ Welle folgt eine zweite Infektionswelle im Herbst oder Winter. Dieses Szenario würde eine Wiederholung der Lock down-Maßnahmen nötig machen. 

Szenario 3 wurde bei Grippe nicht beobachtet, scheint bei Covid-19 aber eine ernsthafte Möglichkeit und skizziert ein langsames Abebben der viralen Aktivität, das keine weiteren Perioden von Lock Downs erfordern würde.

Welches Szenario zutreffen wird, ist offen. Die Autoren gehen bei allen drei Szenarien davon aus, dass das Corona-Virus sich innerhalb von 18-24 Monaten entweder so an den Menschen anpasst, dass es entweder zu ähnlich milden Krankheitsbilder führt wie bei den jetzigen weniger pathogenen Corona Viren OC43 und HKU1, oder es zu einer natürlichen Immunität kommt. Ohne Medikamente und ohne Impfung.

Marc Lipsitch und Michael Osterholm sprechen lieber vom „Waldbrand“ als von „Wellen“. Beides sind keine medizinisch-wissenschaftliche Begriffe, sondern Metaphern.

Die Welle symbolisiert ein Auf und Ab, wobei mit dem Runterkommen ein Automatismus assoziiert wird, der aber bei Infektionskrankheiten nur dann zu beobachten wäre, wenn große Teile der Bevölkerung immun geworden sind. Davon sind wir aber sehr weit entfernt. Die Welle kann auch nicht symmetrisch sein, weil sowohl Maßnahmen gegen die Ausbreitung als auch die Heterogenität der Bevölkerung das nicht zulassen. Man (auch ich) wird natürlich immer wieder von Wellen sprechen, weil der Begriff so populär ist. Der Waldbrand hingegen hätte den Vorteil, Instabilität zu vermitteln, weil Funken für mehr Feuer sorgen, sobald genügend trockenes Holz herum liegt.

Das Problem: Szenario 2 ist möglich, ein worst case, auf den sich nicht vorzubereiten katastrophale Folgen hätte. Hat man aus der mangelnden Vorbereitung Anfang des Jahres ausreichend gelernt? Dazu gehörte eine deutliche Verbesserung von Testen, Rückverfolgen, Isolieren und Quarantäne (TRIQ ©Matthias Egger). Das kann aber nur funktionieren, wenn die Fallzahlen klein bleiben. Das wiederum erfordert Einschränkungen bei Veranstaltungen, Abstandhalten, Händehygiene und Masken.

Der Reihe nach. Funktioniert das Testen und vor allem wird es funktionieren, wenn uns im Herbst erneut eine Armada von unterschiedlichen Viren mit Schnupfen, Halsweh und Husten quälen wird? Ein schnelles Ergebnis eines Tests, von unserem Hausarzt oder unserer Hausärztin veranlasst, wäre eine Selbstverständlichkeit. Aber ob die einfach so einfach testen werden können, bleibt derzeit völlig offen, weil die Bezahlung der Tests ungelöst ist. Das ist in einer Pandemie Angelegenheit des Staates und nicht der Krankenversicherungen!

Viele Länder haben klar gestellt, dass sie die Kosten für alle Testungen übernehmen werden. Damit wären auch Benachteiligungen von Bevölkerungsgruppen durch Selbstbehalte und/oder einen erschwerten Zugang zum Test behoben. Jetzt übernimmt der Staat die Kosten nur, wenn die Testung über die Rufnummer 1450 läuft. Den Ablauf über 1450 während einer Erkältungswelle können wir uns lebhaft vorstellen, jedenfalls wäre er zu langsam.  Dann wäre ein Lock down aber nicht mehr weit. Wollen wir den nicht verhindern?

Es schaut im Augenblick so aus, als würden die Zahlen Covid-19 positiver Personen mehr oder weniger fast überall leicht ansteigen (R Wert vom 21.6. 1,55). Da ist es besonders wichtig zu wissen, ob überhaupt richtig und genug getestet wird. Meldungen wie „Wien bei CoV-Tests pro Einwohner an Spitze“ verstören doppelt: Covid ist weder eine neue Sportart, und in der Beurteilung, ob genügend getestet wird, ist die Meldung völlig unnütz. Dazu wären jeweils aktuelle Zahlen zur Positivitätsrate erforderlich, diese Rate ist in der Schweiz zuletzt von 0,3 auf 0,7 gestiegen, auch sehen die Mitglieder der Task Force dort als Argument gegen weitere Lockerungen.

Bei durchschnittlich 60 neuen Fällen in den letzten Tagen in Österreich wären also täglich mindestens 8600 Tests durchzuführen, um auf eine Rate von 0,7 zu kommen. Auch von diesem Ziel sind wir ein Stück entfernt, im Augenblick wird die Zahl auf 5-6000 Tausend pro Tag geschätzt. Keine Chance, diese Zahl über das Dashboard unseres Ministeriums zu erfahren. Wobei die Positivitätsrate auch für die verschiedenen Altersgruppen,  Geschlechter und für die einzelnen Bundesländer ermittelt und mitgeteilt werden sollte.

Für die Bewältigung der Covid-Pandemie brauchen die Menschen Vertrauen, dazu ist wesentlich mehr Aufklärung erforderlich.«

Dem füge ich nichts hinzu, außer:

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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