Nullprosa. Der Kanzler spricht.

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 96


ARMIN THURNHER

20.06.2020

Die Entscheidung, wie man sie nennen soll, fällt nicht leicht. Schmalhansprosa? Man will ja nicht die Hungernden der Welt kränken, nicht einmal die freiwillig Hungernden. Schmalspurprosa? Nein, wir hänseln keine Nebenbahn. Im Gegenteil, hoch lebe sie, die Nebenbahn, als Opfersymbol einer zusperrfreudigen, kapitalgetriebenen Verkehrspolitik. Sagen wir einfach Kanzlerprosa dazu? Geht auch nicht, es gab andere Kanzler, und es gibt die Kanzlerin, in vieler Hinsicht als Gegenbild öffentlichen Sprechens.

Messageprosa? Zuviel der Ehre. Vielleich ginge Massageprosa, denn das ist es, was diese Sprache will und soll, sie soll uns massieren, bis wir so uns wohlig und rosig fühlen wie ihr Sprecher, bis wir uns ihm angleichen in seinem gegroomten Habitus, der uns mitteilt, er mache eh alles richtig, also machen auch wir es richtig, wenn wir ihn machen lassen. Alles groomy!

Andererseits wollen wir nicht das ehrbare Gewerbe der Masseure und Masseusen in Verruf bringen, die allesamt besseres Deutsch sprechen als diese Kanzler-Nullprosa.

Spricht er diese seine Nullprosa, fühlt man sich als Publikum nicht nur wohlig, man ist gebannt von einer im Stressfall leicht, aber nur leicht angehobenen Stimmlage, man ist begeistert von der selbstverliebten Arroganz, mit der er eingeübte Volten platziert, man ist fasziniert vom Geschick, einfache Fragen ebenso einfach nicht zu beantworten und dabei das Gefühl entstehen zu lassen, der Sprechende habe mehr gesagt, als er gefragt worden sei, und man ist geradezu mitgerissen von der wohlgeschulten Nonchalance, mit der dieser Sprechende falsche Behauptungen aufstellt, als wären es unumstößliche Fakten. Bei all dem überhört man, was man hört.

Hohes Können in öffentlicher Darstellung wollen wir diesem Sprecher nicht absprechen. Er ist kein Künstler, aber ein Könner. 60 Prozent aller politischen Medienpräsenz gingen in der Seuchenkommunikation auf sein Konto. Er krönte sich auf unsere Kosten (wir zahlen seinen aufgeplusterten Medienberaterstab) zum Corona-Kanzler. So kann es weitergehen, denkt er. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter, aus noch zu erforschenden Gründen das Lieblingsmedium des US-amerikanischen Präsidenten, erschienen am 17.6. vier Tweets des Bundeskanzlers Kurz. Liest man sie, ohne ihn dabei zu hören, wird auf einmal alles klar.

Historische Form des &-Zeichens; das lateinisch „et“ (und) ist gut erkennbar

„Wir machen als Republik Österreich einen weiteren wichtigen Schritt durch diese Ausstattung, aber auch durch die Lehrerausbildung in diesem Bereich. Es ist ein großer Schritt für die Schule, aber auch ein wichtiger Schritt für die Vorbereitung auf die Berufswelt. Im vergangenen Jahrhundert wurde mit der Einführung der gratis Schulbücher ein wichtiger Schritt für die Bildung gesetzt. Der nächste Schritt im 21. Jahrhundert ist die Ausstattung der Schülerinnen & Schüler mit Tablets & Laptops. Die Krise hat einmal mehr aufgezeigt, wie wichtig die Digitalisierung ist, wie sie tagtäglich mehr Einfluss auf unser Leben nimmt & unser Leben verändert. Die Digitalisierung muss auch stärker an der Schule stattfinden. Die Corona Pandemie hat auch unsere Schulen sehr stark verändert. Ein großes Danke an alle Direktoren, Lehrer, Schüler & Eltern, die in dieser Zeit viel geleistet haben, wie z.B. beim Homeschooling & Distance Learning.“

Wir machen einen schnellen Schritt durch diese Ausstattung und stellen fest, dass bereits im zweiten Satz die bei der Mondlandung gedroschene Phrase geklaut wird. Den wichtigen Schritt, der seinerzeit „gesetzt wurde“, hat übrigens Bruno Kreisky gesetzt; das Passiv soll hier entpersonalisieren, Kreisky heißt jetzt Kurz. Es handelte sich damals um Schulbücher, also um Lehr- und Lerninhalte.

Die Krise habe nun „einmal mehr“ aufgezeigt, „wie wichtig die Digitalisierung ist“, so geht es weiter, holprig und mit kaufmännischen Und-Zeichen programmatisch gesprenkelt wie mit einem Ausschlag. Die Wahrheit schlägt aber durch: Die ach so wichtige Digitalisierung an die Schule zu bringen, gewiss als „Public-Private-Partnership“ mit den IT-Konzernen, und diesen Akt als Wohltat anzupreisen, ist pure Volksverdummung.

Bildungspolitik hingegen wäre es, ein Schulprogramm vorzustellen, das Schülerinnen und Schüler mit jenen Vorgängen vertraut macht, die via Digitalisierung unser Leben bestimmen, und sie instand setzt, damit vernünftig, also kritisch und selbstbestimmt umzugehen.

Digitalisierung bedeutet die Fremdbestimmung unseres Lebens in großem, neuem Stil, eine neue Form der Kolonisation. Wer dazu nichts zu sagen weiß, als dass die Digitalisierung „auch stärker an den Schulen stattfinden“ müsse, der sagt mehr als nichts, der sagt, dass er sich dazu nicht nur nichts überlegt hat, sondern dass ihm alles wurscht ist, solange ihm als Antwort auf seine monumentale Gedankenlosigkeit angesichts des entscheidenden Vorgangs der Gegenwart, auf sein „großes Dankeschön“ und auf seine Bemühung, jeden Gedanken durch propagandistische Nullprosa wegzuplanieren, ein herzlich & warm gefühltes „Danke, Herr Bundeskanzler!“ entgegenschallt.

Heute nicht. Danke für Null, Herr Bundeskanzler.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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