Hier spricht der Virologe: Raus aus der Vertrauenskrise!

Seuchenkolumne. Nachrichten aus der Selbstisolation 89


ARMIN THURNHER

13.06.2020

Seuchenkolumne ohne den Virologen meines Vertrauens, das geht nicht. Die politische Seuche und meine poetischen Ausflüchte, nein Ausflüge können nicht alles sein, was Ihnen hier geboten wird. Heute hätte die Regenbogenparade stattfinden sollen. Heute passt es, Ihnen wieder ein paar kompetente Informationen des renommierten Virologen Robert Zangerle zu Großdemonstrationen und Lockdown-Ende sowie strategische Überlegungen zur Kenntnis zu bringen:

„Um eine Pandemie unter Kontrolle zu bringen und sie dort zu halten,  sind Zeit und Vertrauen maßgeblich. Man lese Jonathan Quicks Buch „End of Epidemics“  von 2018. Jetzt, wo die Pandemie in Österreich und vielen Ländern (Neuseeland!) unter Kontrolle ist, wird eine Beurteilung, was adäquates Verhalten sein soll, sehr, sehr schwierig.

50.000 bei der Black-Lives-Matter-Demo am 4.6. in Wien. Foto apa @ Hans Punz

Alle wissen, dass Menschenansammlungen (besonders, wenn auch geschrien und gesungen wird) eine Gefahr für die Übertragung von SARS-CoV-2 darstellen. Dazu gehören klarerweise Demonstrationen, selbst wenn dort, weil im Freien, die Übertragungswahrscheinlichkeit massiv reduziert ist. Viele Demonstrationen (nicht alle!) haben einen weiteren Vorteil: sie „bewegen“ sich. Das hilft, die Kontaktzeit zu reduzieren. Organisatoren von Demonstrationen müssten das in eine kreative Gestaltung einbeziehen. Eine Kundgebung allein, selbst auf einem großen Platz, wäre jetzt kontraproduktiv. Das Tragen von Masken und Brillen (Sonnenbrillen nach Sonnenuntergang sind vielleicht nicht das Gelbe vom Ei) sollte eine Selbstverständlichkeit sein.

Bei Schreien oder Singen ist ein Abstand von etwas mehr einem Meter völlig unzureichend. Deshalb ist die von Rudolf Anschober, Birgit Hebein und Peter Hacker arg vereinfachend kommunizierte Formel „Abstand oder Maske“ natürlich infektiologisch unhaltbar, und war, wie ich vermute, von ihnen auch so nicht gemeint.

Übrigens hat die WHO ihre Haltung zu Masken revidiert, Trisha Greenhalghs Intervention (Seuchenkolumne XX) hat Wirkung gezeigt, auch eine Arbeit in einer sehr angesehenen Zeitschrift über die mangelnde Wirkung von Masken wurde zurückgezogen (hier  und hier)   

Es gilt, bei Demonstrationen nicht nur von der Politik geforderte Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit sofort umzusetzen, sondern auch bei den veranstaltenden Organisationen einen Diskussionsprozess in Gang zu setzen. Das Argument von „zweierlei Maß“ warf unmittelbar nach den Demonstrationen die FPÖ der SPÖ vor. Viele Gastronomen beklagten ein Ungleichgewicht und nützten die Gunst der Stunde.

Unbedingt zu vermeiden gilt es, eine Diskussion zu führen, die sich in der Nähe von „der Zweck heiligt die Mittel“ bewegt („Don’t complicate what is complicated“) . Das würde schiefgehen, weil der „Zweck“ von den Machthabenden und deren Zentralorganen recht schnell „neu“ definiert würde. Nach diesen Demonstrationen ist Kleinwalsertal für Kurz natürlich längst Schnee von vorgestern (obwohl er gerade durch diesen Auftritt Vertrauen aufs Spiel setzte).

Wir müssen alles tun, um aus dieser noch kleinen Vertrauenskrise heraus zu kommen, um keine große entstehen zu lassen, weil wir sonst tatsächlich eine (vermutlich) vermeidbare zweite Welle bekämen. Vergessen wir nicht, wieso es überhaupt zum Lock down gekommen ist: man hat die Kontrolle über die Ansteckungsketten komplett verloren. Zu wenige Tests, zu wenig effizientes Contact Tracing.

Die rigorose Unterbrechung von Übertragungsketten ist DIE epidemiologische Strategie, um nicht wieder die Kontrolle zu verlieren. Testen, Rückverfolgen (Contact tracing), Isolieren und Quarantäne: das ist der TRIQ!“ (©Matthias Egger, SNF). Das Isolieren bezieht sich auf positiv getestete Fälle, die Quarantäne auf deren Kontaktpersonen Und sie macht auch ökonomisch Sinn. Man würde hier am falschen Ort sparen. So ein Konzept kann man in den Policy Briefs der Schweizer Task Force nachlesen. Wo sind die vergleichbaren Stellungnahmen Österreichs?

Was uns ganz besonders fehlt, ist eine Stellungnahme zu Prinzipien einer „Strategie, um die SARS-CoV-2-Epidemie zu kontrollieren und gesundheitliche und wirtschaftliche Schäden zu minimieren“. Wo sind österreichische Positionen zu einzelnen Punkten wie dieser der ASchweiz betreffend Quarantäne? „Leute in Quarantäne und Isolation müssen rechtlich und sozial geschützt sein. Sich testen lassen und in Isolation oder Quarantäne zu gehen ist in erster Linie ein altruistischer Akt zum Schutz anderer Leute und bietet kaum direkte Nutzen für das Individuum. Es ist deshalb essentiell, dass alle rechtlichen, sozialen und wirtschaftlichen Risiken für dieses Verhalten so weit wie nur möglich reduziert werden. Personen, die sich in Quarantäne und Isolation begeben, müssen vor Stellenverlust und Einkommensverlust geschützt sein. Personen, die betroffen werden durch die Quarantäne anderer (wenn zum Beispiel ein Elternteil oder eine Pflegekraft in Quarantäne geht) sollten auch unterstützt werden, siehe diesen Policy Brief.

In Österreich gibt es nichts Gleichwertiges. Fragt man anerkannte Experten des Krisenstabs, können die keine gesicherte Auskunft geben. Es sei praktisch unmöglich, den sich ständig ändernden Verordnungen zu folgen. Man ist auf Verordnungen verwiesen, die sich auf der Webseite des Ministeriums befinden,  bzw. die Beschreibung „Was ist Quarantäne“ ebendort. Mehr demnächst!“

Wir stehen nicht enttäuscht, sehn stark betroffen
den Vorhang zu, und viele Fragen offen.
Der Dank des heute arbeitslosen Ideologen
gilt unserem nimmermüden Virologen!

Weiterhin: Keep distance, wash hands, stay human!

Ihr Armin Thurnher

@arminthurnher

thurnher@falter.at


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