Heute: lesenswert, gendergerecht

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 94


ARMIN THURNHER

18.06.2020

Diese Kolumne verändert mein Leben, und zwar nicht zum Schlechten. Sie nötigt mich, Dinge zu notieren, die ich sonst übergehen würde, mit dem Ausdruck des Bedauerns, mit einem Achselzucken, hinein ins nächste Meeting, vergessen. Jetzt aber: Notiznötigung. Zum Thema Sprache zum Beispiel.

Einige, die meine Texte sonst offenbar meist nicht für „lesenswert“ halten, lobten meinen Kommentar im aktuellen Falter. „Lesenswert“ ist eine jener Einschätzungen, die auf Twitter grassieren und von den dortigen digitalen Gutsherren, Gutsfräuleins und Lehensleuten gönnerisch verteilt werden. Noch kein Lob, aber am Rande eines Lobs. Lesen Sie, dann sehen Sie.

„Lesenswert“ ist die Vorstufe zu „großartig“. Adjektiva sind auf Twitter dünn gesät und nicht sehr vielfältig. Das Verhalten dort macht alle zu Narzissten, ob sie wollen oder nicht. Natürlich wollen sie, sonst wären sie nicht dort. Ich beklage mich nicht.

Ihr Lob verknüpften die Lobenden übrigens mit dem Zusatz, es handle sich bei meinem Text um einen Leitartikel. Ich habe schon öfter dargestellt, warum ich keine Leitartikel schreiben will, und nicht möchte, dass im Falter solche erscheinen. Es gibt Menschen, die Redaktionen leiten, man nennt sie Chefredakteurinnen oder Chefredakteure. Sind sie gut, überzeugen sie, zwingen aber nicht. Ihre Texte sollen sein wie ihr Verhalten und ihr Verhalten wie ihre Texte: Denkanstöße, Empörungen, Argumente, meinetwegen Wutanfälle, Polemiken, Satiren, alles, nur keine Kommandos. Anleitungen vielleicht, aber keine Leitung, der die Untergebenen zu folgen haben. Ich warte vergebens auf den Witz: Schreibt der T. keine Leitartikel, schreibt er halt Leidartikel. Wir alle leiden daran, an dieser angeberischen Belesenheit, an diesen vielen Fremdwörtern, an diesen üppigen Nebensätzen und an diesen wuchernden Perioden – eine Zumutung.

„Gewaltig viel Noten, Mozart“, sagte Josef II. zum Komponisten nach der Aufführung der Oper Entführung aus dem Serail. „Gerade so viel Noten, Eure Majestät, als nötig sind“, antwortete dieser. Ich will mich nicht mit Mozart vergleichen, aber ich habe Gründe, so zu schreiben, wie ich schreibe.

Das mit dem Leitartikel halte ich nebenbei fest, weil ich feststelle, dass man schnell vergisst. Ich merke mir selber kaum, was ich gestern geschrieben habe, aber deswegen schreibe ich es ja auf. Die Episode mit dem Kaiser fiel mir nur ein, weil die Spitzen unserer heutigen Politik auf Twitter eine Sprache sprechen oder schreiben lassen, die in ihrer Hässlichkeit von ihren Taten nichts Gutes erwarten lässt, geschweige denn, dass sie sich je die Mühe machen würden, zeitgenössischer Musik mit einem Urteil gegenüberzutreten.

Lassen wir das. Wir sind im Sprachgeschäft, und meine Aufgabe sehe ich darin, dieses Geschäft nicht zu einem solchen verkommen zu lassen, sondern in der Sprache zu retten, was an Sprache zu retten ist.

Mein gelobter Kommentar wollte dazu auffordern, sich nicht von digitalen oder anderen Mobs beeindrucken zu lassen. Weder in der einen noch in der anderen Richtung. Weder in jener eines verlogenen, in Wahrheit nur an sich selbst interessierten Pluralismus noch in jener der Anbiederung an Bewegungen, die vermeintlich das Recht der Geschichte auf ihrer Seite haben.

Gerade Befreiungskämpfe, Kämpfe um Gerechtigkeit schießen übers Ziel hinaus, müssen übers Ziel hinausschießen. Gegen ihren Gestus des frischen Alles-Abschaffens gilt es, sich zu wehren. Totales Mitmachen ist immer verdächtig.

Grafik: clip_art

Als ich im August 1968 auf einem Ozeandampfer aus den USA zurückkehrte, jung, revolutionär, im sicheren Besitz einer neuen Wahrheit und einer neuen Welt, und mit Sicherheit ebenso dumm wie klug (Sicherheit macht immer dumm), saß ich jeden Abend am Tisch mit einem kaum mehr als zehn Jahre älteren englischen Literaturprofessor, der aus Harvard nach Oxford zurückkehrte. Seinen Namen habe ich vergessen, vielleicht stellten wir uns einander auch nicht formell vor, nicht aber einige unserer Konversationen. „Wissen Sie“, sagte er zu mir, „ich lerne Gedichte auswendig (I’m memorizing a stock of poetry), damit ich im Gefängnis, in das mich Leute wie Sie bald werfen werden, etwas zu meiner Unterhaltung habe. Sie werden mir gewiss auch meine Bücher wegnehmen.“

Ich lachte das weg, denn ich wollte nicht wahrhaben, was gerade in China geschah (genau das, was er von mir befürchtete), während wiederum er die fundamentale Harmlosigkeit hinter unserem revolutionären Gehabe nicht durchschaute. Also unterhielten wir uns zivilisiert weiter. Blöd wie ich war, fragte ich ihn nicht näher nach dem Inhalt seines „stock of poetry“; den würde ich heute sehr gern kennen.

Ich wollte etwas über gendergerechte Sprache sagen. Das lasse ich bleiben, schon verknappt sich der Platz. Möchte nur anmerken, dass es mir gelungen scheint, einen komplett gendergerechten Text zu verfassen, ohne der Sprache in irgendeiner Weise Gewalt anzutun. Das geht, behaupte ich, ohne große, aber nicht ganz ohne Überlegung. Gendergerechte Sprache in einem unverhunzten Sprachbild braucht nicht mehr Platz als sonst und scheint mir der Mühe allemal wert zu sein. Lesenswert, von mir aus.

Weiterhin: keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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