Als ich einmal im Stonewall tanzte

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der vervirten Welt 105


ARMIN THURNHER

29.06.2020

Wir müssen einmal etwas herunterkommen. Ha! Bin ich noch nicht heruntergekommen genug? Natürlich bin ich das. Ich meine auch chillen, wenn ich herunterkommen sage; runterkommen wäre klarer, aber als Anhänger von so etwas wie österreichischem Deutsch, gehen mir runter, raus und rüber schon mal ordentlich auf die Nerven. Ja, das mal auch, musste ich euch mal sagen. Nein, Freunde und Freundinnen, wir sprechen hier stets korrekt zueinander, nicht diese Töne lasst mich anschlagen, sondern andere.

Die Regenbogenparaden am Wochenende erinnerten an etwas, an das Jubiläum der Revolte vom 28. 6. 1969 vor dem Stonewall, jenem Lokal in New York, in dem sich von 51 Jahren Schwule und Lesben (Transgender stand noch nicht auf der Karte, bisexuell bedurfte keiner Erwähnung, queer reichte) gegen die Polizei erhoben.

Ich habe ein kleines Buch geschrieben, den Beginn einer geplanten Trilogie, von deren Vollendung ich gern erzähle. Sie ist auch fertig geplant und in Arbeit, wenn ich nicht gerade Seuchenkolumnen und Falter-Kommentare schreibe oder die Sense führe. In diesem Buch erzähle ich von meinem Besuch im Stonewall. Begünstigt von der Gnade der frühen Geburt und geführt von einem neugierigen Freund, Bruce, der wiederum einen schwulen Freund an der NYU hatte, Jerry, war ich tatsächlich dort.

Stonewall Inn, NYC. 1969 stand im Fenster: „Wir Homosexuellen bitten unsere Leute inständig, sich bitte friedlich und ruhig auf den Straßen des Greenwich Village zu verhalten“. Bei meinem Besuch 1967 stand dort noch nichts.
Foto: Diana Davies, © New York Public Library

Von der „Schwulenseuche“, wie man sie nannte, von Aids also, hatte man damals (1967) keine Ahnung. Homosexualität verstieß gegen das Gesetz. Man verkehrte gern, ungeregelt und ungeschützt, Tripper und Filzlaus gehörten sozusagen zum Geschäftsrisiko und wurden in der Popmusik der Tage entsprechend besungen, von John Mayall („Medicine Man“, Blues from Laurel Canyon) bis Frank Zappa („Dinah-Moe-Humm“, Overnite Sensation).

Hier ein kurzer Auszug aus dem Buch:

Gehen wir ins Stonewall, sagt Jerry.
Bruce ist begeistert. Ich weiß nicht, was mir bevorsteht.

Bruce sieht die Sache anthropologisch, ein geiler Ort.
Jerry sieht sie erotisch. Er hat diebische Freude, zwei Anfänger dorthin zu locken.
Und wer weiß, vielleicht würde ich mich animieren lassen?
Den Versuch war es wert.

Das Stonewall gehört der Mafia, erklärt Jerry. Die wissen Bescheid, wann es Razzia gibt, das machen die Cops dort ein-, zweimal im Monat, und üblicherweise ist die Szene informiert. Heute keine Razzia, glaubt mir.

Über dem Eingang hängt ein riesiges Schild: Stonewall Inn, darüber in kleineren Buchstaben: Restaurant. Hier gibt es nichts zu essen. Das Haus ist niedrig, Erdgeschoß und ein Stockwerk, die Fassade aus roten Ziegeln.

Wenn Homosexualität verboten ist, wie kann es so ein Lokal überhaupt geben, frage ich, besorgt um die öffentliche Ordnung.

Die Genovese-Family schmiert die Bullen. Einmal in der Woche kriegen die ein Päckchen Dollars, damit ist Ruhe. Es ist übrigens der einzige Ort in New York, wo schwule Pärchen miteinander tanzen können.
Aufs Klo brauchst du nicht gehen, erklärt Jerry, es gibt kein Fließwasser, aber es stehen Leute immer Schlange.
Nicht nur wegen der Toilette, sagt Bruce.

Hörst wieder einmal das Gras wachsen, antwortet Jerry. Wenn ihr Gras kaufen wollt, ist hier sicher keine schlechte Gelegenheit. Drinks gibt’s gleich an der Bar.
Weder Bruce noch ich wollen aufs Klo oder Gras kaufen.
Jerry geht voraus ins nächste Zimmer. Es ist nicht sehr groß, die Beleuchtung wechselnd, zur Zeit gerade rötlich-orange. Etwa dreißig Paare, vor allem Männer, auch ein paar Frauen tanzen miteinander.

Komm, sagt Jerry, probier’s.
Ich lasse mich auf die Tanzfläche ziehen. Offen Tanzen…
Wie auf Bestellung (Jerry?) ändert sich die Musik, schon tanze ich enger mit dem griechischen Freund.
Und wieder wie von Zauberhand wechselt der Partner, ein stattlicher Langhaariger mit Schnurrbart, Perlenkette, Raulederjacke und Fransenjeans zieht mich an sich und fragt, ob ich zum ersten Mal hier bin.

Ich antworte wahrheitsgemäß und versuche, locker zu bleiben.
Ah, he’s from Europe, teilt er der Allgemeinheit mit. Bin ich froh, dass ich nicht meinen Schnürlsamtanzug trage.
Ein Hof von Peinlichkeit legt sich um uns. Gibt es jemanden im Raum, der nicht herfeixt?
Der Langhaarige drückt seine Wange an meine, sodass ich eine leicht stoppelige Männerhaut an meiner Backe fühle, und lässt wieder los.

Ist es dir unangenehm?
Mhm. Ich will nicht unhöflich sein, spüre aber nichts, was mich erregen würde.
Der Langhaarige zieht mich enger an sich, das Licht wird dunkler.
Unangenehm nicht, sage ich jetzt, aber ich muss noch darüber nachdenken. Ein andermal vielleicht. Und trolle mich zu Bruce, der von der Wand aus interessiert zusieht.

Und?
Was und? Wenn es mich interessiert hätte, hätte ich weitergetanzt.
Hey, du hast im Stonewall getanzt, ruft Jerry anerkennend.
Ja, aber jetzt ist es genug.

Ich gehe mit Bruce Richtung Washington Square Park.
Jerry bleibt.

Ich hatte das Gefühl, das sollte ich Ihnen mitteilen. Montag vormittag ist genau der richtige Zeitpunkt für eine kleine Erholungspause von Krankheit, Kanzler, Krise.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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