Intransparenz, unser altes Virenleid. Und ein Virenlied

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 93


ARMIN THURNHER

17.06.2020

Manchmal schreibt sich diese Kolumne von selbst, manchmal behindert ein Mehrfachimpuls die Selbstschreibung. Ich möchte über zu viele Dinge gleichzeitig schrieben. Das muss nicht schlecht sein, wenn man die Form bewältigt. Heute versuche ich, den einen Impuls aufzuheben und dem anderen nachzugeben. Der ein, nur für die Chronik, wäre eine kleine Erweiterung meines aktuellen Falter-Kommentars gewesen. Kommt morgen hier, wenn mir nichts dazwischen kommt. Nur ein kleiner Teaser: Menschen, die sich als besonders demokratisch verstehen, weil sie die Welt ändern wollen, indem sie die Beschreibung der Welt ändern, sprich die Wörter, solche Menschen neigen zu besonderem Autoritarismus und beenden einschlägige Diskussionen im Stil, wenn ich das sagen darf, – ja, ich, wer denn sonst, nur ich darf das sagen! – sie beenden sie in einem Stil, der sogar alten weißen Männern zu blöd wäre: Kusch. Wörtlich: „Ich wünsche diese gestörte Diskussion jetzt wirklich sofort zu beenden.“

Ich hingegen wünsche eine andere gestörte Diskussion fortzusetzen. Kollegin Barbara Tóth hat im Falter mit zwei Experten der Corona-Task-Force ein sehr aufschlussreiches Gespräch geführt, mit dem Mathematiker Niki Popper und dem „Public-Health-Experten“ Martin Sprenger. Unter anderem stellen die beiden fest, die Angstparolen des Kanzlers seien überbordend und vor allem unnotwendig gewesen. Ich bin ja noch immer bereit, diese Parolen zu verteidigen; allerdings ausgehend von der wenig schmeichelhaften Prämisse, dass die autoritätsgläubige österreichische Bevölkerung nicht anders zu bewegen war, den Lockdown Anordnungen Folge zu leisten. Die Prämisse ist giftig, aber vermutlich realitätsnah. Auf dem Land sind die Menschen gefolgt, und sie haben gefolgt, wie der Volksmund sagt. Aber die folgsamen sind nicht jene, die in vernünftigen Gesprächen für Argumente gewonnen werden. Es sind jene, die verführt werden müssen, ausgeblufft, eingeschüchtert.

„Bald wird jeder von uns einen autoritären Führer kennen“
Foto APA / @ Robert Jäger

Dafür bedarf es starker Personen an der Spitze, und „der Kanzler“, also Kanzler Kurz, tut alles, sich zu so einer Führungsperson zu stilisieren. Dazu gehört, seine Entscheidungen als Gebot über den Ausnahmezustand, als singuläre Maßnahmen hochzujazzen, die nur er treffen konnte, weil alle anderen zauderten. Mit Nachdruck die Einzigartigkeit des Starken, der am mächtigsten allein ist (Schiller), auch dem folgsamen Volk und den feinhörigen Medien mitzuteilen, ist Teil dieser Inszenierung.

Die beiden Herren im Gespräch mit Frau Tóth löcken wider diesen Stachel, nicht ohne den autoritären Babyelefanten im Raum zu nennen, aber nicht beim Namen. In der Tat „zirkulieren die Viren“, wie es so schön in diesem Gespräch heißt, eine Wendung, die mich gleich zu einem Wienerlied inspiriert hat, das ich Ihnen am Ende mitteilen darf.

Zuvor aber möchte ich mit Nachdruck– aber ohne Lebensgefahr für Sie! – in den Raum zu stellen, darauf hinweisen, worauf mich auch der Virologe meines Vertrauens ständig hinweist, nämlich dass unser Nachbar, die Schweiz, ganz anders mit dieser Krise umgeht. Transparent und nachvollziehbar in jeder Hinsicht. Lesen diesen Bericht, und Sie erkennen den Unterschied.

Statt persönliche Reichweitenprofite abzumelken und nimmermüde maskiert in läppischen Inszenierungen vor die selektierte Presse zu treten, ließen die Schweizer ihren Krisenstab sprechen. Es war die Armee, die dort eine glänzende Rolle spielte. Der oberste Armeechef gab gleich am ersten Tag die Sprecherrolle auf, weil er nicht gut genug französisch sprach, und überließ Raynald Droz die Bühne, einem jüngeren Brigadier aus der französischen Schweiz. Unmilitärisch legte sie es an, die Schweizer Armee. Bei uns zogen sie die Heeresministerin nach ersten unzumutbaren Auftritten in Tarnanzügen schon vor Corona aus dem Verkehr.

Die Wissenschaft organisierte sich in der Schweiz in einer Task-Force die auf ihrer Website alles transparent macht, was sie unternimmt. Bei uns hingegen herrscht sich selbst auf die Schulter klopfende Intransparenz, niemand kennt sich auf der Website des Gesundheitsministers aus, niemand darf wissen, wer wieviel Geld bekommt, als wäre es im digitalen Zeitalter nicht ein leichtes, eine Transparenzdatenbank öffentlich zu machen. Stattdessen schicken sie die Kanzleramtsministerin mit Turboschwurbo-Auftrag vor, ein Informationsfreiheitsgesetz anzukündigen, naturgemäß frei von Information bei Details.

Am wenigsten aber dürfen wir über die Gedanken jener Sprachregelungsdrechsler Bescheid wissen, jener Spindoktoren und Schwurbelsprech-Dreher, die dem Kanzler das Skript liefern. Sonst wäre uns klar, dass Sebastian Kurz zwar das Corona-Virus bekämpfte, es aber zugleich benützte, um möglichst viele Menschen mit dem Virus des Autoritarismus zu infizieren. Man kann ihn einen Virengewinnler nennen. Bald, am Ende der Krise kennt jeder von uns einen autoritären Führer. Hoffen wir, dass die sanitären Einrichtungen dagegen (Parlament, Zivilgesellschaft, Presse) diesem Ansturm standhalten. Zum Trost abschließend das versprochene Wienerlied (das Büro hofft auf kompetente Vertonung!):

Virenwienerlid

Der Himmelvater kann irren
und schickt die falschen Viren
so türkis oder grün
ins rote Wien.
Aber Viren halbieren,
das kann
nur unser Wien!

Ob s’ auf-, ob s’ zuspirren –
schuld san die Viren.
Uns lassn’s ned flanieren
aber sie zirkulieren
schon wieder
durch unser
schön’s Wien

Diese Viren kapieren?
Des is ned drin.
Bleibt alles papieren,
hat alles kan Sinn.
Und immer zirkulieren
die Viren
durch Wien

 

Zum Wohl! Und keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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